Hier sollte Schiltach verteidigt werden: Vorne die „obere Säge“, im Bogen der Straße war eine Panzersperre, an der „Halde“ (hinten links) lag Wehrmacht mit Geschützen. Foto um 1940. Foto: Harter

„Der Feind“ drang im April 1945 auch ins obere Kinzigtal vor. Die Menschen flüchteten in Todesangst in die Keller. Während einige Nazis noch vom „Endsieg“ überzeugt waren, wussten andere, dass eine Verteidigung den Untergang von Schiltach bedeuten würde.

Im „Dritten Reich“ stand der „Führergeburtstag“ am 20. April hoch im Kurs: Am Vorabend fand die feierliche Aufnahme der Zehnjährigen in die „Hitlerjugend“ statt. 1945 waren die Jahrgänge 1933/34 an der Reihe, doch wurde das von vielen ersehnte Ereignis abgeblasen: Ringsum drang „der Feind“ vor, in Gestalt französischer Truppen auch ins obere Kinzigtal.

 

Am 21. April beobachtete einer der damaligen Buben, wie sie durch die Panzersperre an der Straße nach Schenkenzell fuhren und bei der oberen Säge (heute: Tankstelle) anhielten: Sie hatten eine Hakenkreuzfahne gefunden, breiteten sie aus und zermalmten sie mit einem Panzer, so signalisierend, dass der Nationalsozialismus nun auch in Schiltach erledigt war.

Dass es so kommen würde, hatte sich seit Wochen angekündigt: Feindliche Jagdbomber beherrschten den Luftraum, auf alles schießend, was sich bewegte. Opfer waren drei russische Zwangsarbeiter, die an der oberen Säge arbeiteten und denen die Schutzräume verboten waren. Am Bahnhof traf eine Bombe eine Lokomotive und zwei Eisenbahnwagen.

Keine Sicherheit mehr

Die 15-jährige Annemarie Trautwein hatte ihr Pflichtjahr im Krankenhaus: „Auch da gab es keine Sicherheit mehr. Wir mussten die Kranken auf Bahren in den Luftschutzkeller tragen. Ich werde nie vergessen, wie ich schleppen musste, getrieben von panischer Angst. Neben uns barsten Fensterscheiben, Glasscherben und Splitter flogen uns um die Köpfe. Dazu der Lärm der tief fliegenden Maschinen und deren Geschosse.“

Menschen flüchteten in die Keller

Die Menschen flüchteten in die Keller. „Luftschutzräume“ waren auch die alten Eiskeller in der Schrambergerstraße, im Bräuhaus und Hohensteiner Felsen, viele saßen im Kirchberg-Tunnel. Annemarie Trautwein: „In der Nacht zum 21. April heulten pausenlos die Sirenen. Wir rannten in Todesangst in den Keller, wo die Nachbarn eine Schicksalsgemeinschaft bildeten. Der Donner feindlicher Geschütze kam näher und mit ihm heftige Detonationen. Hinter der katholischen Kirche schlug mit unheimlichem Lärm ein Geschoss ein. Es gab in dieser Nacht keine Ruhe. Im Keller waren alle still. Selbst Frau M., die sonst immer lustig war, sagte immer wieder ‚Tante Minchen, bete mit uns‘. Und das tat unsere Mutter.“

Brücken zur Sprengung vorbereitet

Politische Verantwortung trugen Bürgermeister Eugen Groß und, da NS-Ortsgruppenleiter August Vornfett sich „abgesetzt“ hatte, sein Stellvertreter Christian Joos, ein überzeugter Nazi. Er war gesinnt, Schiltach durch den hiesigen „Volkssturm“ zu verteidigen. Dafür wurden auch in Hinterlehengericht und an der Schenkenburg Panzersperren errichtet und die Stadt- und die Bahnbrücken sowie der Hohensteiner Felsen zur Sprengung vorbereitet. Alois Siegel, Pfarrer in Schenkenzell, notierte: „Verteidigung bedeutet schnell Vernichtung.“

Als Menetekel wurde der Luftangriff auf Pforzheim am 23. Februar 1945 empfunden: „Wir sahen“, so Maria Schillinger vom Höfenhof, „den rot gefärbten Himmel der brennenden Stadt“. Angesichts der Zerstörung von Freudenstadt am 17. April gelang es Gottlieb Trautwein, Gerbereiteilhaber und Vize-Kompanieführer des Volkssturms, Joos davon zu überzeugen, dass eine Verteidigung den Untergang von Schiltach bedeuten würde und man mit aller Kraft versuchen müsse, das Städtchen kampflos zu übergeben.

Fanatiker waren noch vom „Endsieg“ überzeugt

Dies war ein höchst gefährliches Unterfangen: Die NS-Kreisleitung in Wolfach drohte bei Übergabe mit „Erschießen“, etliche Fanatiker waren noch vom „Endsieg“ überzeugt und hätten „Verrat“ gewittert. Vom Bürgermeister, der im Koch-Keller neben dem Rathaus saß, war keine Hilfe zu erwarten. Immerhin ließ er das Hitler-Gemälde von Eduard Trautwein zerschlagen und die städtischen Hakenkreuzfahnen verbrennen, unter lautem Protest einiger unentwegter Nazis.