Die Erdgasspeicher in Deutschland sind derzeit fast vollständig gefüllt. Jetzt geht es darum, wie stark sie sich über den Winter leeren werden. Foto:  

Ob Deutschland im Winter oder Frühjahr das Erdgas zum Heizen und für die Industrie ausgeht, ist trotz des warmen Herbsts noch nicht sicher. Verschiedene Modellrechnungen zeigen, welche Szenarien möglich sind.

Im November beginnt die Heizsaison. Der Verbrauch steigt, und der Blick richtet sich auf die Erdgasspeicher. Bis jetzt wurden sie mit höchster Priorität fast vollständig gefüllt.

 

Wie könnte es weitergehen?

Die Bundesnetzagentur, Thinktanks wie Bruegel oder das gemeinnützige Science Media Center (SMC) errechnen mit Modellen mögliche Szenarien. Sie beruhen immer auf bestimmten Annahmen und können unvorhersehbare Entwicklungen nicht einkalkulieren. Auch ist es unmöglich zu sagen, wie wahrscheinlich welches Szenario genau ist. Doch die Modelle zeigen, welche Parameter jetzt wichtig sind. Wir haben verschiedene Fälle mit dem SMC-Modell durchgespielt – mit den Faktoren Verbrauch, Wetter und Gasimporte.

Wie viel Gas wird verbraucht?

Am höchsten ist der Verbrauch zwischen November und März, weil in den kalten Monaten viel geheizt wird. In den vergangenen vier Jahren wurden in dieser Zeit im Mittel zwischen 3 und 4,5 Terawattstunden (TWh) pro Tag verbraucht. Diesen Winter wird es vermutlich weniger sein: Seit August liegt der Gasverbrauch 23 Prozent unter dem Schnitt der Vorjahre, die Bundesnetzagentur hat 20 Prozent als Ziel ausgegeben. Wir modellieren zwei Fälle: einmal zehn Prozent, einmal 20 Prozent Einsparung.

Welche Rolle spielt das Wetter?

Der Verbrauch ist stark temperaturabhängig. Basierend auf Werten der vergangenen Jahre geht das Rechenmodell des SMC davon aus, dass in einem kalten Winter insgesamt etwa 50 Terawattstunden mehr Gas verbraucht werden. In einem warmen Winter wären laut Daten der vergangenen Jahre bis zu 24 TWh weniger möglich. Unklar ist, wie der Gasmarkt und die Sparbemühungen auf einen zu warmen oder zu kalten Winter reagieren.

Wie viel Gas kommt ins Land?

Der Netto-Gasimport lag zuletzt zwischen 2,1 und 2,5 TWh pro Tag. Dazu kommen das in Deutschland geförderte Erdgas und heimisches Biogas sowie von Januar an zusätzliche Importe über die neu eingerichteten LNG-Terminals. Zugleich geht die Bundesnetzagentur davon aus, dass aus den Niederlanden und Belgien weniger importiert und mehr Gas nach Süd- und Osteuropa exportiert wird. Wir berechnen eine pessimistische Variante, bei der zwischen November und Mai konstant 1,7 TWh pro Tag im Land bleiben und eine optimistische mit 2 TWh pro Tag – ein Wert, den auch die Bundesnetzagentur verwendet.

Wann kommt es zu Gasmangel?

In einem sehr pessimistischen Szenario der Bundesnetzagentur laufen die Speicher im Februar leer, wenn nur rund 1,35 TWh täglich im Land verbleiben und der Winter kalt wird – 20 Prozent Einsparung sind da bereits einkalkuliert. Die Behörde schreibt, dass dieses Szenario gewählt wurde, „um primär eine ausreichende Streuung und damit ein verständliches Bild der potenziellen Gasmangellagen zu übermitteln“.

Kaum jemand erwartet freilich, dass so wenig Gas im Land verbleibt. Rechnet man stattdessen mit 1,7 oder 2 TWh pro Tag, zeigt sich, dass bei 20 Prozent Einsparung eine Gasmangellage nur in einem kalten Winter mit geringem Nettoimport eintritt. Bei zehn Prozent Einsparung hingegen ließe sich der Mangel nur vermeiden, wenn der Nettoimport bei 2 TWh am Tag bleibt und das Wetter durchschnittlich wird.

Worauf kommt es also an, damit genügend Gas da ist?

Ein 20 Prozent niedrigerer Gasverbrauch scheint mit Blick auf die Modellrechnungen zwingend und ist der einzige Faktor, den Haushalte, Gewerbe und Industrie selbst steuern können. Dazu sollten die Nettoimportmengen einschließlich heimischer Erzeugung nicht für längere Zeit unter 1,7 TWh liegen.

Die Nettoimporte sind neben dem Verhalten der Exportländer davon abhängig, wie viel Deutschland für Gas zu zahlen bereit ist. „Indirekt hat Deutschland mit den Subventionen für Haushalte und Speicherbetreiber signalisiert, dass es Höchstpreise zahlt“, sagt der auf Energie spezialisierte Analyst Ben McWilliams vom Thinktank Bruegel. Durchschnittliche Temperaturen würden vieles einfacher machen, aber allein darauf zu hoffen, ist riskant.

Was heißt das eigentlich, dass „genügend Gas“ da ist?

Die Bundesregierung hat einen Speicherstand von 40 Prozent zum 1. Februar als Ziel ausgegeben. Im Modell werden die tiefsten Speicherstände allerdings erst im März oder April erreicht. Für McWilliams wären 40 Prozent Ende März „richtig gut“ – weil es nicht nur darum geht, über diesen Winter zu kommen, sondern auch die Speicher für den Winter 2023/24 zu füllen. Dafür wird anders als dieses Jahr kein russisches Gas zur Verfügung stehen.

Ein optimistisches Modell mit 20 Prozent Einsparung, einem durchschnittlich kalten Winter und 2 TWh täglichem Nettoimport kommt auf einen Füllstand von rund 45 Prozent. Füllstände um 50 Prozent nennt die Bundesnetzagentur „komfortabel“ mit Blick auf den nächsten Winter.

In der Realität kann es auch wesentlich besser oder schlechter laufen als in den Modellen. Das SMC hat auch Importmengen modelliert, die so hoch bleiben wie im Herbst und im Grunde unterstellen, dass „Deutschland weiterhin bereit ist, um jeden Preis Gas zu kaufen“, so Bruegel-Experte Ben McWilliams. Während in diesem Szenario am Ende dieses Winters recht viel Gas übrig wäre, könnte auch noch deutlich mehr verbraucht werden als modelliert, warnen SMC und Bundesnetzagentur.