Für Arbeitnehmer ohne Berufsausbildung gibt es oft nur schlecht bezahlte Helfertätigkeiten. Foto: Pleul (Symbolfoto)

Knapp 20 Prozent unter 35 Jahren haben laut dem neuen Entwurf des Berufsbildungsberichts in Deutschland weder Lehre noch Studium abgeschlossen. Im Kinzigtal sind es sogar mehr.

Der Berufsbildungsbericht beschreibt jährlich die zentralen Entwicklungen auf dem Ausbildungsmarkt. Sein neuer Entwurf wurde jetzt vorgestellt. Laut diesem haben 2,9 Millionen Menschen unter 35 Jahren keinen Berufsabschluss – so viele wie noch nie. Auch im Kinzigtal ist die Zahl der Arbeitnehmer unter 35 Jahren, die weder studiert noch eine Ausbildung abgeschlossen haben, hoch,

 

Wie viele Menschen unter 35 Jahren besitzen in den Kinzigtäler Gemeinden Stand heute keine Ausbildung oder Studium abgeschlossen?

Bei den sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten ergibt sich laut Jörg Ruthardt, dem operativen Geschäftsführer der Agentur für Arbeit Offenburg, folgendes Bild: 15 359 Arbeitnehmer aus dem Ortenaukreis unter 35 Jahren haben keinen Berufsabschluss. 1682 davon kommen es dem Geschäftsstellenbezirk Hausach. Somit hat fast jeder fünfte Beschäftigte, nämlich rund 22 Prozent, in Arbeit unter 35 Jahren keinen Abschluss.

Wie sieht es bei den Arbeitslosen aus?

Im Ortenaukreis sind es aktuell 1948 arbeitslose Menschen unter 35 Jahren, die keine abgeschlossene Ausbildung oder Studium haben. Im Agenturbezirk Hausach (Wolfach, Oberwolfach, Fischerbach, Zell, Hausach, Biberach, Oberharmersbach, Nordrach, Steinach, Gutach, Mühlenbach und Hornberg) sind es 154 arbeitslose Personen U 35 ohne Abschluss.

Wie haben sich die Zahlen den vergangenen fünf Jahren entwickelt?

Der Zahl der ungelernten Personen in den vergangenen fünf Jahren hat sich minimal erhöht. Während der Corona-Pandemie waren diese Zahlen aber nochmals deutlich höher (siehe Info).

Warum gibt es im Kinzigtal vergleichsweise so viele junge Menschen ohne Berufsausbildung?

Im Deutschlandvergleich steht der Ortenaukreis mit einer Ausbildungsquote von 4,9 Prozent sehr gut da (Ausbildungsquote Deutschland 4,5). Von Oktober 2024 bis aktuell wurden der Arbeitsagentur Offenburg 2683 Ausbildungsstellen gemeldet, davon sind aktuell noch 1622 Berufsausbildungsstellen unbesetzt. Im gleichen Zeitraum suchten 1873 junge Menschen nach einer Lehrstelle. Aktuell sind noch 998 Jugendliche auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz im Ortenaukreis. „Das Ausbildungsangebot in unserer Region ist groß und sehr vielfältig. Aber: Der Ortenaukreis ist der industriestärkste Landkreis am Oberrhein. Je industrialisierter eine Region, desto höher ist die Zahl der Betriebe mit einem hohen Substituierbarkeitspotenzial“, so Ruthardt. Das bedeute, dass viele Tätigkeiten künftig von Maschinen, Künstlicher Intelligenz oder Computern übernommen werden könnten.

Warum haben manche keine Ausbildung oder Studium abgeschlossen?

Dafür gibt es viele Gründe: familiäre Verpflichtungen, finanzielle Probleme, gute Verdienstmöglichkeiten auch ohne Berufsabschluss, gesundheitliche Einschränkungen, grundsätzliche Leistungsfähigkeit, reduziertes Engagement, sich um einen Ausbildungs- oder Studienplatz zu kümmern sind nur ein paar Beispiele. Auch das familiäre Umfeld oder generell eine fehlende Unterstützung kann dazu führen, dass Jugendliche keinen Abschluss anstreben und im späteren Alter auch keine Ausbildung oder Studium mehr nachholen möchten.

Wie werden Arbeitnehmer ohne Berufsausbildung Menschen in die Arbeitswelt integriert?

Das kann laut Ruthardt herausfordernd sein. Viele dieser Personen hätten oft Schwierigkeiten, eine geeignete Stelle zu finden, da viele Arbeitgeber spezifische Qualifikationen oder Erfahrungen verlangen. Im Ortenaukreis sind von den aktuell 3503 freien Arbeitsplätzen nur knapp 600 für Helfer ausgelegt, also Personen ohne Ausbildung oder Studium. Im Kinzigtal (Agenturbezirk Hausach) sind es lediglich 74 freie Stellen, die Arbeitgeber gemeldet haben, die Personen ohne Abschluss akzeptieren würden. Bei ungelernten Personen ist die Arbeitslosenquote statistisch gesehen immer deutlich höher als bei Menschen mit abgeschlossener Ausbildung. Jede Person ohne Abschluss wird bei der Arbeitsvermittlung dahin beraten, darüber nachzudenken, einen Abschluss nachzuholen. „Wir bieten bei unserer Umschulungsberatung ein individuelles Unterstützungsangebot an“, so Ruthardt.

Wie unterstützt die Arbeitsagentur Menschen ohne Ausbildungs- und Studienabschluss?

Sie bietet verschiedene Unterstützungsmöglichkeiten an. Eine davon ist die Berufs- und Studienberatung. Häufig gewählt und attraktiv sei die Förderung von Arbeitnehmenden, die im Rahmen ihrer aktuellen Tätigkeit bei ihrem Arbeitgeber direkt einen Berufsabschluss nachholen können und möchten. In diesem Fall bezahlt das Unternehmen ein volles Gehalt für eine Helfer-Tätigkeit und bekommt von der Agentur für Arbeit Offenburg als Ausgleich einen Arbeitsentgeltzuschuss. Die Arbeitsagentur kann unter Vorliegen der Voraussetzungen auch Arbeitslosengeld bei Weiterbildung gewähren. Diese Fördervariante eignet sich für alle, die grundsätzlich einen Anspruch auf Arbeitslosengeld haben. Bürger beziehen für die Dauer der überbetrieblichen Umschulung oder des Vorbereitungskurses für die Externenprüfung Arbeitslosengeld. Bei einer betrieblichen Umschulung erhalten sie zusätzlich zum Arbeitslosengeld eine Umschulungsvergütung von ihrem Arbeitgeber 400 Euro, der Rest wird auf das Arbeitslosengeld angerechnet. Außerdem erhalten sie monatlich ein Weiterbildungsgeld von 150 Euro.

Entwicklung

Sozialversicherungspflichtige Arbeitnehmer unter 35 Jahren in der Geschäftsstelle Hausach:
2020: 75172021: 75422022: 75432023: 74572024: 7342

Davon ohne Berufsausbildung: 2020: 1763 (23,45 Prozent)
2021: 1733 (22,9)2022: 1733 (22,9)2023: 1713 (22,9)2024: 1682 (22,9)