Die Strompreise steigen momentan massiv an. Foto: © gopixa – stock.adobe.com

Noch importiert Deutschland Gas und Öl aus Russland. Ungeachtet dessen zieht die Energie Calw GmbH (ENCW) ihre Preise jetzt an. Nicht bei allen Kunden stößt das auf Verständnis. Doch worin sind die Preiserhöhungen überhaupt begründet?

Calw - 12,5 Cent pro Kilowattstunde mehr als bisher. Bei rund 4000 Kilowattstunden Verbrauch im Jahr sind das etwa 500 Euro an Mehrkosten – für dieselbe Leistung. Das rechnet ein Leser (Name der Redaktion bekannt) unserer Redaktion vor. Er ist erbost über das Schreiben der ENCW, das ihm vergangene Woche ins Haus flatterte. Darin heißt es: "Als Ihr Energielieferant ist es unser Anliegen, unsere Energiepreise so stabil und niedrig wie möglich zu halten. Aktuell jedoch befindet sich der Energiemarkt, im Speziellen auch der Strombeschaffungsmarkt, in einer noch nie dagewesenen Ausnahmesituation."

 

Damit gemeint ist unter anderem der Ukraine-Krieg, wie aus dem Schreiben, das unserer Redaktion vorliegt, weiter hervorgeht. Doch so ganz klar ist unserem Leser nicht, wie das zusammenhängt. "Klar, die Energiepreise steigen, das weiß man ja", meint er. "Der Verweis auf den Krieg in der Ukraine ist aber irgendwie frech. Wird Deutschland nicht seit Tagen kritisiert, weil wir weiterhin Geschäfte mit Russland machen? Wäre das wenigstens nicht mehr der Fall, würde ich es sogar akzeptieren. So wirkt es aber, als wäre alles beim Alten und es wird vorsichtshalber schon mal teurer", echauffiert er sich. Fakt ist: Aktuell lehnt Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) einen Importstopp von russischem Öl und Gas ab. Heißt im Umkehrschluss: Das Öl und Gas fließt weiterhin in die EU und nach Deutschland. Warum für mehr Geld?

Wirtschaftliche Konjunktur

"Die Preise für Erdgas werden an der europäischen Energiebörse gebildet und durch verschiedene Faktoren beeinflusst, die entsprechende Schwankungen verursachen", erklärt Andree Stimmer, Pressesprecher der ENCW auf Anfrage unserer Redaktion. "Zu diesen zählen etwa die Witterung, die Preisentwicklung anderer, mit Gas im Zusammenhang stehenden Rohstoffe, die aktuelle politische und wirtschaftliche Konjunktur sowie Angebot und Nachfrage", zählt er auf.

Tatsächlich scheint nicht nur der Krieg in der Ukraine Schuld an den massiven Preiserhöhungen zu sein. So hatte die "Schwarzwald Energy", ein Tochterunternehmen der ENCW, Anfang des Jahres mit Vertragskündigungen und Preissteigerungen für Ärger bei ihren Kunden gesorgt. Begründung damals waren gestiegene Beschaffungspreise an der Strombörse, bedingt wiederum durch "die weltweit höhere Nachfrage nach Gas durch die Pandemie, die Preise für die CO-Zertifikate sowie der CO-Preis, schwache Windkrafterzeugung und die ›Nichtinbetriebnahme von Nord Stream 2‹", hatte er aufgezählt.

Nun erklärt er weiter: "Ausgangspunkt der aktuellen Situation waren massiv steigende Energiepreise (Erhöhung des Gaspreises um den Faktor zehn), die insbesondere im Oktober und Dezember 2021 zu extremen Preisspitzen führten." Die Besserung der Corona-Lage hatten in der zweiten Jahreshälfte zu einer Erholung der Wirtschaft geführt – die internationale Energienachfrage stieg daraufhin. "Gleichzeitig führte die Verknappung russischer Gaslieferungen im Zuge der zunehmenden politischen Spannungen zu Unsicherheiten am Gasmarkt."

Kurzfristige Liefereinschränkungen

Zusätzliche "Schockwirkung" hatte da natürlich der Angriff Russlands auf die Ukraine. "Aufgrund der allgemein hohen Importabhängigkeit Europas von russischem Gas reagierten sowohl die Gas- als auch die Strommärkte mit stetig steigenden Preisen", so Stimmer. Und es könnte noch schlimmer kommen: Nämlich dann, wenn es zu kurzfristigen Liefereinschränkungen oder einem Lieferstopp seitens Russland kommen sollte – oder im Zuge des Krieges Gaspipelines beschädigt würden. Dann wären "weitere deutliche Preissprünge" zu erwarten, meint Stimmer.

Das Problem sei, dass die Menge der erneuerbaren Energien in Deutschland noch nicht ausreicht, um den Energiebedarf zu decken. Daher sei die Preisentwicklung "insbesondere auf den kurzfristigen Energiehandel" durchgeschlagen. Die Folge: Viele Discountanbieter haben sich aus dem Haushaltskundengeschäft zurückgezogen und ihre Strom- und Gaslieferungen eingestellt, ihren Kunden gekündigt oder Insolvenz angemeldet. Damit fielen zehntausende Haushalte kurzfristig in die Grund-, beziehungsweise Ersatzversorgung ihres örtlichen Grundversorgers. "Aufgrund der weiterhin anhaltend hohen Energiepreise ist nicht ausgeschlossen, dass weitere Discounter die Kundenbelieferung einstellen", befürchtet Stimmer.

Schlimme Befürchtungen hat auch unser Leser. "Was machen die Leute, die das nicht bezahlen können?", fragt er sich. "Im Dunkeln hocken? Am besten zu Hause ohne Heizung? Heizöl und Sprit werden ja auch nicht billiger."