Chronische Erkrankung bei Frauen Endometriose ist kein Tabu mehr - junge Frauen wollen gute Behandlung
Starke Schmerzen, oft jahrelang keine Diagnose: Millionen Frauen leiden an Endometriose. Die Oberärztin Karin Pethke erklärt, wie Patientinnen ihre Lebensqualität verbessern können.
Heftige Schmerzen, Übelkeit, Durchfall, Verwachsungen an Organen: Millionen Frauen in Deutschland leiden an Endometriose, geschätzt betrifft es zwei bis vier Millionen Frauen. Eine Krankheit, die viele Ärzte über Jahrzehnte hinweg übersehen oder unterschätzt haben. Die Diagnose der Krankheit, bei der sich Gebärmutterschleimhaut an anderen Orten im Bauchraum ausbreitet, wie zum Beispiel im Darm oder an der Blase, ist komplex.
Die Diagnose von Endometriose ist komplex
„Sie erfordert eine ausführliche Anamnese und eine sorgfältige Abklärung“, so der Berufsverband der Frauenärztinnen und Frauenärzte (BVF). Diese werde aber zum Beispiel gar nicht über die Vergütungsstruktur abgebildet, kritisiert der Verband. Es brauche daher nach wie vor verbesserte Rahmenbedingungen sowie eine kontinuierliche und wohnortnahe Behandlung, sagt Markus Haist, Präsident des BVF.
Die Zahl der Frauen mit der Diagnose Endometriose hat sich binnen 20 Jahren mehr als verdoppelt. Zwischen 2005 und 2024 stieg die Zahl der Betroffenen von rund 230 000 auf gut 510 000, wie aus dem aktuellen Barmer-Arztreport hervorgeht. Parallel stieg auch die Zahl der Klinikaufenthalte wegen Endometriose stark, wie aus Zahlen des Statistischen Bundesamts für 2014 bis 2024 hervorgeht. Sie stiegen demnach um etwa die Hälfte.
Viele Betroffene haben früher lange auf eine Diagnose gewartet
„Noch vor wenigen Jahrzehnten ist Endometriose häufig unerkannt geblieben“, erklärte Christoph Straub, Chef der Krankenkasse Barmer, bei der Vorstellung des jährlichen Ärztereports der Krankenkasse. Aber auch heute werde die Erkrankung in zahlreichen Fällen noch irrtümlich für normale Regelschmerzen gehalten.
Endometriose werde heutzutage jedoch meist deutlich häufiger und deutlich früher festgestellt. So sank das Durchschnittsalter der Frauen bei der Erstdiagnose zwischen 2015 und 2024 um fast vier Jahre. Bis zu zehn Jahre vergingen früher in der Regel insgesamt bis zu einer Diagnose. Die deutliche Steigerung begründet Straub allerdings auch mit Fortschritten in der Diagnostik.
Neue Endometriose-Leitlinie
Lange Zeit war die Bauchspiegelung eigentlich die einzige zuverlässige Methode, um Endometriose sicher feststellen zu können. „Heute ist dies schonender möglich“, sagt Straub. Auch mit einem sehr guten Ultraschall könne man Gewebeveränderungen schon feststellen. Dennoch bräuchten Betroffene eine individuelle und passgenaue Therapie, die über viele Jahre hinweg durchgeführt werden muss – auch, um andere Organe nicht zu schädigen.
Bis vor zehn Jahren galt die Bauchspiegelung als Goldstandard in der Diagnostik der Endometriose. Seit Juni 2025 gibt es nun eine neue Endometriose-Leitlinie, nach der die Bauchspiegelung nicht mehr als erste Wahl bei der Diagnostik empfohlen wird. „Auch brauchen wir die Bauchspiegelungen nicht mehr zur Diagnosesicherung“, sagt die Oberärztin Karin Pethke, die das Endometriose-Zentrum am Klinikum Esslingen leitet.
Nicht zwangsläufig eine Operation notwendig
Inzwischen könne man auch mittels Ultraschall Endometriose gut diagnostizieren und müsse gar nicht mehr zwangsläufig operieren. „Das hat einen hohen Nutzen für die Patientinnen“, sagt Pethke. Als erste Wahl bei der Therapie gilt eine hormonelle Behandlung mit reinen Gestagen-Monopräparaten, die Betroffene dann auch ohne Pause einnehmen. Dadurch bleibt die Periodenblutung vollständig aus. „Dies führt bei vielen Frauen schon zu einem ausreichenden Erfolg und zu einer deutlich besseren Lebensqualität“, ergänzt die Ärztin.
Es gebe auch Präparate, die die körpereigene Hormonproduktion unterdrücken und damit eben den Östrogenspiegel im Blut senken. Dadurch kommt die Endometriose, die eben durch die Östrogene getriggert wird, zum Stillstand.
