Auf dem Gelände des Waldenserfriedhofs ist lange nichts mehr geschehen. Das Areal soll nun eine Art Park werden. Foto: Fritsch

Vertreibung, Flucht und Neubeginn – die Geschichte der Waldenser ist eine besondere. Sichtbar und erlebbar wird sie für Besucher mit dem Waldenserensemble: Museum, Anbau sowie Friedhof, der zu einer Art Park umgestaltet werden soll, bilden künftig eine Einheit und zeichnen die Entwicklung Neuheng­stetts nach.

Althengstett-Neuhengstett - Nachdem der multifunktionale Neubau für Wechsel- und Sonderausstellungen sowie weitere kulturelle Veranstaltungen nahe des alten Museums fertig ist, wird nun, wie berichtet, der zweite Bauabschnitt begonnen.

Rundweg verbindet alles

Die Freifläche "Waldenserfriedhof" bekommt ein neues Gesicht und ist so konzipiert, dass Besucher sich künftig selbstständig ohne Führung und auch intensiver mit den Waldensern und der Geschichte der Glaubensflüchtlinge befassen können. "Aufbruch und Weg", "Ankommen", "Verwurzelt" und "Verweben" werden die vier dort geplanten Stationen sein, die durch einen Rundweg verbunden werden. Sie sollen die Geschichte der Waldenser einerseits und Themen der Migration sowie der Heimatgedanke andererseits vermitteln.

"Alte Heimat – Neue Heimat" lautet der Name für die neue Anlage auf dem Friedhof. n Station 1 – Aufbruch: An der ersten Station geht es unter anderem um den Ursprung und die Herkunft der Waldenser, um die Glaubensgrundsätze sowie um die Themen "Waldenser nach der Vertreibung" sowie "Waldenser und Reformation". Zitate wie "Heimat ist da, wo man sich nicht erklären muss" von Johann Gottfried von Herder werden zu lesen sein. n Station 2 – Ankunft: Es wird die Situation in den Ankunftsdörfern beschrieben. Die Gründung des neuen Dorfes, der Bau der Kirche und Auseinandersetzungen mit den neuen Nachbarn werden nachgezeichnet. Die Berufe der Waldenser und die soziale Stellung der Neuankömmlinge werden thematisiert. n Station 3 – Verwurzeln: Diese Station symbolisiert das Angekommen sein und Sicherheit in der neuen Heimat. Das Motiv Baumwurzel dient dabei als Gestaltungselement.n Station 4 – Verweben: Hier steht der Begriff Sesshaftigkeit im Mittelpunkt. Außerdem geht es um typisch waldensische Flurnamen, Klischees sowie das Thema Essen und Trinken. Auch das heutige Brauchtum oder Wahrzeichen wie der Waldenserstein sind Thema. Emotionen der einstigen Flüchtlinge wie Leere und Unsicherheit bei der Ankunft in der Fremde werden gestalterisch umgesetzt. Die Besucher werden sich den verschiedenen Themen mit technischen Elementen wir QR-Codes annähern können. Die parkähnliche Anlage soll künftig vor allem auch zum Verweilen einladen.

Wissenschaftlich begleitet

Das Welschdorf wurde am 1. September 1700 von ungefähr 130 Waldensern aus Villaret aus dem Val Cluson im Piemont gegründet, die zunächst nach Arheilgen in Hessen gekommen waren, dann aber in Württemberg zwischen Hengstett und Simmozheim angesiedelt wurden. Flucht und Vertreibung, auch aus religiösen Gründen, waren einst Anlass der Besiedlung. Manche behaupten, dass der Ort am Anfang Bourcet hieß. Sicher ist, dass die Kolonie schon 1716 Neuheng­stett genannt wurde, heißt es vonseiten der Deutschen Waldenservereinigung.

Wissenschaftlich begleitet wird die Umgestaltung des Friedhofs vom Waldenserexperten Albert de Lange. Der Deutsch-Niederländer ist freischaffender Kirchenhistoriker. Sein Forschungsschwerpunkt ist die Geschichte der Waldenser in der Neuzeit. De Lange publizierte Arbeiten in niederländischer, italienischer und deutscher Sprache, vor allem über die Waldenser. Der Kirchenhistoriker ist wissenschaftlicher Vorstand der Deutschen Waldenservereinigung.

Die im April vom Gemeinderat vergebenen Arbeiten, unter anderem für Garten- und Landschaftsbau, sollen bis Spätsommer oder Herbst abgeschlossen sein. Dann ist eine gemeinsame Eröffnung des Ensembles unter Pandemiebedingungen geplant.

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