Gaskraftwerk in Stuttgart: Auch Baden-Württemberg droht eine kritische Versorgungslage, wenn kein Gas mehr aus Russland kommt. Foto: imago/Arnulf Hettrich

Wegen des Krieges in der Ukraine werden Forderungen nach einem Lieferstopp von Öl und Gas aus Russland lauter. Wie schnell könnte sich das Land unabhängig machen – und was würden Lieferengpässe konkret bedeuten? Volker Kienzlen, Chef der Landesenergieagentur, hat Antworten.

Seit Wochen führt Russland einen Krieg in der Ukraine. Je länger dieser andauert und je mehr Gräueltaten bekannt werden, desto lauter werden Stimmen, die einen Stop russischer Energielieferungen verlangen. Im Interview erklärt Volker Kienzlen, Chef der Landesenergieagentur Baden-Württemberg, ob der Südwesten ein solches Embargo kompensieren könnte – und was kurzfristig etwas bringen würde.

 

Herr Kienzlen, vor allem beim Erdgas besteht im Südwesten eine hohe Abhängigkeit von russischen Lieferungen. Wie kann der Südwesten davon unabhängig werden?

Der Ausbau der erneuerbaren Energien ist natürlich ganz entscheidend, damit auch Baden-Württemberg mittel- bis langfristig unabhängig wird von fossilen Energien zum Beispiel aus Russland. Aber das dauert. Der Ausbau der Erneuerbaren zielt ja im Wesentlichen erstmal auf die Stromerzeugung. Projekte wie zum Beispiel die Geothermie oder Nutzung von Abwärme, die sich auf den Wärmesektor auswirken, haben lange Vorlaufzeiten. Und auch die Umstellung einer Heizungsanlage von Heizöl oder Erdgas lässt sich nur mit viel Glück noch vor dem kommenden Winter umsetzen, da werden die Wartezeiten jetzt schnell ansteigen. Um die Abhängigkeit zu reduzieren ist es in meinen Augen also wichtig zu schauen, welche kurzfristigen Maßnahmen wir ergreifen können.

Welche können das sein?

Das sind zunächst mal die ganz klassischen Maßnahmen zur Betriebsoptimierung. Also: Welche Raumtemperaturen habe ich wo? Muss ich wirklich alle Räume beheizen? Das wird vor allem mit dem Beginn der nächsten Heizperiode wichtig werden – und gilt für Wohngebäude genauso wie für alle Nicht-Wohngebäude wie Bürogebäude, Kindergärten oder Schulen. Leider sieht man immer noch gekippte Fenster – ein Indiz für Energieverschwendung. Auch zeitgesteuerte Thermostatventile können helfen, Räume nicht unnötig zu beheizen.

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Dann kann man sich anschauen: Ist die Kellerdecke vernünftig gedämmt – und ist eine gute Dämmung auf der obersten Geschossdecke? Das wäre eine Aktion, die man über den Sommer umsetzen kann – auch in Eigenleistung. Und auch der Warmwasserverbrauch ist etwas, an dem man drehen kann. Da kann man abmessen, wie viel Liter Wasser in einer Minute aus dem Duschkopf kommen. Bei Regenduschen sind das gerne mal 20 Liter, bei einem sparsamen Duschkopf sechs.

Das klingt nach kleinen Stellschrauben. Können solche Maßnahmen wirklich einen entscheidenden Beitrag leisten?

Das hängt davon ab, wie verschwenderisch Sie davor waren. Das kann zwischen fünf und 20 Prozent am Energieverbrauch ausmachen. Unsere Erfahrung im Energiemanagement ist: Zehn Prozent Einsparung sind quasi überall erreichbar – allein durch betriebliche Maßnahmen und ohne, dass irgendwelche Investitionen getätigt werden.

Appelle an die Verbraucherinnen und Verbraucher sind das eine. Sind nicht auch politische Vorgaben nötig, um den Energieverbrauch zu senken?

Wir müssen uns ehrlich machen: Forcierte energetische Sanierungen zum Beispiel sind zwar längerfristig sehr wichtig, bringen uns für den kommenden Winter aber relativ wenig. Wir sind momentan bei einer Sanierungsrate von rund einem Prozent des Immobilienbestandes pro Jahr – schon eine Verdoppelung ist eine Herkulesaufgabe. Die ist aber durch die Kapazitäten im Handwerk begrenzt. Es ist also nicht damit getan, die Förderkonditionen für energetische Sanierungen zu verbessern, zumal die noch nie so gut waren wie jetzt.

Wird bislang noch zu wenig auf Energieeffizienz gesetzt?

Eindeutig ja. Ich wünsche mir eine sehr viel intensivere Diskussion um Energieeffizienz. Es wird uns nicht gelingen, unsere offenen, energetischen Scheunentore mit erneuerbaren Energien zu stopfen, wenn wir nicht die Scheunentore erstmal sehr viel weiter zu machen. Ohne Effizienz werden wir weder die Klimaschutzziele noch Versorgungssicherheit erreichen.

Ist es denn realistisch, dass wir uns kurz- oder mittelfristig von russischen Öl- und Gaslieferungen unabhängig machen können?

