Am fünften Tag des Entführungsprozesses am Hechinger Landgericht wurde den ganzen Vormittag das Opfer im Zeugenstand gehört. Foto: Kromer

Bizarre Szenen im Hechinger Schwurgerichtssaal: Das Opfer schützt seine Entführer durch Erinnerungslücken und Beschwichtigungen – Tag fünf im Menschenraub-Prozess.

Mit Spannung erwartet worden war am fünften Tag des Hechinger Prozesses um erpresserischen Menschenraub der Auftritt des Opfers im Zeugenstand. Wie würde der inzwischen 17-Jährige aus einem Rosenfelder Teilort das Martyrium schildern, das ihm während 75 Stunden in den Händen seiner Entführer – Ohrfeigen, Fausthiebe, mutmaßlich auch Todesdrohungen – widerfahren war?

 

„Sie wechseln hopplahopp den Anwalt

Um es vorwegzunehmen: Der Auftritt des jungen Mannes war für die Große Jugendkammer ein einziges Ärgernis. Er begann schon damit, dass er maximal kurzfristig seinen Zeugenbeistand ausgewechselt hatte. Der vom Gericht bestellte Rechtsanwalt Fritz Westphal wurde an Ort und Stelle von seiner Aufgabe entbunden. An seine Stelle rückte der vom Zeugen auf eigene Kosten beauftragte Rechtsanwalt Matthias Obermüller. Der Vorsitzende Richter Volker Schwarz tat darüber sein Missfallen kund: Hier sitze „der ganze Saal voll“ und warte auf seine Aussage – und er wechsle „hopplahopp den Anwalt“.

Zeuge beruft sich auf Erinnerungslücken

Und auch während der zweieinhalbstündigen Befragung hatte das Gericht so gar keine Freude an dem Zeugen. Mal machte der 17-Jährige von seinem Auskunftsverweigerungsrecht Gebrauch – das ihm zusteht, weil er selbst als Verdächtiger im hinter der Entführung stehenden Drogenhandel infrage kommt. Und immer wieder berief er sich auf Erinnerungslücken: „Ich weiß es nicht mehr.“

Lösung für Schulden gesucht

Sehr lapidar, emotionslos, missmutig, verunsichert, möglicherweise auch eingeschüchtert schilderte der junge Deutsche, der sich als arbeitssuchend bezeichnete, die mehr als drei Tage dauernde Entführung, die sich im vergangenen April zwischen Mössingen, Bodelshausen, Haigerloch-Stetten und Bisingen abspielte, in groben Zügen. Der Grund für die Tour? „Die wollten eine Lösung finden für das Geld, das ich L. geschuldet habe.“ Wie viel Geld? „Weiß ich nicht mehr.“ Schulden woher? „Sage ich nicht.“ Und was ist passiert? Man sei „in der Gegend rumgefahren“, habe „Leute getroffen“, sei Essen gegangen, habe Playstation gespielt und in einem Mössinger Hotel und in verschiedenen Wohnungen übernachtet. „Man hat halt versucht, eine Lösung zu finden.“

Gewalttaten unterwegs? Ja, so räumte der Zeuge mehr notgedrungen als auskunftsfreudig ein, er habe von einzelnen Angeklagten hie und da eine Ohrfeige oder einen Faustschlag in die Rippen kassiert: „Verschiedene Leute haben auf mich eingeschlagen.“ Und ja, einen Stockhieb habe er bekommen, der ihm „irgendwas an den Rippen“ eingebracht habe. Und auf gezielte Nachfrage: Ja, auch ein Zahn sei beschädigt worden: „Ich habe einen Schlag drauf gekriegt. Aber ich weiß nicht, von wem.“ Ebenso sei er mit einem vorgehaltenen Messer am Hals gekratzt worden. Details zu diesen Taten? Mögliche Drohungen mit einer Gaspistole? „Ich habe keine Erinnerung daran.“

„Unter Schlafmangel verhört“

Dass er die Taten im April bei mehreren Vernehmungen durch die Polizei viel genauer geschildert habe, hielt Richter Schwarz dem Opfer mehrfach vor. Dessen Erklärungsversuche: „Die haben mich unter Schlafmangel verhört.“ Und: „Die haben mich unter Druck gesetzt.“ Was Schwarz so nicht gelten lassen wollte. „Entweder“, hielt er dem Zeugen vor, „haben Sie bei der Polizei jemanden falsch verdächtigt, oder Sie haben heute Erinnerungslücken, die nicht glaubhaft sind“. Man erlebe es schließlich nicht alle Tage, „dass man in den Kofferraum eines Autos gesperrt und durch die Gegend gefahren wird“.

Breites Grinsen auf der Anklagebank

Die sieben jungen Männer auf der Anklagebank grinsten einander immer wieder breit zu, als das Opfer ins Kreuzverhör genommen wurde. Am meisten Grund dazu hatte der 19-jährige Ofterdinger, den die Kammer und die Staatsanwaltschaft als „Drahtzieher“ verdächtigen – und der bislang als Einziger noch kein (Teil-)Geständnis abgegeben und sich auch nicht an den vor Wochenfrist abgeschlossenen Deals beteiligt hat. Ihn nahm der Zeuge weitgehend aus der Schusslinie. Ja, so räumte er auf Nachfragen der Verteidigerinnen Sarah Burkhardt und Fozia Hamida-Bhatti ein, auch der 19-Jährige habe ihn zwei, drei Mal geschlagen. Aber er sei nicht der „Rädelsführer“ gewesen.

Die Anklage „völlig übertrieben“

Und das Gesamtbild? Wie er sich in der gesamten Situation gefühlt habe, wollte Richterin Kristina Selig von dem Zeugen wissen. „Ein Auf und Ab zwischen Angsthaben und Wohlfühlen“ sei es gewesen, lautete die Antwort. Man habe zwischendurch auch gemeinsam „gechillt“, gekifft und getrunken. Keine Rede von einem Martyrium. „Völlig übertrieben“ sei der Ablauf von Polizei und Staatsanwaltschaft dargestellt worden. Richterin Selig sah sich zu der Nachfrage veranlasst: „Haben Sie Angst vor den Angeklagten?“ Der Zeuge verneinte das.

Große Entschuldigungszeremonie

Und dann begann die größte Entschuldigungszeremonie, die der Hechinger Schwurgerichtssaal wohl je gesehen hat. Alle sieben Angeklagten bat ihr Opfer um Verzeihung – die meisten mit Handschlag, manche eher kühl, andere umso herzlicher, garniert mit einer Umarmung –, sprachen von ihrer eigenen Scham, von Reue und von den „Qualen“, die der Kontrahent erleiden musste.

Die Verteidiger sekundierten mit der Übergabe von gut gefüllten Briefkuverts. Im Rahmen des Täter-Opfer-Ausgleichs wurden dem Entführten insgesamt 16 000 Euro Schmerzensgeld überreicht.

Entschuldigung hin, Entschädigung her: Trotz der an diesem Tag eher dünner gewordenen Beweislage drohen den Angeklagten weiterhin mehrjährige Haftstrafen. Sechs der sieben haben ihre Tatbeteiligung umfassend gestanden. Fortgesetzt wird der Prozess am Dienstag, 16. Dezember.