Über die Geschichte von Locherhof ist in archivierten Schriften viel nachzulesen. Könnten jedoch Steine sprechen, wäre über die Ortschaft sicherlich noch deutlich mehr zu erfahren.
50 Besucher waren der Einladung der Gemeinde zur zweiten historischen Ortsrundfahrt gefolgt. Nachdem Mariazell im Oktober den Auftakt zu den beiden Ortsjubiläen bildete, war nun der Ortsteil Locherhof an der Reihe.
Vier Eigentümer von historischen Gebäuden hatten sich bereiterklärt, ihre Häuser und die dazugehörenden Geschichten und Sagen vorzustellen. Start war beim sogenannten Ursprungshof von Locherhof, dem „Obere Hof“. Nach Auskunft von Waltraud und Rudi Staiger stammt das heutige Gebäude aus dem 17. Jahrhundert, der Gewölbekeller ist deutlich älter. Zum Erhalt war großes Engagement der Familie Staiger erforderlich.
Der Urhof stand einige Meter weiter weg auf diesem Gelände. Ein an ihn angebautes Wohn- und Ökonomiegebäude wurde von einem Erben wieder abgebaut und in Buchenberg neu aufgestellt.
Bürgermeister über Generationen
Die Staigers stellten über Generationen hinweg den Bürgermeister von Locherhof.
Am Kulturdenkmal Deisenhof in der Schönbronner Straße erläuterte Gottfried Rapp die umfangreichen Sanierungsmaßnahmen, bei denen er Unterstützung von der Gemeinde erhalten hat. Die Besonderheit ist, dass das historische Gebäude weiterhin bewohnt und bewirtschaftet wird. Der „Untere Hof“ wurde Rapp zufolge 1784 abgebrochen und auf dem Tischneck wieder aufgebaut. An der Abbruchstelle wurde der heutige Deisenhof errichtet, der einst zum Kloster Rottenmünster in Rottweil gehörte. Der Hof hatte eine Kapelle, die nach Streitereien mit dem Kloster zum Backhaus umgestaltet wurde.
Über eine vor einem Jahr vorgenommene Dachsanierung informierte ein von Martin Lauble erstellter Film.
Blick in die NS-Zeit
Im 1921 von Fabrikant Carl Härdtner gebauten und 1923 an die Gemeinde Locherhof verschenkten ehemaligen Gemeindehaus sind der Kindergarten und Vereine untergebracht. Es verfügte nach Auskunft von Bürgermeister Franz Moser einst über einen Gemeindesaal für kirchliche und kulturelle Zwecke, Kleinkinderschule und eine Schwesternstation für medizinische Hilfe. Während der NS-Zeit stand das Gebäude unter der Aufsicht der nationalsozialistischen Volkswohlfahrt.
Bis zum Bau der Turn- und Festhalle Locherhof fanden im Gemeindesaal und heutigen Probelokal des Akkordeonorchesters Konzert, Theater- und Filmvorführungen statt. Anfang der 1990er-Jahre wurde durch einen Anbau das Raumangebot des Kindergartens erweitert.
Spezielle Grenzsituation
Die letzte Station führte die Besucher zum Anwesen von Oliver Rapp in der Teufenstraße. Das einst typische Tagelöhnerhaus des Orts wurde von ihm umfassend saniert. Sehr gut erhalten ist das ehemalige Göpelhaus. Rapp wusste nicht nur über die Geschichte des Gebäudes und der wechselnden Eigentümer bis ins 18. Jahrhundert gut Bescheid, sondern auch über die der Familie Rapp und deren Netzwerk in Locherhof. Er präsentierte einen Marksteinzeugen. Im Bereich der Teufenstraße kam diesen Marksteinzeugen eine besondere Funktion zu, weil das Anwesen Rapp gleichzeitig die Gemarkungsgrenze zwischen Locherhof und Mariazell darstellt.
Bürgermeister Moser sprach zum Abschluss von einem erneuten Erfolg der Ortsrundfahrt. Viele Zusammenhänge der Orts- und Familiengeschichten seien anschaulich vermittelt worden, dankte er den Eigentümern für die Mitwirkung.