Es gibt noch eine Mini-Resthoffnung, doch beim SSV Reutlingen stellt man sich vor dem letzten Oberliga-Spieltag auf die Verbandsliga ein. Wo liegen die Gründe für den Absturz des ehemaligen Zweitligisten? Wie geht es weiter?
Das Auswärtsspiel am 12. Mai in Göppingen war ein Spiegelbild der Saison: Der SSV Reutlingen zeigte beim Spitzenteam lange Zeit sein durchaus beachtliches spielerisches Potenzial, hielt passabel mit, kassierte aber in der 90. Minute einen Treffer, der die 1:2-Niederlage besiegelte. Die rund 200 mitgereisten SSV-Fans, die ihr Team an der Hohenstaufenstraße über die komplette Spielzeit unermüdlich unterstützten, mussten enttäuscht die Heimreise antreten. Wieder einmal. „Ich weiß nicht, was der Hemmschuh ist. Es ist einfach der Wurm drin, mit diesem Kader müssten wir viel, viel besser dastehen“, sagt Sportvorstand Christian Grießer.
Kleines Wunder muss her
Tut der SSV aber nicht. Der Traditionsverein steht vor dem letzten Oberliga-Spieltag (1. Juni, 15.30 Uhr) am Abgrund zur Verbandsliga. Aus eigener Kraft kann die Mannschaft von Trainer Philipp Reitter (39) den Klassenverbleib nicht mehr schaffen, sie braucht vielmehr ein kleines Wunder. Der SSV (34 Punkte) muss zu Hause den ATSV Mutschelbach schlagen und dann hoffen, dass zwei der noch drei einholbaren Teams vor ihm patzen – dies sind der FC Denzlingen (35 Punkte/beim Offenburger FV), der FC Holzhausen (35 Punkte/gegen die SG Sonnenhof Großaspach) und der FSV 08 Bietigheim-Bissingen (36 Punkte/beim FV Ravensburg).
Am Ende wird es vier Absteiger geben, im besten Fall drei, wenn der baden-württembergische Vizemeister über die Aufstiegsrunde (5. bis 11. Juni/Gegner sind Türk Gücü Friedberg und der SV Gonsenheim) den Sprung in die Regionalliga schafft. Der Offenburger FV und der ATSV Mutschelbach, der sich freiwillig zurückzieht, stehen als Absteiger fest. „Wir klammern uns an den letzten, dünnen Strohhalm, aber die Chancen stehen natürlich sehr schlecht“, räumt Grießer ein. Zumal der Trend gegen die Reutlinger spricht: Aus den vergangenen sechs Spielen wurde von möglichen 18 Punkten gerade mal einer geholt, bei nur drei selbst erzielten Toren.
Seit 14 Jahren in der Oberliga
Wird der Abstieg in die Verbandsliga zur bitteren Realität, wäre das nach 14 Jahren Oberliga-Zugehörigkeit nicht nur ein Riesendämpfer, sondern gleichbedeutend mit dem Tiefpunkt der Vereinsgeschichte. Zur Erinnerung: 2000 hatte der spätere VfB-Meistertrainer Trainer Armin Veh den SSV in die zweite Liga geführt. Drei Jahre lang hielt man sich im Bundesliga-Unterhaus, dann ging’s abwärts.
Da die Lizenz für die damals noch drittklassige Regionalliga nicht erteilt wurde, musste in der Oberliga (damals noch vierte Liga) ein Neuanfang her. Im März 2010 folgte nach einer Insolvenz der Neuanfang in der inzwischen fünftklassigen Oberliga. Im baden-württembergischen Oberhaus gelang seitdem nie eine bessere Abschlussplatzierung als Rang sieben. Jetzt droht der Abstieg – und damit Derbys gegen den VfL Pullingen, die TSG Tübingen, den TSV Oberensingen oder möglicherweise auch das stadtinterne Duell gegen die Young Boys Reutlingen.
Vertrauen ging verloren
Warum es so weit kommen konnte? Grundsätzlich hat der Verein durch die Misswirtschaft aus vergangenen Zeiten an Vertrauen verloren. Es fehlen zahlungskräftige Großsponsoren. Im Schnitt kommen 700 bis 800 Zuschauer zu den Heimspielen ins riesige Kreuzeiche-Stadion, dessen Haupttribüne 5236 Sitzplätze zu bieten hat. Sportlich fehlte es in dieser Saison an der Konstanz und an Führungsspielern. Ex-Kapitän Pierre Eiberger ging jahrelang voran – das Urgestein verabschiedete sich nach 15 Jahren SSV vergangenen Sommer zum TSV Oberensingen. „Unsere Leistungen waren zu schwankend, zudem hat uns ein Leader gefehlt“, bestätigt Grießer.
„Aufgeben ist keine Option“
Bleibt das Wunder Klassenverbleib aus – der Sportvorstand würde dennoch weiterkämpfen: „Aufgeben wäre auch in der Verbandsliga keine Option. Wir wollen den Karren wieder aus dem Dreck ziehen, da gibt es keine zwei Meinungen.“ Stand jetzt bleibt Philipp Reitter, Gymnasiallehrer an einer Privatschule in Dußlingen, auch beim Abstieg Trainer. Vier durchaus vielversprechende, regionalliga- und teils drittligaerfahrene Neuzugänge von der TSG Balingen deuten zumindest darauf hin, dass der Verein nicht noch weiter durchgereicht werden würde: Torwart Marcel Binanzer sowie die Feldspieler Moritz Kuhn, Tim Wöhrle und Jonas Meiser kommen ligaunabhängig. Marvin Jäger und U-19-Toptalent David Zenner wechseln im Gegenzug auf die Zollernalb.
Dass in Anbetracht der prekären Reutlinger Lage Neuzugänge dieser Kategorie an Land gezogen werden konnten, ruft in der Branche durchaus Verwunderung hervor. „Wir haben keine Schatztruhe gefunden, wir konnten die Spieler, zu denen wir teils schon lange Kontakt haben, vielmehr von unserem Verein überzeugen“, versichert Grießer – und betont: „Wenn wir runtergehen, kann es nur ein Ziel geben: sofort wieder hochzukommen.“
Kampf um den Aufstieg
Letzter Spieltag
Der FC 08 Villingen (69 Punkte, plus 43 Tore) kann am letzten Oberliga-Spieltag (1. Juni, 15.30 Uhr) mit einem Sieg gegen den 1. CfR Pforzheim (64 Punkte, plus 34 Tore) den Direktaufstieg in die Regionalliga Südwest perfekt machen. Der Zweite SG Sonnenhof Großaspach (67 Punkte, plus 50 Tore) spielt beim abstiegsgefährdeten FC Holzhausen. Der drittplatzierte 1. Göppinger SV (66 Punkte, plus 27 Tore) empfängt den FSV Hollenbach und kann mit einem Sieg noch Platz zwei und die Teilnahme an der Aufstiegsrunde erreichen. Voraussetzung wäre allerdings ein Patzer der SG Sonnenhof Großaspach in Holzhausen. (jüf)