Gauthier Dance hat es in der Umfrage eines britischen Fachmagazins in die Top Ten der europäischen Kompanien geschafft. Nun wünscht sich Eric Gauthier auch mehr Anerkennung in der eigenen Stadt.
Gauthier Dance hat die vergangene Saison mit ausverkauften Vorstellungen und dem Jubiläumsprogramm „15 Years Alive“ beendet. Auch zum Start in die neue Spielzeit freut sich der Kompaniechef Eric Gauthier über tolle Resonanz: In einer Umfrage wählte ein britisches Magazin Gauthier Dance in die Top Ten der europäischen Ensembles.
Herr Gauthier, wo erreiche ich Sie?
Im Theater im Pfalzbau, wo Gauthier Dance mit Anne Teresa de Keersmaekers Kompanie Rosas die Festspiele Ludwigshafen eröffnen wird. Gemeinsam mit Meinrad Huber bin ich für das Tanzprogramm verantwortlich. Wir freuen uns auf weitere bekannte Gäste wie das Nederlands Dans Theater. Nur eines bereitet uns momentan Sorge.
Und das wäre?
Das Gastspiel der Batsheva Dance Company steht durch die Kriegssituation in Israel auf der Kippe. In Ohad Naharins in Tel Aviv beheimateter Kompanie gibt es viele Tänzerinnen und Tänzer, die nun als Reservisten einberufen wurden.
Eigentlich wollte ich mit Ihnen über gute Nachrichten sprechen, und zwar über die prominente Platzierung von Gauthier Dance in der Kritikerumfrage der Zeitschrift „Dance Europe“.
Ja, die hat uns alle sehr stolz gemacht, schließlich ist „Dance Europe“ ein weltweit gelesenes Magazin. Gauthier Dance hat es in der Umfrage in die Top Ten der europäischen Kompanien geschafft. In der Liste der „Companies of the Year“ stehen wir neben berühmten Ensembles wie dem Ballett der Pariser Oper, dem Royal Ballet, dem Nederlands Dans Theater und dem Ballett Tokio.
Herzlichen Glückwunsch – das ist doch eine schöne Bestätigung Ihrer Arbeit, oder?
Ja, aber es geht mir auch um etwas anderes. Die neben uns in dieser Liste Genannten haben Mittel in Millionenhöhe zur Verfügung; Gauthier Dance ist in der Summe der Förderung durch Stadt und Land da weit davon entfernt. International gesehen spielen wir in der ersten Liga, aber in der eigenen Stadt scheint das noch nicht bei allen angekommen zu sein – leider auch nicht bei einigen politischen Entscheidungsträgern.
Lassen Sie mich raten: Die nächste Vertragsverlängerung werden Sie an eine bessere Finanzierung Ihrer Kompanie knüpfen?
Das würde ich nicht so direkt in Verbindung setzen. Tatsache ist, dass ich in den Startlöchern stehe, um über eine Verlängerung meines Vertrags bis 2029 zu verhandeln. Tatsache ist auch, dass ich auf der Wunschliste als Tanzspartenleiter von vielen Intendanten stehe. Alle wissen, dass ich mit kleinem Budget Großes hinkriege. Ständig nach Sponsorengeldern zu suchen ist für ein Festival wie Colours in Ordnung. Aber für eine etablierte Kompanie wie Gauthier Dance ist das nach 15 Jahren ehrlich gesagt sehr ermüdend. Ich warte jetzt mal ab, was die Haushaltsberatungen des Stuttgarter Gemeinderats bringen . . .
. . . und dann?
Danach kann ich vielleicht entspannter in die Vertragsverhandlungen gehen. Ich finde, die Wertschätzung, die Gauthier Dance vom Publikum und der Fachpresse erfährt, sollte sich auch in der Förderung durch die öffentliche Hand widerspiegeln. Ich bin glücklich in Stuttgart und würde hier gern weiterarbeiten. Aber ich will Dinge ermöglichen, Projekte mit Marcos Morau oder Akram Khan zum Beispiel, und nicht nur von ihnen träumen. Außerdem trage ich viel Verantwortung.
