Wendland? Das klingt nach Castortransporte und Sitzblockaden. Dabei hat der niedersächsische Landstrich an der Elbe im Grenzgebiet zur ehemaligen DDR viel zu bieten.
Ein lauter Pfiff und schon setzen sich 20 braune und beigefarbene Wollknäule laut blökend in Bewegung und hoppeln auf den Mann im olivfarbenen Hemd zu. Sofort ist er umringt von einer kleinen Herde von Ostfriesischen Milchschafen, die wissen: Wenn der Chef ruft, gibt es etwas zu essen. Dann rennen sie Giselher Alexander Kühn fast um, der sich zu ihnen auf Augenhöhe in die Hocke begibt. Der 64-Jährige mit der grau melierten Lockenpracht macht in Waddeweitz im Naturpark Elbhöhen-Wendland wunderbaren Käse aus der Milch seiner wuscheligen Mitarbeiter. Und schöne Kuschelstücke aus ihren Fellen „Na ja, ich muss sie auch schlachten“, sagt er und guckt beinahe ein bisschen traurig. Aber das lässt er lieber andere machen.
Aussteiger auf der Suche nach einem authentischen Leben
Giselher Alexander Kühn ist einer der vielen „Aussteiger“ im Wendland, die sich auf der Suche nach einem authentischen Leben in den bäuerlichen, stillen Landstrich an der Elbe verliebten und nach Möglichkeiten suchten, sich dort ein Leben aufzubauen. Auf die Schafe brachte ihn ein Bekannter; seit 1985 sind sie nun schon seine Passion. Wenn traditionell zwischen dem Himmelfahrtstag und Pfingstmontag vor allem Städter aus dem nahen Hamburg oder Berlin mit Fahrrädern ins niedersächsische Wendland im Landkreis Lüchow-Dannenberg strömen und zur jährlichen „Kulturellen Landpartie“ von Rundlingsdorf zu Rundlingsdorf radeln, ist er einer der vielen, die ihnen das Haus öffnen. Auch unabhängig von diesem beliebten Event ist der Milchschafhof im Ortsteil Diahren ein gern angesteuertes Ziel. Und zwar wegen des „White-Wendish“, einem Schafsmilchlikörs, der als Mitbringsel in den Taschen der Touristen landet.
Rundlingsdörfer heißen die Ansiedlungen von je kaum mehr als einem Dutzend Bauernhöfe, weil sich die Giebelseiten der Häuser zur Ortsmitte hin ausrichten. Daraus ergibt sich die Form und auch der Name. Die historische Siedlungsform entwickelte sich schon im Mittelalter. Besonders viele Rundlinge gibt es westlich von Lüchow. Viele der heute noch erhaltenen Fachwerkbauten, in denen Mensch und Tier unter einem Dach wohnten, stammen aus dem 18. Jahrhundert. In den 1970er Jahren strömten junge Menschen ins Wendland, übernahmen die leer stehenden Gebäude und renovierten sie oftmals mit eigener Hand. Im Rundlingsmuseum Wendlandhof in Lübeln erfahren Besucher viel vom traditionellen Leben in diesen Gemeinschaften.
Man setzt sich in den Schatten der hohen, alten Bäume und lässt bei Kaffee und Kuchen das historische Ambiente auf sich wirken. Bei dieser Idylle vergisst man schnell die erbitterten Auseinandersetzungen, die einst um das Atommüll-Endlager im nahen Gorleben tobten. Die Anti-Atomkraft-Bewegung organisierte Proteste und Sitzblockaden gegen die Castor-Transporte mit radioaktiven Abfällen. Der letzte Transport in das sogenannte „Transportbehälterlager“ in Gorleben fand 2011 statt. Das Aus für das „Erkundungsbergwerk“ im Salzstock Gorleben, in dem geprüft werden sollte, ob es sich als Endlager für atomarem Müll eignet, kam im September 2021. Ein Sieg der Hartnäckigkeit der Atomkraft-Gegner.
Hitzacker war einst Grenzstadt zur DDR
Was wird nun aus dem Wendland, das nach dem Zweiten Weltkrieg als sogenanntes „Zonenrandgebiet“ in einen Dornröschenschlaf fiel? Die seit den 70er Jahren aus der Alternativszene und aus Künstlerkreisen hierher Gezogenen brachten mit den Anti-Atom-Protesten auch die Ökobewegung und viel Kreativkraft ins Wendland. Das lockte Touristen an. Beim Radeln von Rundlingsdorf zu Rundlingsdorf kommt so mancher ins Schwärmen ob der flachen Landschaft, die sich aus Feldern und Wäldern zusammensetzt. Mittendrin das knapp 5000-Seelen-Städtchen Hitzacker mit seinem Ensemble von original erhaltenen Fachwerkhäusern, kleinen Läden und Cafés. Die Stadtinsel, die komplett unter Denkmalschutz steht, liegt an der Einmündung der Jeetzel in die Elbe und war einst Grenzstadt zur DDR.
Seit Jahrzehnten zieht der Ort mit seinen „Sommerlichen Musiktagen“ Fans der klassischen Musik an. Hitzacker, vor dem Krieg ein kleiner Ort mit kaum 2000 Einwohner, hatte durch den Zustrom von Flüchtlingen seine Einwohnerzahl verdoppelt. Unter ihnen waren viele Musiker, die damit begannen, Konzerte in Privathäusern und Kirchen zu organisieren. Daraus entstanden dann schon 1946 die ersten „Sommerlichen Musiktage“. Seit 1987 gibt es ein zweites Musikfestival im Winter: die Musikwoche Hitzacker mit einem Schwerpunkt auf Barock, Klassik und Romantik.
