Eine Berliner Firma verkauft einen angeblich veganen Stromtarif. Der Geschäftsführer erklärt, was an Strom nicht vegan ist und wie er dazu werden soll – und drei Experten sagen, was sie davon halten.
Berlin/Stuttgart - Sich vegan zu ernähren bedeutet, auf alle tierischen Lebensmittel zu verzichten und nur noch pflanzliche Produkte zu konsumieren. Neben veganen Lebensmitteln gibt es inzwischen auch vegane Taschen, Schuhe oder auch Kosmetik – und einen veganen Stromtarif.
Wind- und Wasserkraft schaden Vögeln und Fischen
Die Software-Firma Greenstone Energy, gegründet 2015 in Berlin, ist seit 2020 Stromversorgerin und bietet unter der Marke Veganstrom einen solchen Tarif an. Der Geschäftsführer Erik Oldekop ist überzeugt davon, dass die Zukunft aus 100 Prozent erneuerbarer Energie besteht. Daraus schließt er, man müsse nun anfangen, zwischen besseren und weniger guten erneuerbaren Energiequellen zu unterscheiden: „Wenn man deren Auswirkungen auf die Natur, die Ökosysteme und Tiere beachtet, wird einem klar, dass man keine Wasserkraft, kein Biogas und keine Windenergie verkaufen sollte.“
Die Turbinen und der Sog von Wasserkraftwerken können zur Gefahr für Fische in den Gewässern werden. Bei Windrädern betrifft die Gefahr Vögel und Fledermäuse, die in den Rotorblättern zu Tode kommen können. Für die Herstellung von Biogas werden neben Biomüll auch Abfälle aus der Massentierhaltung wie Gülle verwendet, was indirekt zum Tierleid beitrage. Vermeide man die genannten drei Arten der Energieerzeugung, sei der Strom tierleidfrei und somit vegan, lautet die Argumentation von Greenstone Energy. Das Wort wird also umgedeutet: von „ohne tierische Bestandteile“ zu „ohne tierisches Leid entstanden“.
Solarstrom tierfreundlicher als andere Erneuerbare
Dafür setzen Oldekop und sein Team zurzeit auf Solarstrom. Dessen Vorteil sei, dass man Solaranlagen auch auf Freiflächen so bauen könne, dass darunter Leben und auch Landwirtschaft möglich würde. Die Firma betreibt solche Anlagen allerdings nicht selbst, sondern bezieht den Strom von Kraftwerken im Besitz von Genossenschaften, Privatpersonen oder Pensionskassen. Künftig will Oldekop auch Energie aus den Gezeiten der Meere und aus Geothermie, also Erdwärme, einkaufen und in seinem veganen Stromtarif vertreiben.
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Was die Wahl dieser Energiequellen und deren Auswirkungen auf die Tierwelt angeht, geben die Experten vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu) und dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) dem Unternehmer nur in Teilen recht. So sagt Sebastian Scholz, Leiter der Abteilung Energiepolitik und Klimaschutz des Nabu: „Anlagen verändern immer die Landschaft und die Lebensräume, aber die drei gewählten Formen haben tatsächlich sehr geringe Auswirkungen.“ Wasserkraft und Biogas lehne der Nabu aus denselben Gründen wie Oldekop ab.
Auswirkungen mindern statt vermeiden
Ludger Eltrop ist Abteilungsleiter für Systemanalyse und Erneuerbare Energien an der Universität Stuttgart. Er weist darauf hin, dass es trotz allem immer Auswirkungen auf Ökosysteme gebe, zum Beispiel durch die Herstellung der Anlagen: „Man kann sie nicht vermeiden, nur versuchen, sie zu mindern.“ Das wiederum sei aber auch bei Windrädern möglich – zum Beispiel, indem Sensoren die Anlage stoppen, wenn ein bedrohter Vogel wie der Rotmilan kommt.
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Scholz ergänzt, der Standort eines Windrades sei entscheidend, um „Vogelschlag“ zu vermeiden. Fellermann meint ebenfalls: „Mit vernünftiger Abstimmung muss ein Windrad für Vogelpopulationen kein Problem sein.“ Ohnehin würden durch Fensterscheiben, Hauskatzen und Autoverkehr weitaus mehr Vögel sterben als durch Windräder. Alle drei Experten der Meinung: Ohne Windkraft funktioniere die Energiewende einfach nicht. „Wir brauchen so viel Strom, wenn wir von Öl, Gas und Kohle wegkommen wollen – das schaffen wir auf gar keinen Fall alles mit Gezeitenkraft, Geothermie und Solarkraft“, ist Arne Fellermann überzeugt. Auch Ludger Eltrop sagt: „Ohne Windenergie ist das nicht zu machen.“ Sebastian Scholz hält es zwar theoretisch für möglich, gibt aber zu bedenken, dass dafür die Kapazitäten zum Speichern von Strom fehlen – eine Lücke im Konzept von Erik Oldekop, meint der Nabu-Experte.
Energiewende ohne Windkraft „nicht zu machen“
Der äußert allerdings gar nicht den Anspruch, dass sein „veganer“ Strom eine Vollversorgung gewährleisten könnte. Vielmehr gehe es darum, ein Bewusstsein für das Thema Tierleid bei der Stromerzeugung zu schaffen und eine Alternative für Menschen zu sein, denen Tiere besonders am Herzen lägen. Er hat auch nichts gegen die von ihm ausgeschlossenen Energiequellen: „Ich würde mir kein Windrad hinstellen, aber wenn ein Bauer sich eine Turbine baut, würde ich nicht gegen ihn polemisieren.“
Marketing-Gag mit begrenztem Nutzen
Was bleibt, ist die Frage, was sein Angebot dann bringt. Eltrop sagt: „Ich halte das für eine Nische, keinen Problemlöser.“ Sebastian Scholz hält das Anliegen zwar für berechtigt, das Schlagwort „vegan“ sei aber nicht zielführend: „Das ist eher ein Marketing-Gag.“ Für Arne Fellermann ist das Angebot „total in Ordnung für Leute, die Wert darauf legen“ – der gesamtgesellschaftliche Nutzen sei allerdings begrenzt.