Florian Wentsch hat es geschafft: Mit viel Talent und mindestens ebenso viel harter Arbeit hat er es unter die besten Filmautoren Deutschlands geschafft. Der 36-Jährige, der in Gechingen aufwuchs, erzählt, wie er so weit gekommen ist und über sein neues Projekt "Legal Affairs". Die achtteilige Serie wird ab Sonntag in der ARD ausgestrahlt.
Gechingen/Köln - Was einmal online ist, verbreitet sich in Windeseile und kann nur schwer wieder aus dem World Wide Web geschafft werden. Fiese Kommentare oder sonstige Reaktionen gibt es in Echtzeit. Unüberlegte Postings und Falschmeldungen können Menschen an den Rand des Zusammenbruchs bringen oder Existenzen vernichten. Die rechtliche Situation im Netz gleicht dabei einem schwer zu entwirrenden Dickicht. Das Rechtswesen in Zeiten von Social Media, Shitstorm und Fakenews also – das ist bester Stoff für eine Anwaltsserie. Das hat das Filmautorenteam, zu dem Wentsch gehört, schnell erkannt. "Das Filmunternehmen UFA ist auf mich und eine Kollegin mit dem Projekt zugekommen. In Zeiten von Hetze und Hasskommentaren im Netz haben wir eine moderne, spannende Anwaltsserie am Puls der Zeit konzipiert", sagt der 36-Jährige, der vor Kurzem von Hamburg nach Köln umgezogen ist, im Gespräch mit unserer Redaktion. Mit dem Achtteiler wollen rbb und ARD Degeto "eine omnipräsente gesellschaftliche Herausforderung in einer fiktionalen Serie erzählen".
Schattenseiten der Mediennutzung
Chefin im Ring ist Star-Anwältin Leo(nie) Roth, gespielt von der Grimme-Preisträgerin Lavinia Wilson. Eisenhart und bestens vernetzt ist sie Motor und Getriebene zugleich. Wentsch und seine Kollegen haben die mit allen Wassern gewaschene Kanzleichefin als einen Charakter gezeichnet, der bei aller Härte auch emotional und verletzlich sein kann. Die Anwaltsserie erzählt in acht Folgen Geschichten aus Berlins Polit-, Medien- und Promiwelt, aber auch von Pro-Bono-Fällen und Mandanten, die erbarmungslosen Shitstorms und Hetzkampagnen in den sozialen Medien sowie den Boulevard-Zeitungen ausgesetzt sind. "Niveau und Intensität der einzelnen juristischen Fälle variieren, der horizontale Erzählstrang über Roths private Verwicklungen in einen Korruptionsfall ist immer präsent", ist im Vorfeld über die neue Serie zu lesen. "Medienanwalt Christian Schertz saß mit im Beraterstab und hat in der Serie auch einen Gastauftritt. Alle Fälle sind frei erfunden und wurden juristisch sozusagen vom Fachmann abgenommen", berichtet Wentsch.
Mal Anklägerin, mal Verteidigerin
Roths Nobel-Kanzlei ist nicht nur Kanzlei. Sie ist Kommissariat, Redaktion, Agenten-Schmiede, Gericht und Haifischbecken. Die Medienanwältin ist mal Anklägerin, mal Verteidigerin – kein Wunder, dass das eigene Team ihre Sprunghaftigkeit regelrecht fürchtet. Die Regeln bestimmt der Plan und der kann sich ändern, sobald ein Klient so besser rauszuhauen ist. Dabei muss Roth schnell sein – und zwar schneller als die Boulevardpresse. Eine gute Story ist besser als die Wahrheit und stärker als Paragrafen – dieser zweifelhaften Maxime verdankt die Medienanwältin ihren Erfolg. Wenn ein Streit juristisch nicht zu gewinnen ist, wählt sie einen anderen "Ansatz" und schreckt dabei nicht vor grenzwertigen Methoden zurück.
Am Anfang steht eine grobe Idee
Im Team mit weiteren fünf Autoren – im Writers’s Room – auf einen Nenner zu kommen und ein Grundgerüst für eine Serie zu erarbeiten, sei nicht einfach gewesen, sagt Wentsch. "Wenn das aber steht, läuft es und man kann im späteren Verlauf der Produktion sogar eher pragmatisch vorgehen." Bis zu 100 Leute würden an einem solchen Projekt arbeiten. Er finde es immer wieder faszinierend, wie aus einer groben Idee eine spannende und unterhaltsame Serie entstehe. Das habe bei "Legal Affairs" im Übrigen rund vier Jahre gedauert: "Wegen Corona gab es leichte Verzögerungen". Ansonsten sei das aber in etwa der Zeitrahmen, der von der ersten Idee für eine Serie bis zu deren Umsetzung gefüllt werde. Dazu würden alle Beteiligten beitragen, vom Drehbuchautor, über den Menschen hinter der Kamera bis hin zum Kostümbildner.
Ein berührender Moment
Wenn alles abgedreht sei und man die Serie zum ersten Mal selber sehe, "ist das ein tolles Gefühl", beschreibt Wentsch seinen ersten Eindruck auch bei "Legal Affairs". Man sehe Schauspieler genau das spielen, was man selbst geschrieben habe, und bei "Legal Affairs" habe jeder Darsteller "noch was draufgepackt", so dass das Ergebnis das Erwartete um einiges übertroffen habe.
In den acht Folgen der neuen ARD-Anwaltsserie werden die Karten jedenfalls gern immer wieder neu gemischt. Langeweile ausgeschlossen. Leo Roth gerät schließlich selbst in Not: Der als Selbstmord getarnte Mord an der Geliebten ihres Schwagers bringt sie nämlich selbst vor Gericht.
Info: Geschichtenerzähler
Schon als Kind streifte Florian Wentsch gemeinsam mit Freunden und einer Kamera in der Hand durch den Wald, um seinen ersten Film aufzunehmen. Heute ist er ein erfolgreicher Kameramann und Drehbuchautor. Das elterliche Wohnzimmer in Gechingen war sozusagen die erste Filmschule, die der gebürtige Sindelfinger besuchte. Dort konnte er gar nicht genug von der Star Wars-Trilogie, Edgar-Wallace-Verfilmungen oder den Bud Spencer- und Terence-Hill-Streifen bekommen.
Filme und ihre Entstehung haben Wentsch nie losgelassen. Wohl auch deshalb, weil er schon immer selbst gerne Geschichten erzählte. Nach dem Abitur begann er ein Volontariat als EB-Kameramann. Dabei bekam er Stars und Sternchen ebenso vor die Linse wie Präsidenten und Obdachlose, Kriegsflüchtlinge, Deserteure und Fußballweltmeister oder war mit dem Aufnahmegerät dabei, als die Polizei auf Mörderjagd ging.
2008 bis 2012 studierte Wentsch an der Universität Bayreuth, wo er an der Konzeption und Realisation von zahlreichen Film- und Theaterprojekten beteiligt war. Der junge Mann beendete das Studium mit dem Bachelor of Arts. Von 2012 bis 2014 absolvierte er das Masterstudium im Bereich Film an der Hamburg Media School. Inzwischen arbeitet er als selbstständiger Drehbuchautor.