Die Auszählung dauert in einigen Bundesstaaten noch an. Foto: dpa/Matt York

Überraschung bei den Zwischenwahlen in den USA: Die Amerikaner erteilen nicht Präsident Joe Biden und den Demokraten , sondern Donald Trump und seinen Kandidaten einen Denkzettel. Das Rennen um die Macht im Kongress bleibt unklar.

Es sollte ein rauschendes Fest werden im goldenen Ballraum von Mar-A-Lago. In Erwartung einer „roten Welle“ bei den Zwischenwahlen hatte Donald Trumps Team ein Podium aufgebaut, hinter dem Sternenbanner Spalier standen. Eine pompöse Kulisse für den Führer der „Make America Great Again“-Bewegung (MAGA), der sich und seinen Einfluss auf die Rennen der 330 Kandidaten feiern wollte, die mit seiner Unterstützung angetreten waren.

 

Die einzige Welle, die am Wahlabend in Mar-A-Lago ankam, waren die Ausläufer des Tropensturms Nicole, der sich auf Florida zubewegte. Und der einzige Kandidat, der an diesem Abend einen großen Triumph feiern konnte, hieß Ron DeSantis. Der Gouverneur des Sonnenstaates hatte seine Wiederwahl mit fast sechs von zehn Wählerstimmen gesichert. Ein deutlich besseres Ergebnis, als es Trump 2020 in seiner Wahlheimat eingefahren hatte. Als Trump hinter das Podium trat, war ihm die Feierlaune sichtlich vergangen. In seinen knappen Ausführungen erwähnte er den 30 Jahre jüngeren Rivalen nicht, in dem viele Republikaner die Zukunft der Partei sehen. Statt DeSantis zu gratulieren, erwähnte der Ex-Präsident den Sieg Katie Britts im tiefrepublikanischen Alabama. Nicht gerade ein Indikator für den Erfolg der MAGA-Kandidaten, die Trump mit 50 Kundgebungen und 16 Millionen Dollar im Wahlkampf unterstützt hatte.

Trumps Kandidaten scheiterten teilweise spektakulär

Ein besserer Gradmesser wäre das Rennen in Pennsylvania gewesen. Dort hatte sich Trump hinter Fernsehdoktor Mehmet Oz gestellt, der mit dem Demokraten John Fetterman um den Sitz im Senat rang – und den Rechtsaußen Doug Mastriano, der in dem Wechselwählerstaat im Rostgürtel Amerikas Gouverneur werden wollte. Trumps Kandidaten scheiterten spektakulär. „Dr. Oz“ führte zu keinem Zeitpunkt im Wahlkampf gegen einen Kandidaten, der im Mai einen Schlaganfall erlitten hatte und mehrere Wochen pausieren musste. Sichtbar überwältigt von seinen Gefühlen trat Fetterman vor seine Anhänger in Pittsburgh. Der Demokrat wischte sich Tränen aus dem Gesicht. Neben ihm standen seine Frau und die drei Kinder. Ausgerechnet er, das Schlaganfall-Opfer, hat für die Demokraten einen Senatssitz in dem wichtigen Wechselwählerstaat hinzugewonnen und damit vermutlich die Mehrheit gesichert.

Zur selben Zeit führte in Nevada die Demokratin Catherine Cortez Masto gegen den von Trump unterstützten Kandidaten Adam Laxalt. In Arizona sah es danach aus, als ob Mark Kelly seinen Sitz gegen Blake Masters verteidigen könnte. Und in Georgia lag Reverend Raphael Warnock um eine Nasenlänge vor Footballstar Herschel Walker, einem anderen Protegé des Ex-Präsidenten. Wenn Warnock unter 50 Prozent bleibt, wonach es aussah, gibt es am 6. Dezember eine Stichwahl.

Die Republikaner hatten mit einer „roten Welle“ gerechnet

Er habe einen Sieg für alle errungen, „die niedergeschlagen worden sind und sich wieder aufgerichtet haben“, dankte Fetterman allen, die an ihn geglaubt haben. Trotz seiner Aussetzer bei der Debatte schlug er Oz mit deutlichem Vorsprung. Wie die anderen Trump-Kandidaten für den Senat Walker, Master und Laxalt schlechter abschnitten, als bei Midterms zu erwarten war.

Dieses Muster wiederholte sich in der Wahlnacht im Repräsentantenhaus. Dort hatten die Republikaner mit einer „roten Welle“ gerechnet. Damit gemeint sind Zugewinne, die deutlich über den zwei Dutzend Mandaten liegen, die die Partei bei den Midterms gewinnt, die nicht den Präsidenten stellt. Siegesgewiss hatte Kevin McCarthy, Minderheitsführer im Repräsentantenhaus, bereits am Vorabend der Zwischenwahlen Interviews gegeben, in denen er ankündigte, Präsident Joe Biden vor sich hertreiben zu wollen. Kurz vor zwei Uhr in der Nacht erklärten die TV-Moderatoren, warum in der Nacht nicht mit einer Entscheidung zu rechnen sei. Das lag an den vielen Kopf-an-Kopf-Rennen in umkämpften Wahlbezirken und unerwarteten Verlusten der Republikaner in sicher geglaubten Rennen.

Wegen der komplizierten Regeln kann das Ergebnis auf sich waren lassen

McCarthy preschte vor und erklärte, für ihn sei klar, „dass wir das Haus zurückgewinnen“. Dafür bräuchten die Republikaner 218 Sitze. Es besteht weiterhin die vage Chance, dass die Demokraten ihre Mehrheit verteidigen. Eine Möglichkeit, die der Führer der Republikaner im Repräsentantenhaus in seiner kurzen Ansprache gegen zwei Uhr in der Nacht ausschloss. „Morgen früh werden wir in der Mehrheit und Nancy Pelosi in der Minderheit sein“, verkündete McCarthy. Eine der vielen Fehlannahmen dieser Midterms. Die amtierende Speakerin Pelosi erklärte, ihre Partei habe „die Erwartungen über das ganze Land verteilt weit übertroffen“. Es müsse nun „jede Stimme gezählt werden“.

Wegen der komplizierten Regeln in einigen Bundesstaaten kann das Ergebnis auf sich warten lassen. Es könnte Tage dauern, bis Klarheit besteht. „Die Qualität der Kandidaten macht einen großen Unterschied“, erklärt der konservative Kommentator Erick Erickson das unerwartet schwache Abschneiden der Republikaner – und zeigte mit dem Finger auf Trumps Bewerber. „Das waren keine guten Kandidaten.“ Die Verschwörungstheoretikerin Mayra Flores, die in Texas antrat und verlor, tweetete: „Die rote Welle ist nicht gekommen. Republikaner und Unabhängige sind zu Hause geblieben.“ Umso mehr Frauen und Jungwähler beteiligten sich an den Midterms, die in großer Zahl ihre Stimme abgaben. Während Inflation laut Nachwahlumfragen die meisten Wähler bewegte, spielte auch der Zugang zur straffreien Abtreibung eine Rolle.