Netze-BW-Chef Jörg Reichert im Gespräch. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Die Energiebranche schlägt Alarm. Pläne der Netzagentur für Netzgelte könnten die Kapitalbeschaffung erschweren, fürchtet Netze-BW-Chef Jörg Reichert im Interview.

Die Netzbetreiber sind seit Monaten alarmiert. Denn die Bundesnetzagentur feilt an neuen Regeln für die Netzentgelte im sogenannten Verteilnetz. Die bisherigen Entwürfe könnten internationale Nachteile bei der Finanzierung mit sich bringen, fürchtet Netze-BW-Chef Jörg Reichert.

 

Herr Reichert, vergangene Woche hat Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche zehn Punkte zur Energiewende veröffentlicht. Welche Schlüsse ziehen Sie als Netzbetreiber?

Uns ist wichtig, dass wir bei der Transformation des Energiesystems immer einen Dreiklang zwischen Klimaschutzzielen, Versorgungssicherheit und Bezahlbarkeit erreichen und dass man die Systemkosten in den Blick nimmt: also Ausbau der Erneuerbaren, Netzausbau, aber auch Speicher und Backup-Kapazitäten. Wir begrüßen daher, dass die Bundesregierung nun die Gesamtkosten anschaut.

Bundeswirtschaftsministern Katherina Reiche (CDU) hatte jüngst Pläne zur Energiewende vorgestellt Foto: Michael Kappeler/dpa

Halten Sie es für richtig, dass jetzt Solar-Subventionen auf den Prüfstand kommen? Immerhin stellt der ungesteuerte Ausbau der Erneuerbaren die Netzbetreiber vor große Herausforderungen.

Für uns ist wichtig, dass wir den erneuerbaren Ausbau im Netzausbau synchronisiert bekommen, also darauf schauen, wo es möglichst effizient ist, den Ausbau vorzunehmen. Was wir in den letzten Jahren gesehen haben, ist ein unglaublicher Hochlauf von PV-Anlagen, die bei uns ans Netz angeschlossen werden mussten und wir sehen weiterhin hohe Anmeldezahlen. Als Netzbetreiber hat für uns erste Priorität, das System stabil zu halten – und darin sind wir richtig gut. Deutschland ist hier im internationalen Vergleich ganz vorne. Aber dafür müssen wir viel tun: 2024 hatten wir rund 1000 Eingriffe, 2025 bereits über 1350 allein bis Juli. Dafür braucht es unter anderem die Digitalisierung der Netze, damit wir in der Lage sind, das besser auszusteuern.

Über die Digitalisierung der Netze sprechen wir schon seit Jahrzehnten. Rechnen Sie jetzt mit dem entscheidenden politischen Impuls ?

Wir sind zuversichtlich, dass der Roll-Out der Smart Meter gelingt und einen Beitrag zur Digitalisierung der Netze leistet. Als Netze BW sind wir hier auf einem guten Weg. Digitalisierung der Netze umfasst allerdings mehr als Smart Meter. Wir brauchen mehr Informationen über die Auslastung im Netz, beispielsweise über Intelligenz in den Ortsnetzstationen. Zudem müssen wir die Schnittstelle zum Kunden digitalisieren. Und wir haben komplexe Abrechnungsthemen, die wir auch digitalisieren müssen.

Aktuell legt die Bundesnetzagentur neue Regeln für die Netzentgelte in den Verteilnetzen – also dem Teil der beim Kunden ankommt – fest. Die Netzbetreiber laufen Sturm dagegen. Warum?

Ich hatte gerade über die großen Anschlusszahlen von PV gesprochen – das bedeutet für uns immensen Netzausbau. Wir befürchten, dass wir als Energieversorger schlicht die anstehenden Investitionen in den Netzausbau nicht mehr stemmen können, weil sich das Investitionsklima noch weiter deutlich verschlechtert. Das sehen wir mit Sorge. Wir haben vor einigen Jahren rund 200 Millionen Euro investiert, im laufenden Jahr sind es 600 Millionen Euro und wir gehen auf über eine Milliarde an Investitionen, die wir pro Jahr tätigen müssen. Die braucht es, um den Umbau des Energiesystems weiter voranzubringen, um Erneuerbarer Energien anzuschließen, um die Wallbox, die Wärmepumpe zu integrieren.

Was genau ist das Problem?

Ein Problem ist die Eigenkapitalverzinsung, die die Bundesnetzagentur in ihren Regeln zu Grunde legt. Wir liegen aktuell im europäischen Wettbewerb deutlich unter dem europäischen Vergleich und wir sehen mit Blick in die Zukunft dringenden Anpassungsbedarf. Damit bekommen wir ein Problem, weil wir zur Finanzierung der genannten Milliardeninvestitionen auf Fremdkapital angewiesen sind und mit europäischen Konkurrenten um Finanzmittel konkurrieren.

