Erfrischender Trip nach Zürich Pack die Badihose ein
Der Sommer ist keine gute Saison für Städtereisen. Außer man fährt nach Zürich. Dort lässt es sich bei größter Hitze gut aushalten – das kühle Nass ist nur wenige Schritte entfernt.
Ein gutes Augenmaß ist nicht jedem gegeben. Während Carmen Wili am Steuer gelassen aufrecht sitzen bleibt, werfen sich ihre Fahrgäste angesichts der immer näher kommenden Brücke panisch auf den Schiffsboden. Man möchte ja keine Beule riskieren. Die Kapiteuse – so nennt sie sich selbst, „weil das Wort Kapitänin tönt so groß“ – lenkt das Holzboot souverän unter dem General-Guisan-Quai durch in den Züricher Schanzengraben. „Schaut mal nach oben“, sagt Carmen Wili zu den kauernden Passagieren, als es kurz dunkel wird. „Da nisten Fledermäuse.“ Eine Sekunde später fährt die „MS Bellevue“ wieder ins Licht. Unfallfrei. Das nennt man Maßarbeit.
In Zürich plätschert, sprudelt und fließt es an jeder Ecke
Es geht vorbei am berühmten Hotel Baur au Lac in Richtung Norden. Der Schanzengraben ist ein Überbleibsel der barocken Wehranlage, die im 17. Jahrhundert die Zürcher Innenstadt vor Angriffen schützen sollte. Heute dient der gezackte Halbkreis nicht mehr der Verteidigung, sondern der Erholung. Eine Oase in der City. Bäume spenden Schatten, dem Lauf des Wassers folgt eine Promenade. Am Ufer sitzen Familien, kühlen die Füße und winken fröhlich. Bis zur mondänen Bahnhofstraße mit den schicken Boutiquen sind es nur wenige hundert Meter.
In Zürich plätschert, sprudelt und fließt es an jeder Ecke – die ganze Stadt ein einziges Planschbecken. Das liegt zum einen an der geografischen Lage am See, aus dem das klare Wasser aus den Voralpen in den Fluss Limmat fließt. Dazu kommt ein zweiter Fluss: die Sihl, die im Kanton Schwyz entspringt und mitten in Zürich am Platzspitz in die Limmat mündet. Aus 1200 über die Stadt verteilten Brunnen fließt Trinkwasser. Das erste Bad errichteten die Römer vor rund 2000 Jahren am heutigen Weinplatz. Seither sind einige dazu gekommen. Heute wirbt Zürich damit, die „größte Bäderdichte in Europa“ vorweisen zu können. Es gibt sechs klassische Freibäder mit gemauerten Becken, sechs Seebäder, fünf Flussbäder und ein Thermalbad. Dazu kommen unzählige wilde Badestellen. Niemand wundert sich, wenn jemand in nasser Schwimmkleidung durch die Gegend läuft.
Kurz vor dem Botanischen Garten kommt Carmen Wili nicht weiter. Der Kanu-Polo-Verein Zürich trägt gerade mit lautem Getöse und Gespritze ein Match aus. Tor für Team Rot! Geschickt wendet die Kapiteuse ihren rund zehn Meter langen Kahn und steuert raus auf den Zürichsee. Die Passagiere ziehen an jeder Brücke wieder ängstlich die Köpfe ein. Leider nichts dazu gelernt. Dabei eignet sich das superflache Boot vom Typ „Weidling“ erwiesenermaßen perfekt für die Gewässer in und um Zürich.
Carmen Wili hat das bereits ausgemusterte Gefährt, Baujahr 1997, einst im Kanton Aargau entdeckt und mit Hilfe von Freunden wieder flottgemacht. „Ganz original erhalten ist es nicht“, sagt die 56-Jährige und erklärt, dass bei der Restaurierung eine höhere Reling eingebaut und ein Motor nachgerüstet wurde. „Weidlinge sind traditionelle Arbeitsboote. Früher transportierte man damit Baumaterial“, erklärt Carmen Wili. Heute passen zwölf Passagiere drauf. Ob Hochzeitsgesellschaften, Firmenfeiern, Junggesellenpartys oder Touristen auf Stadterkundung – Carmen Wili fährt sie alle. Dabei sitzt die Kapiteuse stets top elegant gestylt am Steuerrad. Ihre Markenzeichen: Perlenkette, rot geschminkte Lippen, Kleid oder Rock. Mondän und doch cool. Wie Zürich.
