Herbert Bauer ist seit 1999 ehrenamtlich in Entwicklungsländern als Arzt im Einsatz. Foto: Schwaibold

Er ist Arzt, kommt aus Pliezhausen und reist seit 26 Jahren in Entwicklungsländer, um dort Menschen zu helfen, die ansonsten unbehandelt bleiben würden.

Johannes kann sich noch gut an seine Kindheit erinnern. Er ist in Eritrea aufgewachsen. Jetzt lebt er in Filderstadt, und seine Frau kocht für die Kinder am Elektroherd in der Küche. In der Jugend von Johannes war das anders: Wenn seine Mutter das Essen gegart hat, tat sie das am offenen Feuer. So machen es fast alle in Eritrea. Auch Herbert Bauer kennt das. Der Mann ist Anästhesist und reist seit 26 Jahren in Entwicklungsländer, um schwer verletzten oder schwer erkrankten Menschen zu helfen.

 

Verbrennungsopfer gehören zu seiner Hauptklientel. Oft sind es Kinder. Das Essen für die Familie wird in einer Schale zubereitet, die an einem Dreifuß über den Flammen hängt. „Das ist die Falle für kleine Kinder“, sagt Bauer. „Sie toben herum und fallen ins Feuer rein.“ Oder stoßen gegen ein Bein des Dreifußes. Dann schwappt das heiße Öl über den Rand der Schale „mit verheerenden Folgen, wenn es sich über die Kleinen ergießt“, erklärt der Arzt aus Pliezhausen (Kreis Reutlingen).

Seit 1999 ehrenamtlich im Einsatz

Immer wieder hat er Verbrennungsopfer auf dem OP-Tisch liegen. Aber auch Tumorpatienten und Kinder mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalten gehören zu seinen Patienten. Der 68-Jährige leitet die Sektion Stuttgart/Münster von Interplast-Germany. Der Verein führt kostenlos plastisch-chirurgische Eingriffe in Entwicklungsländern durch. Dorthin geschickt werden kleine, meist achtköpfige Teams von Ärzten und Pflegern. Zwei bis drei Wochen dauern die Einsätze. Bauer hat sich diesem Ehrenamt bereits seit 1999 verschrieben.

Bei einer Jahrestagung in Frankfurt am Main stieß er damals auf einen Stand von Interplast-Germany und war sofort gefangen von deren Arbeit. „Ich hatte wahnsinnig viel Glück in meinem Leben“, sagt er. Aufgewachsen in der schwäbischen Provinz fehlte es ihm an nichts. „Alles funktioniert in Deutschland, die höhere Schulausbildung war kostenlos und es gab hier keinen Krieg.“ In Tübingen konnte er Medizin studieren, nach Stationen im Klinikum Bad Cannstatt und Reutlingen machte er sich 1999 als Anästhesist selbstständig. Seinen Beruf liebt er, denn „dieser Job ist der Hammer“.

Keine Angst vor fremden Kulturen

Als er Interplast kennenlernte, war für ihn klar: „Ich wollte was zurückgeben.“ Zumal er schon immer an anderen Kulturen interessiert war. Angst ist für ihn zwar kein Fremdwort, aber wenn er auf Reisen ist, kennt er das nicht. „Angst habe ich nur, wenn ich nachts in einer deutschen Stadt auf Betrunkene stoße“, sagt er und lacht. In fernen Ländern aber „fühlt sich das Leben relativ normal an, wenn man erst mal dort ist“.

Zumal sich dort völlig neue Dimensionen eröffnen. Eines seiner schönsten Erlebnisse hatte er in Nigeria: Ein einheimischer Neurochirurg bat ihn, bei einer achtstündigen Hirn-OP an einem drei Monate alten Kind mitzuhelfen. Bauer sagte zu, obwohl der Chirurg die Überlebenschancen gering einstufte. Doch Bauer narkotisierte das Baby „und es ging alles gut“. Erst im Nachhinein erfuhr er: Sein Team hatte das Enkelkind eines Emirs operiert.

