Wenn der Penis nicht steif wird, leidet oft das Selbstbewusstsein – und das Liebesleben. Zahlen einer Krankenkasse zeigen nun, wie viele Männer im Land Erektionsprobleme haben. Doch tatsächlich dürften es viel mehr sein. Woran liegt das?
Der Penis war nicht immer ein weicher Schwellkörper, sondern vor Urzeiten mal ein harter Knochen. Auf dem Weg zur Menschwerdung scheint der dauerhaft steife Penis – allzeit bereit für die Fortpflanzung – obsolet geworden zu sein. Das zumindest vermuten Forscher. Dass der heute im schlaffen Zustand durchschnittlich 9,16 Zentimeter lange Penis jedoch hin und wieder einem Knochen gleicht und erigiert ist – dann durchschnittlich 13,12 Zentimeter groß –, ist beinahe unerlässlich. Nicht nur für die Fortpflanzung, auch für das Wohlbefinden und für die sexuelle Befriedigung der Partnerin oder des Partners. Gelingt die Erektion plötzlich nicht mehr, sind die Sorgen groß und das Schweigen gegenüber Ärzten ebenso. Wie viele Männer tatsächlich von einer erektilen Dysfunktion oder Impotenz, wie die Erektionsstörung im Volksmund auch genannt wird, betroffen sind, ist daher schwer zu sagen.
Die Krankenkasse AOK hat nun ihre Zahlen zu betroffenen versicherten Männern in Baden-Württemberg ausgewertet. Laut ihrer Statistik befanden sich im Zeitraum 2016 bis 2020 3,1 Prozent der bei der Krankenkasse versicherten Männer in ärztlicher Behandlung, besonders viele im Alter zwischen 60 und 64 Jahren. In der Summe sind das 68 620 Männer, und jährlich steigt die Zahl um etwa zwei Prozent.
Die Zahlen sind höher, denn viele schweigen
Frank Sommer, Urologe und Professor für Männergesundheit am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, ist sich, ebenso wie die AOK selbst, jedoch sicher, dass weitaus mehr Männer betroffen sind. Sommer verweist auf die sogenannte Kölner Studie aus dem Jahr 2000, die derzeit größte Umfrage zur Prävalenz von männlichen Sexualstörungen. Das Ergebnis: Knapp 20 Prozent der befragten 8000 Männer im Stadtgebiet Köln zwischen 30 und 80 Jahren litten länger als drei Monaten darunter, dass ihr Penis nicht hart genug für Geschlechtsverkehr wurde oder nicht bis zum Orgasmus steif blieb.
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Sommer betont, dass die Zahlen der Kölner Studie noch immer als Orientierungswert gelten könnten und zusätzlich eine hohe Dunkelziffer existiere, die auch die niedrigeren Zahlen der AOK erklären könnte. „Viele Männer vertrauen sich nicht dem Arzt gar nicht erst an. Tun sie es doch, sprechen sie ihre Sorgen erst bei anderen Untersuchungen, etwa der Prostatavorsorge, an.“ Der Arztbesuch wird dann als Vorsorgeuntersuchung bei der Krankenkasse gemeldet, jedoch nicht immer als Erektionsstörung.
Der Penis als Spiegel der Gesundheit
Gründe für höhere und steigende Zahlen sieht Sommer in dem Lebensstil westlicher Industrieländer, der Erektionsprobleme begünstige. Denn Übergewicht, Bewegungsmangel und ungesunde Ernährung können Blutgefäße verengen und nicht nur Krankheiten wie Diabetes, Schlaganfälle oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen hervorrufen, sondern auch Erektionsprobleme fördern. Die Gefäße des Penis sind ein bis zwei Millimeter groß, durch sie fließt bei der Erektion jedoch 40- bis 100-mal so viel Blut wie im nicht erigierten Zustand. Schrumpft ihr Durchmesser, kann nur wenig Blut in den Schwellkörper zirkulieren – und ohne Blut keine Erektion.
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Wer also über einen längeren Zeitraum hinweg Erektionsprobleme beobachtet, sollte sich einem Urologen anvertrauen: „Der Penis ist der Spiegel männlicher Gesundheit. Verhält sich hier etwas nicht wie sonst, kann dies auf andere, zugrunde liegende Probleme hindeuten“, sagt der Männermediziner, der seinen Patienten oftmals zu einfachen Veränderungen im Lebensstil rät. Körperliche Aktivität, Normalgewicht und eine Stärkung der Potenzmuskulatur, die den innen liegenden Teil des Penis umschließt, können Besserung bringen.
Die Dysfunktion von Bernhard aus München, der seinen echten Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, hatte eine andere Ursache. Aufgrund von Prostatakrebs, der mit Abstand häufigsten Krebsart unter Männern, musste das Organ entfernt werden. Als sich nach der regulären Erholungszeit jedoch nur eine sehr schwache Erektion hervorrufen ließ, kamen Sorgen bei dem damals 55-Jährigen auf. Vom Urologen verschriebene Lustpillen riefen nicht den erhofften Erfolg hervor. „Hart ist etwas anderes, das hat mich nicht zufriedengestellt.“ Rat suchte er in einer Selbsthilfegruppe. „Hier konnte ich mich anderen anvertrauen. Männlichkeit und Erektion werden stark miteinander verknüpft, mit Freunden spricht man da nicht mal eben drüber.“
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Erektion nur bei Entspannung
Können organische Ursache ausgeschlossen werden, suchen manche Betroffene die Sexualsprechstunde von Therapeut Hannes Ulrich an der Charité in Berlin auf. Auch jüngere Männer kommen hierher, die durch Leistungsdruck oder Versagensängste Stress verspüren. „Das wichtigste Sexualorgan liegt nicht zwischen den Beinen, sondern zwischen den Ohren“, sagt dieser. In der Sprechstunde geht Ulrich möglichen Stressgründen, durch die sich Blutgefäße zusammenziehen, auf den Grund. „Für eine Erektion braucht es Entspannung. Man muss sich fallen lassen können und mit dem Kopf bei der Sache sein. Das kann man üben“, sagt Ulrich.
Für das Fallenlassen sind stereotypische, männliche Sexualzuschreibungen aber eher hinderlich: „Sexualität ist vielfältig und weitaus mehr als Leistung und Performance im Bett“, sagt Ulrich. Wer das im Hinterkopf behält und Intimität nicht an eine Erektion knüpft, kann den Druck mindern – und so der Impotenz einen Schritt entgegentreten.
Erektionsstörung in Zahlen
Meinungsforschung
Das Meinungsforschungsunternehmen Civey hat 250 Männer befragt, die sich häufig mit Erektionsstörungen beschäftigen. Knapp 60 Prozent von ihnen gaben an, dass sie das Thema Erektionsstörung stark oder sehr stark belaste. Auch für die Partnerschaft hat eine Impotenz Auswirkungen: Über 60 Prozent empfinden eine Erektionsstörung als belastend.
Hilfe
Informationen, Ansprechpartner oder Hinweise zu Selbsthilfegruppen gibt es auf www.impotenz-selbsthilfe.de oder auf Dr. Sommers Website www.maennergesundheit.info.