Draußen auf dem See tummeln sich Ausflugsschiffe, kleine Motorboote, große Segeljachten, Stand-up-Paddler und Tretboote, die hier „Pedalos“ genannt werden. „Es wird immer mehr mit dem Verkehr. Man muss wirklich sehr aufpassen.“ Carmen Wili spricht’s, weicht geschickt einem Ruderboot aus und erzählt, dass sie sehr froh sei, dass ein Antrag auf die Zulassung von Jet Skis einst abgelehnt wurde. Am Ufer sieht man immer wieder Holzkonstruktionen, auf Pfählen ins Wasser hineingebaut. Das sind die legendären Badis. Man sagt tatsächlich „die Badi“, nicht „das Badi“. Denn es ist eine Abkürzung für Badeanstalt. Das Wort „Anstalt“ lassen die Zürcher einfach weg. Klingt es doch zu freudlos, nach Pflicht oder Zwang.
Die Badis stehen heute für Entspannung, Gaudi, Leichtigkeit
Als die Bäder Anfang des 19. Jahrhunderts eingerichtet wurden, ging es noch um Hygiene und Körperertüchtigung. „Die Männer sollten Schwimmen lernen, damit sie fit sind fürs Militär“, sagt Stadtführerin Elisabeth Brem (72) und erklärt, dass zu der damaligen Zeit 60 Prozent der Zürcher Wohnungen kein Badezimmer hatten. Heute stehen die Badis für Entspannung, Gaudi und Leichtigkeit. Ein besonderes Lebensgefühl. Im Fanshop des Fußball-Erstligisten FC Zürich kann man sogar Basecaps mit der Aufschrift „Badimeister“ kaufen. 35 Franken das Stück.
Auch in der Badi schwimmt man im Fluss oder im See. Doch darüber hinaus gibt es eine gewisse Infrastruktur wie Dusche, WC, Schließfächer oder einen Kiosk mit Essen und Getränken. Ein Badimeister passt auf. Er trägt allerdings nicht die weiße FC-Kappe, sondern ein gelbes T-Shirt. Viele Badis sind sogar kostenlos – zum Beispiel die Badi Unterer Letten. „Underi Lätte“ wurde 1909 erbaut und steht unter Denkmalschutz. Von den Holzstegen kann man in die Limmat springen und sich von der Strömung treiben lassen. Oder gegen den Strom schwimmen, je nach Gusto. „Die Wasserqualität ist ausgezeichnet, man kann das Wasser der Flüsse und des Sees bedenkenlos trinken“, sagt Elisabeth Brem.
Bei so viel Wasser wundert es nicht, dass man in der größten Stadt der Schweiz gesteigerten Wert darauf legt, dass alle Kinder schwimmen können. „Meine Buben haben das in der Schule gelernt. Dazu gibt es extra Schulschwimmanlagen“, sagt die Stadtführerin und erzählt, dass man früher streng nach Geschlechtern getrennt badete. „Auf Initiative der jüdisch-orthodoxen Gemeinde gibt es noch heute eine Badi nur für Männer und eine nur für Frauen“, sagt Elisabeth Brem. Die Männerbadi aus dem Jahr 1864 (Eintritt frei!) versteckt sich im Schanzengraben, etwas oberhalb des Kanupolo-Spielfelds. Das „Badehaus für Frauenzimmer“ wurde 1837 in prominentester Lage eingerichtet: direkt am Stadthausquai mit Blick auf die Doppeltürme des Großmünsters. Das nostalgische Jugendstilbad schwimmt auf dem Wasser der Limmat.