Mesut Özil spendete für Interplast

Eine prägende Erfahrung machte Bauer auch in Brasilien. Zwar gibt es in dem südamerikanischen Land genügend plastische Chirurgen, aber sie arbeiten fast alle in Großstädten. Auf dem flachen Land herrscht dagegen Mangelware, sodass Interplast auch dort tätig ist. Als Mesut Özil während der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 davon erfuhr, spendete er 150 000 Euro für die Sektion Stuttgart/Münster. Am meisten aber lebt Interplast von den vielen deutschen Patienten, die immer wieder Geld überweisen. Oft sind es kleine Beträge, aber nicht nur: „Eine Patientin aus Münster hat uns ihr Haus vermacht“, berichtet Bauer.

Der Pliezhäuser hat jedoch auch die Schattenseiten des Engagements für Interplast kennenlernen müssen. Am meisten nimmt ihn mit, dass sein Team nicht allen Patienten helfen kann. „Es ist bitter, wenn man Kinder wieder heimschicken muss, die zwei Tage zu Fuß zu uns angereist sind.“ So wie zuletzt im Februar dieses Jahres bei einem Einsatz in Eritrea. Fast 1000 Erwachsene und Kinder kamen zum Krankenhaus, „und wir hatten nur Kapazität für 150 Operationen“. 500 Menschen wurden von den Sicherheitsbehörden erst gar nicht aufs Gelände gelassen. Die anderen 500 sah sich das Ärzte-Team an und entschied dann anhand einer Dringlichkeitsliste. „Schönheitseingriffe und die hoffnungslosen Fälle müssen wir wieder wegschicken“, sagt Bauer.

Korruption erschwert die Arbeit der ehrenamtlichen Ärzte

Zugesetzt hat ihm auch ein Ereignis in Nigeria. Dort hatten die Ärzte von Interplast den einheimischen Medizinern „die Spaltchirurgie wirklich gut beigebracht“. Gleich im ersten Jahr konnten die nigerianischen Chirurgen rund 1500 Eingriffe selbst durchführen. Doch wenig später kam heraus: Der Klinik-Direktor hatte die Gelder in die eigene Tasche gewirtschaftet, sodass das Programm wieder eingestellt wurde. „Wir werden in Ländern mit schlechtem Entwicklungsstand immer wieder mit unglaublicher Korruption konfrontiert“, beklagt Bauer.

In diesem Jahr stehen noch zwei Einsätze auf dem Programm: Im September reist Bauer nach Tansania und im Dezember geht es nach Myanmar. Dort war er schon einmal in den 1970er Jahren und hat im Laufe der Jahrzehnte mitbekommen, „wie mit der Demokratisierung eine unglaubliche Welle der Euphorie einsetzte“. Doch der Militärputsch im Jahr 2021 habe „alles zunichte gemacht“. Inzwischen gebe es in Myanmar fast keine plastischen Chirurgen mehr, denn der zivile Widerstand wurde von Ärzten und Juristen angeführt. „Sie sitzen jetzt alle im Gefängnis oder sind entlassen worden.“

Deshalb wird er in einem Feldlazarett in der Region Karen Ende am OP-Tisch stehen. Zwar höre man dort gelegentlich Artilleriefeuer. „Das ist schon beunruhigend, aber da Karen nahe der thailändischen Grenze ist, traut sich die Junta nicht so viel. Die wollen keinen Konflikt mit Thailand.“ Sorge bereitet ihm eher das Dengue-Fieber. Damit hat es ihn schon einmal erwischt. Doch ein Mediziner weiß nicht nur Patienten, sondern auch sich selbst zu helfen. Seit ein paar Jahren gibt es eine Impfung gegen Dengue – „und die habe ich natürlich machen lassen“, sagt Bauer. Denn für Interplast will er weiterhin im Einsatz bleiben. „Erst wenn ich merke, dass meine Leistungsfähigkeit und Belastbarkeit nachlassen, höre ich auf.“ Davon ist bisher nichts zu spüren.

Gemeinnützige Organisation

Interplast
ist ein gemeinnütziger Verein, der kostenlos plastisch-chirurgische Operationen in Entwicklungsländern durchführt. Die Organisation wurde 1967 in den USA von Professor Donald Laub an der Stanford-Universität gegründet. Die Mitglieder der OP-Teams sind Spezialisten, die gezielt dort eingesetzt werden, wo hoch entwickelte Hilfe noch nicht vorhanden ist. Sie engagieren sich unentgeltlich, in der Regel während ihrer Urlaubszeit. Herbert Bauer leitet in Deutschland die Sektion Stuttgart/Münster.