Sie meinen für Ihre Tänzerinnen und Tänzer?
Ja, ich weiß, was sie leisten, und will, dass sie ein gutes Gehalt bekommen. Sie haben eine kurze Karriere und möchten sich auf den Tanz konzentrieren, statt sich finanziell nach der Decke strecken zu müssen. Sie kommen gerade so über die Runden, wie sollen sie da für eine Zukunft nach ihrer aktiven Karriere sparen? Und 2024 läuft nach drei Jahren die Projektförderung für unsere pädagogische Arbeit „Moves for Future“ und damit auch die Nachwuchskompanie aus . . .
Laut dem Theaterhaus-Antrag für den nächsten Doppelhaushalt braucht Gauthier Dance auch eine bessere Förderung für kostenintensive Gastspiele. Bringen Gastspiele nicht Geld in die Kasse?
Das betrifft nur die Gastspiele nach Übersee, wie zum Beispiel in die USA. Die werfen durch die hohen Reisekosten keinen Gewinn ab. Aber natürlich sind sie ganz wichtig für die internationale Bekanntheit und für das Image der Kompanie. Das strahlt ja ganz unmittelbar auf die Tanzstadt Stuttgart ab.
Sie brauchen auch Geld, um eine Infrastruktur für „Moves for Future“ aufzubauen. Warum sind Ihnen die Juniors so wichtig?
Wichtig ist die Vermittlungsarbeit, die diese sechs jungen Tänzerinnen und Tänzer in Schulen leisten. Sie bringen Kinder aus unterschiedlichen Milieus in Bewegung und erreichen ein junges Publikum für den Tanz. An meinen eigenen Kindern habe ich gesehen, dass sie nach der Pandemie nicht mehr so fit waren wie davor. Ich will diese Kompanie auch deshalb etablieren, weil es derzeit sehr wenig Jobs für den Nachwuchs gibt. Alle Direktoren suchen Tänzer mit Erfahrung. Aber irgendwo müssen diese Erfahrungen gemacht werden. Bei all diesen Aufgaben fühle ich mich fast wie ein Klimaaktivist – mit dem Unterschied, dass mein Planet die Tanzwelt ist.
Wollen Sie sich auf einer Bühne festkleben?
Oh nein, wenn ich dort kleben würde, müsste ich es bestimmt länger aushalten, als mir lieb ist.
Faire Bezahlung und Förderung für den Nachwuchs erwünscht
Künstler
Eric Gauthier, 1977 in Montréal geboren, kam nach der Ausbildung am kanadischen Nationalballett zum Stuttgarter Ballett und avancierte zu einem der Publikumslieblinge. 2002 wurde er zum Solisten befördert. 2005 gab er sein Debüt als Choreograf und leitet seit 2007 das Ensemble Gauthier Dance am Theaterhaus.
Finanzierung
Das Theaterhaus hat für den Doppelhaushalt der Stadt Stuttgart eine Erhöhung der Förderung um 1,6 Mio. Euro (2024) und 1,9 Mio. Euro (2025) auf dann 4,7 Mio Euro beantragt. Vor allem soll ein neuer Haustarif die faire Bezahlung der Mitarbeitenden sicherstellen, also auch der Theaterhaus-Kompanie Gauthier Dance. Ein Teil der beantragten Mittel soll die Fortführung des pädagogischen Projekts „Moves for Future“ über 2024 hinaus ermöglichen.
Termine
Gauthier Dance tanzt Hofesh Shechters „Contemporary Dance 2.0“ vom 18. bis 22. Oktober im Theaterhaus, die Vorstellungen sind ausverkauft. Vom 23. bis 26. November stehen nochmals die „Seven Sins“ auf dem Spielplan.