Ein Freibad in Zürich wurde von Max Frisch entworfen
Bei Familien beliebt ist die Badi am Mythenquai, dort gibt es einen extra aufgeschütteten Sandstrand zum Spielen für die Kinder. Literaturfans pilgern ins Freibad Letzigraben. Die parkähnliche Anlage im Stadtteil Altstetten-Albisrieden wurde von Max Frisch entworfen, als der Schriftsteller noch seine Räppli als Architekt verdiente.
Sehen und Gesehenwerden gilt in der Utoquai-Badi am östlichen Seeufer. Es ist Samstagnachmittag. Ein Schild am Eingang teilt mit: 30 Grad Lufttemperatur, 26 Grad Wassertemperatur. Die Badi sei stark besucht, teilt die Dame an der Kasse mit. „Stark besucht“ bedeutet, dass man sich fühlt wie in einer Büchse Ölsardinen. Auf den Liegeflächen ist noch nicht einmal ein Plätzchen für einen Waschlappen zu finden, geschweige denn ein Badehandtuch. Also Tasche abstellen und ab ins Wasser. Eine Entenfamilie kreuzt den Weg. Die Wasservögel stören sich überhaupt nicht an den vielen Menschen. Sie beharren sogar auf ihrer Vorfahrt. Rechts vor links gilt auch bei den Enten.
Info
Anreise
Mit dem Zug über Mannheim nach Zürich, www.bahn.de .
Unterkunft
In Fußweite zum See punktet das Boutique Hotel Opera mit geschmackvollem Design und familiärem Service. Doppelzimmer ab 234 Franken (250 Euro), www.operahotel.ch/de .Das von der Schweizer Designlegende Alfredo Häberli entworfene 25Hours Hotel Zürich-West legt den Fokus auf Sport und Vitalität. Es gibt einen modernen Gym, im Mai wurde ein 25 Meter langer Außenpool neu eröffnet. DZ ab 245 Franken (262 Euro), https://25hours-hotels.com .
Essen und Trinken
Das Luxushotel Storchen gehört zu den besten Häusern der Stadt. Man kann hier auch ausgezeichnet speisen. Die Rotisserie im ersten Stock mit Balkon verfügt über einen Postkartenblick auf das Grossmünster, https://storchen.ch/de .Auf Stelzen im See steht das Restaurant Fischerstube. Frischer Fisch vom Feinsten! www.fischerstube-zuerich.ch .Designer Philippe Strack hat dem Hotel La Réserve Eden au Lac neues Leben eingehaucht. Auf den beiden Dachterrassen genießt man Drinks und Panorama, www.lareserve-zurich.com/de. Das Restaurant Fischers Fritz gehört zum Zürcher Campingplatz und liegt direkt am Seeufer. Unbedingt probieren: die „FischChnusperli“ (Backfisch auf Schwyzerdütsch), www.fischers-fritz.ch .Die Frauenbadi am Stadthausquai wird abends zur Barfussbar. Geöffnet zwischen Mai und September jeden Mittwoch, Donnerstag und Sonntag, https://barfussbar.ch .Auch in der Männerbadi Schanzengraben wird abends nicht mehr geplanscht, sondern getrunken: In der Rimini Bar. Geöffnet täglich ab 18.45 Uhr, www.rimini.ch/
Aktivitäten
Im historischen Seebad Utoquai kann man sich seit 1887 stilvoll erfrischen, geöffnet täglich von 7 bis 21 Uhr, Eintritt 8 Franken, www.stadt-zuerich.ch .Bei der Stadtführung „Wasserstadt Zürich“ taucht man in die Geschichte der Brunnen, Flüsse und des Sees ein. Buchbar in der Tourist Information direkt am Hauptbahnhof Zürich, Preis pro Person 25 Franken, www.zuerich.com .
Allgemeine Informationen
Zürich Tourismus, www.zuerich.com , Schweiz Tourismus, www.myswitzerland.com