Ich bin ganz zuversichtlich, dass wir das hinbekommen. Das Argument Klimaschutz hat leider bis jetzt noch nicht die durchschlagende Wirkung erzielt, die wir uns seit 25 Jahren erhoffen. Ich hoffe, dass das Argument Versorgungssicherheit mehr Menschen erreicht. Die Erkenntnis, dass wir in großem Maße abhängig sind etwa von Russland, dürfte dazu beitragen, dass viele überlegen, ob ihre neue Heizung tatsächlich mit Öl oder Gas beheizt werden muss – oder ob es nicht doch Erneuerbare sein sollten.

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Der Gesetzgeber sollte dabei aber flankierende Maßnahmen vorsehen. Zum einen einen steigenden CO2-Preis, der erforderlich ist um deutlich zu machen, dass die Nutzung der Mülldeponie Atmosphäre einen Preis hat – und nicht umsonst genutzt werden kann. Daneben gibt es auch das Ordnungsrecht das klar macht: ab 2024 darf eigentlich keine normale Gasheizung mehr installiert werden.

Was, wenn von einem Tag auf den anderen kein Gas mehr aus Russland geliefert wird? Würde es dann hierzulande zu Versorgungsnöten kommen?

Als Besitzer einer Gasheizung muss ich keine Angst haben – da werde ich nicht der erste sein, der von einer Abschaltung betroffen ist. Im ersten Schritt werden Industrien betroffen, deren Gasversorgung entweder reduziert oder abgeschaltet wird. Aber eine solche Abschaltung würde für die Industrie natürlich massive Einbrüche bedeuten. An zweiter Stelle kämen dann die Kraftwerke und zuletzt Wohnungen, Krankenhäuser und kritische Infrastrukturen.

Die Wahrscheinlichkeit, dass bei mir zuhause das Gas nicht mehr aus der Leitung kommt, ist also nicht sehr hoch – aber es wird sicher nicht billiger werden. Und jede Kilowattstunde, die ich bei mir verbrauche, steht nicht für die Versorgung der Industrie oder eines Kraftwerks zur Verfügung. Das gilt im Grunde ab sofort, da wir jetzt nicht verbrauchtes Gas in großen unterirdischen Gasspeichern für den nächsten Winter lagern können.

Wie wahrscheinlich sind solche Szenarien?

Die Zahlen die mir bekannt sind deuten klar darauf hin, dass eine komplette Kompensation des russischen Gases durch LNG-Importe nicht möglich sein wird. Das heißt: Es ist davon auszugehen, dass im nächsten Winter solche Einschränkungen drohen. Mittelfristig führt nichts am Ausbau von Infrastrukturen für LNG – also von verflüssigtem Erdgas – vorbei.

Wie schnell können denn Erneuerbare die fossilen Importe kompensieren?

Bei Fotovoltaik wäre ich durchaus optimistisch, dass es uns gelingt, die Ausbaurate im Laufe dieses Jahres zu verdoppeln. Das geht, wenn wir es wollen. Bei Wind kann ich nicht sagen, ob wir es schaffen, die Ausbauzeiten so zu beschleunigen, dass sich das für den kommenden Winter auswirkt. Das zweite ist dann die Umstellung der Heizungen – da muss ich ja dann in der Lage sein mithilfe einer Wärmepumpe aus dem Strom Wärme zu produzieren. Die Umstellung von Gasthermen auf Wärmepumpen muss sehr viel schneller erfolgen, als das bisher der Fall ist – das muss die Heizungsindustrie erst noch erkennen.

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Hohe Abhängigkeit von Kohle und Gas aus Russland

Importe
Baden-Württemberg hat laut dem Statistischen Landesamt in Stuttgart im Jahr 2021 rund 19,5 Millionen Tonnen an fossilen Brennstoffen aus dem Ausland eingeführt. Dabei handelte es sich nach vorläufigen Zahlen um 12 Millionen Tonnen Erdöl, 1,4 Millionen Tonnen Erdgas und 6 Millionen Tonnen Steinkohle.

Erdöl
Beinahe ein Drittel des Erdöls kam im vergangenen Jahr aus Libyen. Die eingeführte Menge russischen Erdöls ging demnach um gut ein Fünftel auf 1,6 Millionen Tonnen zurück. Weitere wichtige Lieferanten waren die Vereinigten Staaten, Kasachstan und der Irak. Erdgas und Steinkohle kamen vor allem aus Russland. Mit einem Anteil von 43 Prozent an den gesamten Erdgas-Importen des Südwestens war Russland 2021 die Hauptquelle für diesen Brennstoff. Auch bei den Steinkohle-Lieferungen stand Russland vorne.

Einsatz
Laut dem Verband für Energie- und Wasserwirtschaft Baden-Württemberg entfielen 2019 rund 42 Prozent des Gasverbrauchs im Südwesten auf das produzierende Gewerbe und rund 37 Prozent auf private Haushalte. Bei den Heizungen hat Erdgas Erdgas in Baden-Württemberg mit 37,1 Prozent den größten Anteil im Land, der Bundesschnitt liegt aber etwas höher. Zu den größten Gasverbrauchern in der Industrie gehören in Baden-Württemberg laut dem Verband nach Branchen die Papierindustrie, Kraftwagen und Kraftwagenteile, Chemische Erzeugnisse, Nahrungs- und Futtermittel, Maschinenbau und Metallerzeugnisse.