Prägendes Element in der Ortsmitte ist das 125 Jahre alte fünfstöckige Backsteingebäude, das Platz für den Sudkessel, Läuterbottich aber auch Lagerflächen bot. Foto: Ranft

Über Jahrhunderte hinweg war die Gäumetropole Ergenzingen ein Eldorado für Biertrinker. Sage und schreibe fünf Brauereien im Ort sorgten dereinst für den Nachschub des edlen Gerstensaftes. Übrig blieb am Schluss nur noch die Ochsenbrauerei der Familie Digeser und diese wird den Braubetrieb zum Jahresende einstellen.

Rottenburg-Ergenzingen - In der kommenden Woche wird ein letztes Mal abgefüllt, dann wird es still in dem 125 Jahre alten fünfstöckigen Backsteingebäude, welches 1897 von den damaligen Eignern Jakob und Rosa Maier erbaut wurde. Der im Jahre 1992 in Betrieb genommene Abholmarkt wird weiter betrieben, allerdings ohne Eigenbiere. Wie Geschäftsinhaber Rolf Digeser dazu mitteilte, wolle er das weitum bekannte Ochsenbier auch nicht in Lizenz brauen lassen. Er sagte gegenüber unserer Zeitung: "Was nicht aus meinem Kessel kommt, trägt auch nicht meinen Namen."

Der heute 55-jährige Betriebsinhaber und Braumeister hat keinen Nachfolger – das ist einer der Hauptgründe, warum der Braubetrieb eingestellt wird. In den letzten Jahren wurde er lediglich noch unterstützt von seiner 80-jährigen Mutter Waltraud, der guten Seele der Ochsenbrauerei , "Dorle" Weimer, August Baur und gelegentlichen Aushilfen. Digeser war sozusagen "Alleinunterhalter", zuständig für die Herstellung des Gerstensaftes, den Vertrieb, den Abholmarkt, die gesamte Logistik und das Beliefern der Kunden.

94-jährige Brautradition der Familie

Er habe zwar versucht einen Brauer zu finden, aber da war Fehlanzeige, so Digeser und weiter: "Wir sind eben nur eine kleine Brauerei, in der auch noch viel Handarbeit gefragt ist und das tun sich halt nur die Wenigsten an." Die fehlende Nachfolge blockierte natürlich auch nötige Investitionen. "Wir haben uns lange mit diesem Thema beschäftigt, aber warum soll ich investieren, wenn ich schon vorher weiß, dass es nicht weiter geht?", sagte Digeser. "Ich bedaure diesen Schritt, zumal die Nachfrage nach unseren Bieren ja groß war", letztlich aber müsse er auch die Zukunft in seine wirtschaftlichen Überlegungen mit einbeziehen und allein von der nunmehr 94-jährigen Brautradition der Familie lasse sich nicht leben.

Verstärkt will er sich künftig seinem Brauerei-Abholmarkt widmen. Dieser soll auch weiterhin mit regionalen Biersorten bestückt sein. Besondere Biersorten soll es nach Wunsch geben. Kleinere "Hocketen" oder Feste seiner Kundschaft will er weiter beliefern und natürlich wird nach wie vor auch Fassbier angeboten. Ein gutes Verhältnis hatte die Familie Digeser zu vielen Vereinen im Gäu, deren Feste – inklusive das Ergenzinger Pfingstturnier – sie über Jahrzehnte hinweg belieferte. "Für diese gute Zusammenarbeit möchten wir uns bei den Vereinen und unserer Kundschaft ausdrücklich bedanken", so die Seniorchefin.

Seit 1928 ist die Brauerei im Besitz der Familie Digeser

Geschichtsträchtig ist der Name der Ochsenbrauerei allemal. Bereits 1770 wird sie in alten Schriften erwähnt. Allerdings wurde das Bier damals noch im Nachbarhaus gebraut, da das 12 Meter lange und 9,25 Meter breite fünfstöckige Backsteingebäude mit Sudhaus noch nicht vorhanden war.

Seit 1928 ist die Brauerei im Besitz der Familie Digeser. Franz Digeser aus Böhringen bei Rottweil, erwarb die Ochsenbrauerei von der Familie Maier, die durch familiäre Schicksale gezwungen war, diese zu veräußern. Nach dessen Tod (1933) übernahm zunächst Sohn Adolf Digeser das Geschäft. Nachdem dieser 1940 zur Wehrmacht eingezogen wurde, hielten Felix Dolfinger und Onkel Richard Digeser den Betrieb noch ein Jahr aufrecht.

Hiernach ruhte die Braukunst bis zum Jahre 1949. Im selben Jahr erlernte Enkel Franz Digeser das Mälzer- und Brauerhandwerk, musste aber nebenher auch noch den elterlichen Betrieb aufrecht erhalten, da der Vater krank aus dem Krieg zurückkehrte. Nach dem Ablegen der Meisterprüfung übernahm dann Enkel Franz Digeser im Jahre 1961 die Brauerei. Seine Jahre waren zunächst geprägt von Modernisierungsarbeiten. 1964 wurde das Sudhaus umgebaut und die Abfüllanlage auf den neuesten Stand der Technik gebracht. 1969 erfolgte die Erneuerung der Kühlschiffanlage, der Einbau einer Luftkühlung, von Drucktanks und einer kompletten Filteranlage. Letztlich wurde auch die Lagerkapazität erhöht, die sich bis 1972 um 300 Prozent gegenüber früher steigerte.

Getränkemarkt kommt rechtzeitig zum ersten Dorffest

Die Technik holte die Familienbrauerei im Laufe der Jahre aber immer wieder ein. Ein Kühlschiff gab es längst nicht mehr, das Bier kam durch einen Whirlpool und über einen Plattenkühler zum Lagern in den Keller. Im Sudhaus standen seit 1998 ein 3000 Liter fassender Sudkessel und daneben ein Läuterbottich, der wie ein Filter wirkte. 2002 wurden Lager- und Filterkeller auf den neuesten Stand gebracht.

Ein weiterer Meilenstein war im Rahmen der Ortskernsanierung zu Beginn der 1990er-Jahre der Umbau der Scheuer zu gewerblichen aber auch Wohnraumzwecken. Mit dem Einbau eines Getränkemarktes mit 60 Quadratmetern Verkaufsfläche, wurde 1992, rechtzeitig zum ersten Ergenzinger Dorffest das Tüpfelchen auf’s "i" gesetzt.

Der heutige Betriebsinhaber Rolf Digeser lernte ab 1982 bei der Brauerei Schimpf in Remmingsheim das Mälzer- und Brauerhandwerk und blieb nach seiner Ausbildung bis 1987 dort in Lohn und Brot. Nach Ableistung des Wehrdienstes kam er 1989 in den elterlichen Betrieb zurück, absolvierte 1993 die Meisterprüfung im Brauer- und Mälzerhandwerk und übernahm dann in vierter Generation 2007 von seinem Vater, der ihn bis zu seinem Tod (2019) unterstützte, den Betrieb.