Im vergangenen Frühjahr kam es nach der Festnahme von Ekrem Imamoglu zu Massenkundgebungen. Foto: Francisco Seco/AP/dpa

Zehn Monate nach der Festnahme des Erdogan-Rivalen Ekrem Imamoglu dauern die Proteste an. Wie Teilnehmer einer Kundgebung in Istanbul auf die Lage blicken.

„Willkommen zur 81. Kundgebung zur Verteidigung des Volkswillens“, ruft ein Redner auf dem Barbaros-Platz in Besiktas, einem Bezirk von Istanbul am europäischen Ufer des Bosporus. Die roten Fahnen der Oppositionspartei CHP wehen über dem Platz, der mit Polizeigittern abgesperrt ist. Rund dreitausend Menschen haben sich bei anbrechender Dunkelheit hier versammelt, um für ihren inhaftierten Oberbürgermeister Ekrem Imamoglu zu demonstrieren.

 

Zehn Monate ist es her, dass Imamoglu am 19. März bei Morgengrauen von der Polizei abgeholt wurde. Seither sitzt er hinter Gittern – und seither gehen seine Anhänger jede Woche für ihren gewählten Bürgermeister und Präsidentschaftskandidaten auf die Straße: jeden Mittwoch in einem Bezirk von Istanbul, jedes Wochenende in einer anderen Stadt.

Anklage fordert mehr als 2000 Jahre Haft für Imamoglu

Imamoglu, der erste aussichtsreiche Herausforderer von Präsident Recep Tayyip Erdogan seit mehr als zwei Jahrzehnten, muss damit rechnen, zumindest bis zu den nächsten Wahlen 2028 in Haft zu bleiben, denn Erdogans Regierung kontrolliert die Justiz. Der Prozess gegen ihn soll im März beginnen; die Anklage fordert mehr als 2000 Jahre Haft wegen Korruption. Aus seiner Zelle im Gefängnis von Silivri außerhalb von Istanbul ruft Imamoglu seine Anhänger immer wieder zu Protesten auf und äußert sich zu politischen Themen, um im Gespräch zu bleiben. Kundgebungen wie hier in Besiktas sollen sowohl dem inhaftierten Kandidaten als auch der CHP-Basis Mut machen, doch die Teilnehmerzahl ist seit den Massenkundgebungen des vergangenen Frühjahrs stark geschrumpft.

Optimistische Musik schallt aus Lautsprechern über den Barbaros-Platz. „Alles wird gut“, heißt das Lied – das war der Wahlslogan von Imamoglu, mit dem er auch für das Präsidentenamt kandidieren und Erdogan besiegen wollte. Dass alles wieder gut wird in der Türkei, glauben selbst die Kundgebungsteilnehmer nicht mehr alle. Daraus werde wohl nichts mehr, sagt eine Mittvierzigerin, die bei einer Freundin untergehakt ist. Dennoch wolle sie mit ihrer Anwesenheit gegen die Missachtung ihrer Wählerstimme protestieren. Imamoglu war 2019 und 2024 mit großen Mehrheiten zum Bürgermeister vom Istanbul gewählt worden; nach der Festnahme wurde er letztes Jahr des Amtes enthoben.

Viel Hoffnung habe sie nicht, sagt auch eine 40-jährige Frau, die für eine Windkraft-Firma arbeitet und einen kleinen Hund an der Leine führt, aber als Bürgerin fühle sie sich zum Protest verpflichtet. Sie gehöre keiner Partei an, aber sie wolle ihre Wählerstimme und ihren gewählten Bürgermeister verteidigen.

Andere Demonstranten zeigen sich zuversichtlich, dass ihr Protest etwas bewirken und Imamoglu zur Freiheit verhelfen kann. Natürlich bringe der Widerstand etwas, sagt der 74-jährige Rentner Sevket Özgün: Imamoglu werde eines Tages zum Präsidenten gewählt, gleich wie lange noch dafür demonstriert werden müsse. Das glaubt auch Duran Akdemir, der mit einem Bus voller Parteifreunde aus einem anderen Istanbuler Bezirk gekommen ist und ebenfalls Rentner ist. Das Volk werde Imamoglu aus dem Gefängnis holen und zum Präsidenten machen, sagt er – und Erdogan fortschicken: „Güle, güle!“

Alter der Teilnehmer liegt deutlich über türkischem Durchschnitt

Wie diese beiden Rentner erzählen viele Teilnehmer, dass sie zu allen Imamoglu-Kundgebungen in Istanbul gehen: jede Woche, in jedem Bezirk und bei jedem Wetter. Und ebenso wie sie liegen die meisten Kundgebungsteilnehmer im Alter deutlich über dem türkischen Durchschnitt. „Wir haben Kinder, wir haben Enkel – für ihre Zukunft sind wir hier“, sagt die 70-jährige Hatice. Wenn das Volk nicht für seine gewählten Vertreter aufstehe, dann werde aus der Türkei bald ein Land wie der Iran, sagt die 65-jährige Rentnerin Fatma. Besser wäre es allerdings, wenn mehr junge Leute zu den Kundgebungen kommen würden, fügt sie hinzu.

Auf dem Platz sind nur wenige Teilnehmer aus der Generation von Schülern und Studentinnen zu finden, die den Protest gegen die Verhaftung von Imamoglu anfangs entscheidend prägten und zum Protest gegen alle ihre Frustrationen unter der Regierung Erdogan ausweiteten.

„Keine Kamera?“, vergewissert sich ein 19-jähriger Student der Chemie, bevor er sprechen will – seinen Namen nennt er lieber nicht. Die Jugendlichen hätten Angst bekommen, seit nach den Demonstrationen im vergangenen Frühjahr viele Studenten verhaftet wurden, sagt er. Sie müssten heute befürchten, aus dem Studentenwohnheim zu fliegen oder Stipendien zu verlieren, wenn sie protestieren. Deshalb kämen zu den Kundgebungen heute vorwiegend Rentner, die viel Zeit hätten und wenig zu verlieren.

Abseits der Kundgebung sitzen einige jüngere Leute mit Kaffeebechern auf dem Platz. Den Protesten würden sie keine großen Chancen geben, sagt eine 28-jährige Programmiererin, die ihren Namen nicht nennen will. In der Türkei gebe es keine Gerechtigkeit, sagt sie. Imamoglu werde nicht mehr freigelassen. „Die Leute haben keine Hoffnung mehr, sie glauben nicht mehr an eine bessere Zukunft – leider.“