Schon früh entdeckten Touristen den Reiz von Hitzacker. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts kamen vor allem Erholungssuchende aus dem Hamburger und Hannoveraner Raum zum Kurhotel auf dem Weinberg, der sich rund 40 Meter über das Elbtal erhebt und auf dem seit dem 16. Jahrhundert Reben wachsen. Es gab hier eine eigene Quelle mit Trinkbrunnen und Badeanwendungen. Sogar eine Schifffahrtslinie Hamburg – Lauenburg – Dömitz wurde gegründet. Tagesausflüge auf der Elbe waren sehr beliebt.
Auch Andreas Sauck und Mathias Jühlke vom Museum Hitzacker lieben den Fluss, an dem sie schon als Kinder spielten. Jetzt bringt sie Touristen mit dem überdachte Sofafloß „Herzogin Dorothea“ zu einem Ausflug durch die geschichtsträchtige Elblandschaft. „Dort drüben saßen ja schon die Grenzsoldaten der DDR“, sagt Mathias Jühlke und zeigt auf die andere Uferseite hinüber nach Mecklenburg-Vorpommern. Die Grenze verlief damals in der Mitte der Elbe. Aber das ist lange Geschichte. „Die Teilung Deutschlands hatte allerdings auch etwas Gutes. Denn ein breiter Uferstreifen des Flusses war Sperrbezirk, und die Natur wurde sich selbst überlassen“, weiß Andreas Sauck. Hier erstreckt sich heute das Biosphärenreservat Niedersächsische Elbtalaue – ein Paradies für Storch, Wachtelkönig, Seeadler und Kiebitz. Mehr als 1300 Pflanzenarten strecken sich hier zum Licht, davon stehen 400 auf der Roten Liste Niedersachsens. Kein Wunder, dass der Elberadweg, der auch hier vorbeiführt, der beliebteste Fernradweg Deutschlands ist. Sauck und Jühlke engagieren sich heute ehrenamtlich im Museum Hitzacker, das im Alten Zollhaus untergebracht ist. Ein einzigartiges Gebäude aus dem Jahre 1589. Es ist eines der größten noch erhaltenen Fachwerkhäuser im Wendland.
Zur Tasse Kaffee gibt’s Ausflugstipps
Ganz klein sind dagegen die Holzhütten im „Destinature Dorf“ am Rande der Stadt: Tiny Houses und mobile Betten to Go. Das Herzstück des Dorfs ist das Biobistro, in dem man vom Frühstück bis zum Abendessen eine kleine Auswahl an Gerichten mit Produkten aus der Region bekommt. Die Atmosphäre ist locker, man duzt sich und bekommt zum Kaffee auch noch den einen oder andere Ausflugtipp serviert. „Jetzt spielt uns tatsächlich der Klimawandel und das steigende Interesse an Nachhaltigkeit und Natur in die Hände“, sagt die Touristikerin Sabine Schöning. Und freut sich über steigende Touristenzahlen. „Die Leute merken nämlich: Sie kommen gestresst hier an und nach ein paar Tagen fahren sie relaxt wieder nach Hause.“
Info
Anreise
Mit dem Zug ab Stuttgart über Hannover und Lüneburg bis nach Hitzacker, www.bahn.de .
Unterkunft
Destinature Dorf: behagliche Tinyhouses aus Holz mit Komfort und einem Biobistro –alles mitten in der Natur am Rande von Hitzacker. Haus für zwei Personen ab 90 Euro, www.destinature.de .Markthof Satemin: Gemütliches Landhotel in einem typischen Fachwerk-Bauernhof mit einem hübschen Café unter alten Kastanien. Doppelzimmer ab 78 Euro, www.markthof-satemin.de .
Essen und Trinken
Das alte Haus Jameln: Kunst und Köstlichkeiten in einem reetgedeckten Fachwerkhaus aus dem 18. Jahrhundert. Unbedingt vorher reservieren! www.jameln.de/restaurant Café Albis: selbst gebackene Kuchen, frisch-freundlicher Service, www.cafe-albis.de .
Aktivitäten
Kaufhaus des Wendlands: In der historischen Kleinstadt Dannenberg präsentieren Kunsthandwerker und Händler Schönes aus der Region – von Mode bis Wohntextilien, www.kaufhausdeswendlands.de .Gartenträume: Zweimal im Jahr öffnen ausgewählte Wendländer ihre schmucke Gärten für Gäste, www.gartenraeume.eu .Rundlingsdörfer: Am besten radelt man von einem historischen Rundlingsdorf zum nächsten. Im Rundlingsmuseum in Lübeln bekommt man Einblick in die interessante Geschichte der schon im Mittelalter angelegten Dörfer, https://rundlingsmuseum.de .Sofaflussfahrt: Auf der anderthalbstündigen Schiffstour erfährt man viel über die Elbtal-aue und die Vergangenheit der Elbe als Grenzfluss zur ehemaligen DDR, www.museum-hitzacker.de/exkursionen/ .Musik hören: Sommerliche Musiktage Hitzacker, www.musiktage-hitzacker.de .Musikwoche Hitzacker, www.musikwoche-hitzacker.de .
Allgemeine Informationen
www.wendlandelbe.de ; www.region-wendland.de