Der Bürgerbus feierte dieser Tage sein zehnjähriges Bestehen. Wie hat sich das ehrenamtliche Engagement des gleichnamigen Vereins entwickelt, was bringt der Blick in die Zukunft? Rainer Siegl, erster Vorsitzender des Vereins, gibt Auskunft.
Der Bürgerbus in Furtwangen – er ist eine wichtige Ergänzung zum öffentlichen Nahverkehrsangebot in der Stadt. Die Idee des gleichnamigen Vereins lebt vom ehrenamtlichen Engagement: „Bürger fahren für Bürger“ lautet das Motto. In diesen Tagen feierte er sein zehnjähriges Bestehen – Anlass für einen Rück- und Ausblick.
Die Idee hatte Andreas Braun vom VdU (Verein der Unternehmer und freien Berufe in Furtwangen und Gütenbach), erinnert sich Rainer Siegl, der erste Vereinsvorsitzende. Braun habe das Problem erkannt, dass Menschen aus den abgelegenen Teilen von Furtwangen nicht an den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) angebunden seien. Gerade für die ältere Bevölkerung der Stadt war das ein großes Problem, sagt Siegl. Die Idee sei zwar schon sehr alt – aber erst im Oktober 2013 gründete sich schließlich der Bürgerbus-Verein. Mit 22 Mitgliedern und 27 Fahrern, darunter zwei Frauen, ging es 2014 schließlich mit dem ersten Bus auf Tour in und rund um Furtwangen. 2019 wurde der zweite angeschafft – beide bieten acht Fahrgästen Platz und sind Eigentum der Stadt.
Die Touren Ab- und hochgelegene Haltestellen an Kussenhof, Ganterhof und Sommerberg fahren die Busse seither täglich an, insgesamt über 40 Haltestellen in ganz Furtwangen. Dreh- und Angelpunkt ist dabei das Deutsche Uhrenmuseum – hier beginnen und enden die halbstündlichen Touren. Die erste Schicht läuft von 8.30 bis 13.33 Uhr – danach ist Fahrerwechsel, ehe der letzte Bus gegen 18 Uhr wieder am Uhrenmuseum ankommt. „Rund 850 Kilometer fährt der Bürgerbus jede Woche“, verrät Siegl. Kein Wunder also, dass jeden zweiten Tag, immer montags, mittwochs und freitags, getankt werden muss. „Es ist auch schon passiert, dass ein Fahrer das vergessen hat – dann hatte der andere am nächsten Morgen natürlich ein Problem“, plaudert Siegl aus dem Nähkästchen.
Die Zahlen Verwunderlich ist es daher auch nicht, dass der erste Bus seinen Zenit nun schon überschritten hat – in einigen Wochen soll dieser durch ein neues Gefährt ersetzt werden. „Die Berge und das viele Bremsen – das macht natürlich dem Bus auch technische Probleme“, erklärt der Vereinsvorsitzende.
Es sind Zahlen, die beeindrucken: Rund 90 000 Menschen hat der Bürgerbus seit seinem Start bereits befördert. „Wir nähern uns langsam der 100 000“, sagt Siegl stolz. Mit beiden Bussen wurden seither etwa 400 000 Kilometer gefahren bei mehr als 25 000 ehrenamtlichen Stunden reiner Fahrzeit. „Sitzungen und so weiter sind da noch nicht dabei“, betont Siegl. Mittlerweile hat der Verein 120 Mitglieder.