Die Lebensqualität bei Endometriose kann erheblich eingeschränkt sein
Endometriose ist eine gutartige Erkrankung, die aber oft durch die starken Schmerzen und ihre Begleiterscheinungen die Lebensqualität der betroffenen Frauen erheblich einschränkt. Eine Heilung gibt es bisher nicht, es ist ebenfalls unklar, was die Ursachen der Erkrankung sind. Die Gestagen-Therapie ist eine gezielte Therapie, es gibt allerdings bisher keine Therapieform, die eine langfristige Heilung bewirkt. Ergänzend zur Hormontherapie gibt es symptomatische Therapie wie zum Beispiel Schmerzmittel, die die Symptome unterdrücken.
Dennoch, viele Frauen erfahren eine Linderung nach den Wechseljahren. „In der Regel kann man den Frauen mit auf den Weg geben, dass mit der hormonellen Umstellung die Endometriose keine Beschwerden mehr macht“, sagt Pethke. Es gebe Einzelfälle, bei denen dies anders sei, weil tiefinfiltrierende Endometrioseknoten vorher schon nicht wegoperiert worden seien. „Die können dann anhaltende Beschwerden machen, aber das sind wirklich Ausnahmen.“
Vor allem schwere Formen erfordern auch eine OP
So könne Endometriose infiltrierend wachsen. Dabei wächst gebärmutterschleimhautähnliches Gewebe mehr als fünf Millimeter tief in Nachbarorgane wie Blase, Darm, Beckenwände oder auch in die Vagina oder in den Bereich des Zwerchfells ein. Diese schwere Form der Endometriose verursacht oft starke, zyklusabhängige Unterleibsschmerzen, Organschäden und Unfruchtbarkeit. „Diese Frauen erfahren meistens eine so starke Beeinträchtigung, dass eine operative Therapie sinnvoll ist.“
Zu schweren Organschäden komme es aber glücklicherweise selten. Dies könne aber zum Beispiel der Fall sein, wenn die Endometriose tief in den Harnleiter einwächst, was zu einem Aufstau in den Nieren führt und dann tatsächlich zu einem Nierenschaden führen kann.
Frauen mit Endometriose haben häufig Begleiterkrankungen
Durch das wachsende Bewusstsein für die Erkrankung erhalten Frauen heute eine bessere Behandlung. Dabei ist aber laut des Barmer-Reports auch der Wohnort entscheidend. So liegt Thüringen bei den Erstdiagnosen um rund 20 Prozent unter dem Bundesdurchschnitt, das Saarland um etwa 20 Prozent über dem Schnitt. Zudem werde Endometriose verstärkt in dicht besiedelten und weniger in dünn besiedelten Regionen diagnostiziert.
Hinzu kommt, dass Frauen mit Endometriose häufiger unter Begleiterkrankungen leiden, als Gleichaltrige ohne die Krankheit. So wurden laut des Reports Bauch- und Beckenschmerzen mehr als doppelt so häufig dokumentiert. Sie leiden auch überdurchschnittlich oft an Migräne sowie Muskel-Skelett-Erkrankungen sowie depressiven Episoden und Angststörungen.
Schmerzen bei der Periode sind kein Tabu mehr
Vor allem die psychischen Begleiterkrankungen haben lange dazu geführt, dass Ärzte Frauen nicht ernst genommen und die Krankheit dadurch übersehen haben. „Das Bewusstsein bei Betroffenen selbst ist größer und auch die Akzeptanz“, sagt Pethke. „Sie sehen ihre Beschwerden und auch die Periode an sich nicht mehr als etwas an, was tabubehaftet ist.“ Davon sei man zum Glück weg. Vor allem junge Frauen bestehen darauf, dass sie einen Anspruch auf eine richtige Diagnose haben und dass sie entsprechend therapiert werden. Sie seien über Internet, Selbsthilfegruppen und soziale Netzwerke sehr gut vernetzt – und dadurch auch sehr viel besser informiert.
„Und das führt sicherlich auch zu einem Anstieg der Diagnosen“, so Pethke. „Es wird mancherorts schon etwas belächelt als Modediagnose. Aber das ist Quatsch“, betont sie. Man habe lange einfach eine starke Unterdiagnostizierung gehabt. „Die Betroffenen sollen und dürfen sich da auch stark machen“, sagt sie abschließend.
Patientenkongress über Endometriose
Veranstaltung
Am 26. September 2026 veranstaltet das Klinikum Esslingen den zweiten Patientenkongress Endometriose an der Sparkassenakademie in Stuttgart (Pariser Platz 3a) von 8.45 bis 18 Uhr. Es gibt rund 40 Fachvorträge zu Endometriose, Therapie, Kinderwunsch, alternative Behandlungsansätze, Sexualität oder Ernährung sowie Workshops und Infostände.
Anmeldung
Eine Anmeldung per E-Mail an fk-veranstaltungen@klinikum-esslingen.de ist erforderlich. Das Ticket kostet 38 Euro. (nay)