Weil die niedrigere, angenommen Eigenkapitalverzinsung zu höheren Preisen an den Finanzmärkten führt, wenn sie Geld aufnehmen wollen?

Absolut – und da sind wir nicht allein. Das gilt auch für jedes Stadtwerk. Und für alle Investitionen, die anstehen, braucht es einfach Kapital von außen und damit einen regulatorischen Rahmen, der auch international konkurrenzfähig ist. Wir haben kalkuliert, dass allein Netze BW bis 2045 rund 35 Milliarden Euro investieren muss, um die Transformation zu stemmen.

Dringen Sie mit den Bedenken bei der Bundesnetzagentur durch?

Die Diskussionen laufen noch, es liegt nichts Finales auf dem Tisch. Wir haben immer noch die Hoffnung, dass auf der Zielgerade eine Gegensteuerung stattfindet.

Kleinere Netzbetreiber sprechen von einer erzwungenen Marktbereinigung. Wäre das hilfreich für Netze BW?

Nein. Wir haben wirklich genug zu tun. Die Welt im Netz ist komplexer, die Herausforderungen sind größer geworden. Da steigt eher die Notwendigkeit Partnerschaften zu schließen. Kompetenz hat nicht zwingend was mit Größe zu tun. Wir erleben viele kleine Unternehmen, die sehr innovativ sind.

Die Bundesnetzagentur argumentiert, dass die Netzentgelte auch für die Verbraucher tragbar sein müssen. Haben Sie einen Vorschlag, wie beides unter einen Hut gebracht werden kann?

Ich glaube, dass den Verbrauchern nicht geholfen ist, wenn den Netzbetreibern wirtschaftlich die Luft genommen wird und diese nicht mehr so leistungsfähig sind wie heute. Wir sollten besser darüber sprechen, wieviel Netzausbau überhaupt nötig ist. Wir als Netzbetreiber können auf der Beschaffungsseite versuchen, Kosten zu senken. Aber solange wir gesetzlich gezwungen sind, alle Energieerzeuger diskriminierungsfrei anzuschließen, koste es, was es wolle, ist der Netzausbau für uns einfach teuer.

Wie ließe sich denn aus Ihrer Sicht der Aufbau von dezentraler Energieerzeugung steuern?

Wir kommen aus einer Phase, in der der Ausbau der Erneuerbaren und der Netzausbau getrennt betrachtet wurde. Das müssen wir enger miteinander verschränkt bekommen. Das ist eine komplexe Aufgabe, aber der müssen wir uns stellen. Das zweite Element ist in der öffentlichen Wahrnehmung noch gar nicht angekommen. Es gibt auch einen Prozess bei der Netzagentur, der regelt wie die Netzentgelte künftig auf Verbraucherseite neu ausgestaltet werden.

Was bedeutet das?

Da geht es auch um die Frage, wie können Anreize gesetzt werden, um möglichst schonend mit dem Netz umzugehen. Das könnte darauf hinauslaufen, dass die Leistung je Anschluss bepreist wird und Haushalte, die einspeisen für die Netzkosten aufkommen müssen. Das trifft die Bevölkerung und die Industrie gleichermaßen.

Angesichts der CO2-Preise, die ab 2027 auch Verbraucher stärker treffen werden, dürfte das eine Thema sozialen Sprengstoff bergen.

Was wir brauchen, ist eine nüchterne Diskussion über die Fakten. Es gibt immer noch eine große Unterstützung für den Klimaschutz. Aber wenn das Thema Bezahlbarkeit aus dem Ruder läuft, dann zeigen Studien, dass dann auch die Akzeptanz leidet und bröckelt.

Zur Person

Stuttgarter
Der 49 Jahre alte Manager ist in Stuttgart geboren und lebt in der Region. Der Diplom-Kaufmann studierte an der Universität Mannheim und wechselte dann an die Ludwig-Maximilians-Universität München, um dort zu promovieren und einen Master of Business Research zu absolvieren.

EnBW-Gewächs
Nach einer kurzen Zeit als Berater wechselte er 2006 zur EnBW. Mehrere Jahre arbeite er in verschiedenen Bereichen, unter anderem in M&A, Risikomanagement, Energiewirtschaft und Konzerncontrolling. 2019 übernahm er die Geschäftsleitung der naturenergie holding AG und naturenergie hochrhein AG. Seit 2024 führt er den Verteilnetzbetreiber Netze BW.