Die Probleme Doch es gibt auch Probleme: wie so oft betrifft das den Nachwuchs. Derzeit sind 21 Fahrer aktiv, die meisten im Ruhestand befindlich, doch, berichtet Siegl: „Wir werden 2024 massive Probleme haben, da mindestens sechs oder sieben Fahrer aussteigen.“ Ein Faktor ist hier auch der behördlich vorgeschriebene Sehtest, der alle fünf Jahre von den Fahrern erneuert werden muss. Siegl befürchtet, dass einige den Test nicht mehr bestehen werden. Das betrifft auch ihn selbst, denn Siegl ist 78. Verstehen kann er die Vorgaben nicht so ganz: „Wir fahren ja nur bis 18 Uhr, nur über Land und auf beleuchteten Straßen – dass der Sehtest für uns so hart ausfällt, kann ich nicht verstehen.“
Um neue Fahrer zu generieren, ist der Verein daher auch aktiv, hängt Gesuche an schwarzen Brettern aus, setzt aber vor allem auch auf Mund-zu-Mund-Propaganda innerhalb der Bevölkerung , sagt Siegl. Aber: „Es geht natürlich immer wieder jemand in Rente.“ Neue Fahrer sind daher immer willkommen und dringend gesucht. „Wir wären natürlich auch dankbar, wenn sich Frauen bewerben möchten“, betont der Vereinsvorsitzende.
Die Finanzen Und auch die Finanzen sind für den Verein nicht leicht zu tragen. „Wir kommen alleine auf 8000 Euro an Spritkosten pro Jahr, der zweite Bus hat uns in diesem Jahr alleine schon 6000 Euro gekostet“, rechnet Siegl vor. Und das als selbstständiger Verein, wie er betont: „Wir fahren komplett ehrenamtlich, für null Euro.“ Und dennoch habe es in der Vergangenheit schon Probleme mit dem Finanzamt gegeben, der Vorwurf: Als gemeinnütziger Verein dürfte man keine Werbung schalten und gewinnorientiert arbeiten. Das kann Siegl nicht verstehen: „Wir erhalten schließlich die Mobilität der Furtwanger Bevölkerung – das ist so eine Ungerechtigkeit sondersgleichen.“ Ohne die Folien- und Monitorwerbung auf und im Bus hätte der Verein überhaupt keine Überlebenschance, erklärt er. „Allein mit den Fahrpreisen könnten wir nicht existieren.“ Die Fahrpreistickets seien niedrig, 1,50 kostet eine Fahrkarte, 1,25 Euro zahlen Studenten, ein Schwerbehinderter überhaupt nichts.
Die Unterstützung Überwiegend sei der Bürgerbus mit älteren Menschen besetzt, darunter viele Stammgäste, teilweise nehme er auch Studenten am Kussenhof mit oder Touristen, die die Stadt erkunden möchten. Nicht zu vernachlässigen sei hier auch der soziale Faktor, betont Siegl: „Viele Leute machen sich einen schönen Nachmittag und treffen Bekannte im Bus.“
Zum Glück, sagt der Vorsitzende, mangele es nicht an jeder Menge Unterstützung. Die Stadt Furtwangen, und das stimmt Siegl froh, stehe voll hinter dem Verein. Auch die Werbepartner unterstützten diesen und hätten langfristige Verträge abgeschlossen. „Gott sei Dank, sagt Siegl. „Das ist eine feste, sichere und die größte Einnahmequelle.“
Auch das Feedback aus der Bevölkerung sei durchweg positiv. „Schön, dass es euch gibt“ und „Hoffentlich gibt es euch noch lange“ – das höre man des Öfteren. Für den Furtwanger selbst ist der Bürgerbus eine Herzensangelegenheit: „Wenn ich einmal alt bin und nicht mehr selbst fahren kann, wäre ich froh, wenn ein Bus vor meiner Türe steht.“
Die Suche Siegl hofft, dass im neuen Jahr wieder wieder neue Fahrer hinzustoßen werden – andernfalls müsse man den Fahrplan zum Leidwesen der Bevölkerung reduzieren. Seine Wünsche für die Zukunft? „Dass der Bürgerbus aufrecht erhalten werden kann, dass wir 2024 wieder auf mindestens 25 Fahrer kommen, dass alle gesund und die Fahrgäste uns treu bleiben.“
Zehn Jahre Bürgerbus
Jubiläumsfest
Das zehnjährige Jubiläum des Vereins wurde am vergangenen Wochenende gebührend gefeiert. Die Landtagsabgeordnete Martina Braun und der Bürgermeisterstellvertreter Manfred Kühne hielten Grußworte und hoben die Bedeutung des Vereins hervor. Insbesondere viele Stammgäste nutzen die Gelegenheit, zusammen mit den Fahrern zu feiern.