Das Grauen überlebt, doch was wird nun? Ein Mädchen steht zwischen vom Erdbeben zerstörten Gebäudenim türkischen Antakya. Foto: dpa/Khalil Hamra

Erdbeben, Flutwellen und Überschwemmungen sind Menschen hilflos ausgeliefert – viele stehen von heute auf morgen vor dem Nichts. Naturkatastrophen wie jetzt in der Türkei und Syrien hinterlassen oft tiefe Spuren in der Psyche der Überlebenden. Wie geht man damit um?

Es ist ein Bild, das um die Welt ging. Der türkische Vater Mesuh Hancer sitzt im Trümmerhaufen in Kahramanmaras und hält die Hand seiner 15-jährigen toten Tochter fest. Solche Schicksale gibt es viele nach dem schweren Erdbeben in der Türkei und in Syrien. Mehr als 17 000 Menschen sind gestorben, Tausende haben nahe Angehörige sowie ihr Hab und Gut verloren.

 

Mit den Folgen von Naturkatastrophen kämpfen viele ein Leben lang

Naturkatastrophen können Posttraumatische Belastungsstörungen, Depressionen oder Angststörungen auslösen. Wie stark die seelischen Folgen sind, das hängt auch davon ab, welche Unterstützung die Menschen bekommen, sagt die psychologische Psychotherapeutin Nesibe Özdemir aus Bad Harzburg. „Die unmittelbare Versorgung der Betroffenen vor Ort kann ein wichtige Schutzfaktor sein, dass sich schwerwiegenden psychischen Symptomen nicht manifestieren“, sagt Özdemir.

Es gebe einige wichtige Grundpfeiler: Die Betroffenen rasch an einen sicheren Ort bringen, sie beruhigen, aber auch auf angemessene Weise Informationen über die eigenen Angehörigen geben, sagt die Psychologin. Menschen, die wochenlang in Zelten ausharren müssten, litten zum Beispiel eher unter den Folgen, als diejenigen, die schnell in eine neue Unterkunft ziehen können, wie Studien berichten.

Die Wunden in der Seele können sehr lange weh tun: So fanden griechische Psychologen, die 121 Überlebende eines Erdbebens auf der Insel Cephalonia (1953) befragt haben, heraus, dass noch 50 Jahre später viele Befragte die Geschehnisse belasteten, heißt es in einem Artikel zu psychischen Folgen von Naturkatastrophen im Ärzteblatt.

Selbstwirksamkeit hilft dabei, Krisen besser zu bewältigen

Auch eine Studie von thailändischen und US-amerikanische Psychologen mit 400 jugendlichen Überlebenden des Tsunami von 2004 in Thailand zeigt, dass ein Großteil der Betroffenen danach unter Ängsten, Zwangsgedanken, Einsamkeit, Albträumen und Verwirrung litt. Ihre Probleme wurden verstärkt, wenn ihre Familien durch den Tsunami auseinandergerissen wurde.

Trotzdem gibt es Methoden, die die Folgen mildern können. Es sei ratsam, so Özdemir, die Betroffenen zu ermutigen, ihren Gefühlen „Raum zu geben und diese zuzulassen“. Und: „Menschen verkraften die Folgen besser, wenn sie überzeugt sind, dass sie selbst etwas bewirken können“, sagt Özdemir. Ein Team von US-Wissenschaftlern fand zum Beispiel heraus, dass Einwohner der Stadt New Orleans die Folgen des Hurrikans Katrina (2005) besser bewältigten, wenn sie überzeugt waren, dass sie selbst an ihrer Lage etwas ändern konnten.

Aber wie bewältigt man das, wenn man plötzlich alles verliert? „Die meisten Menschen kommen mit den Widrigkeiten des Lebens früher oder später zurecht – nur eben auf unterschiedliche Weise“, sagt Özdemir. Ein Aspekt sei Resilienz, also die psychische Widerstandsfähigkeit, die uns dabei hilft, Krisen zu bewältigen. „Prinzipiell funktionieren wir Menschen so, dass wir durch erlebte Krisen wie Liebeskummer oder ein Jobverlust, Strategien lernen, um dies zu bewältigen“, sagt Özdemir.

Nur: „Bei Naturkatastrophen haben dies die wenigsten Menschen“, ergänzt sie. Gerade bei Katastrophen wie in der Türkei und in Syrien betreffen die Folgen ja fast alle Lebensbereiche und eine Bewältigung hängt nicht nur von einem selbst ab. „Wenn ganze Städte dem Erdboden gleich werden, ist das ein kollektives Problem und keine individuelle Krise“, sagt Özdemir.

Finanzielle und soziale Ressourcen sind genauso wichtig

So lebten in den nun betroffenen Regionen vorrangig Menschen, die ohnehin schon von Armut, Traumatisierung durch Krieg und Diskriminierung betroffen seien – alles allein schon Risikofaktoren für die Entstehung von psychischen Erkrankungen. „Beim Umgang mit einer derart großen Stresserfahrung benötigen wir viele beschützende Ressourcen, wie ein positives Selbstwertgefühl, eine hohe Selbstwirksamkeitserwartung, Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit und Konfliktlösungskompetenz“, sagt Özdemir. Und diese Eigenschaften, die Psychologin nennt sie „innerpsychischen Resilienzfaktoren“, lassen sich durchaus auch trainieren im Laufe des Lebens.

Aber alles hat eben Grenzen: „Auch der größte Optimismus hilft nicht viel gegen ein schlecht konstruiertes Gebäude in einem Hochrisiko-Gebiet für Erdbeben“, stellt Özdemir fest.