„Wie kann man einfach so ein Tier überfahren?“ Der Schock und die Wut sitzen bei Melanie Haas und ihren Mitstreitern tief. Was sich am Samstag zwischen Hochmössingen und Weiden ereignet hat, können sie einfach nicht fassen.
„Das zu sehen, war wirklich übel“, sagt Melanie Haas am Montag im Gespräch mit unserer Redaktion. Diesen Schock vom Wochenende hat noch nicht verdaut. Es ist nicht nur der Anblick der vielen toten Tiere, der sie so traurig und wütend macht, sondern auch die fehlende Einsicht und Rücksicht derjenigen, die den Tod verschuldet haben.
Dabei hatte es dieses Jahr bislang so gut ausgesehen, berichtet sie. Seit knapp eineinhalb Wochen ist ein Team aus Freiwilligen wie vergangenes Jahr jeden Morgen und jeden Abend an der K 5521 zwischen Hochmössingen und Weiden unterwegs, um die Straßensperrung ab- beziehungsweise aufzubauen. Eine verkehrsrechtliche Anordnung der Straßenverkehrsbehörde legitimiert, dass die Straße zurzeit jede Nacht von 19 Uhr bis 6 Uhr vollgesperrt wird.
Die Kröten sind wieder unterwegs
Das hat mit den Kröten zu tun, die sich bei milderen Temperaturen nach der Winterzeit auf Wanderung zum Hochmössinger Weiher begeben, um dort ihre Eier abzulegen. Die Wanderung findet aufgrund der dann erhöhten Luftfeuchtigkeit meist nachts statt.
Um die arglosen Tiere zu schützen, wird die Straße deshalb in dieser Zeit gesperrt. Dabei geht es nicht nur darum, dass die Tiere überfahren werden könnten, der Strömungsdruck schnell über die Straßen brausender Fahrzeuge kann bei den Kröten zu einem Platzen der Organe und damit für einen besonders qualvollen Tod sorgen.
Am Samstag hätten mehrere Autofahrer die Sperrung einfach ignoriert und seien „durchgerauscht“, erzählt Melanie Haas von ihren Beobachtungen. Einen Autofahrer habe man erwischt und angehalten.
Einsicht fehlt
Auf die Frage, warum die Sperrung ignoriert wurde, werde einem dann noch frech ins Gesicht gelogen, sagt Haas fassungslos. Von „Ich kenne mich hier nicht aus“ bis zu „Ich habe die Sperrung nicht gesehen“ habe sie schon viel gehört – eines unglaubwürdiger als das andere. Nur eines fehle immer: Einsicht.
Die direkte Kontrolle der Strecke, nachdem der Autofahrer durchgefahren sei, war laut Melanie Haas schockierend. „Zwölf Kröten waren auf der Straße zu sehen, neun davon waren überfahren worden. Und die anderen drei werden wohl auch noch sterben“, so schnell wie der Autofahrer vorbeigefahren sei. Man habe gleich die Polizei verständigt und ihr das Kennzeichen des Fahrers durchgegeben, erzählt Haas.
Doch bei diesem einen Vorfall sollte es nicht bleiben. Die Helfer, die nicht nur den Auf- und Abbau übernehmen, sondern die Tiere, die unterwegs sind, täglich zählen, sahen noch weitere Autofahrer, darunter auch eine Frau mit Kindern, die die Sperrung umfuhren, Pylonen entfernten oder einfach darüber fuhren und den Schaden in Kauf nahmen. „So etwas macht mich sauer“, meint Haas. Zumal die Strecke einfach zu umgehen wäre.
Mehr als 100 Tiere an einem Abend
Die offizielle Umleitung führe über die L 412 und L 413 über Marschalkenzimmern nach Hochmössingen und umgekehrt. „Das ist ein Umweg von gerade einmal wenigen Minuten“, sagt Haas. Und die Sperrung besteht nur über wenige Wochen.
Dass die Sperrung nicht von ungefähr kommt und die Strecke bei den Kröten beliebt ist, zeigen die Zahlen. Am Freitagabend wurden mehr als 100 Tiere auf und entlang der Strecke gezählt. Am Mittwochmorgen habe man um 5.30 Uhr noch 17 Tiere über die Straße getragen, bevor die Sperrung um 6 Uhr abgebaut wurde.
Die Helfer hoffen nun auf Konsequenzen für die Autofahrer, die sie der Polizei gemeldet haben – und darauf, dass die Sperrung künftig berücksichtigt wird. „Sonst verschwindet irgendwann eine weitere Tierart von der Bildfläche.“