Unter US-Notenbankchef Jerome Powell hat die Fed die Zinsen rasant erhöht. Foto: imago//Britt Leckman/Federal Reserve

Nach rund 15 Jahren mit laxer Geldpolitik und niedrigen Zinsen ist die Weltwirtschaft mit einer neuen Realität konfrontiert. Viele Firmen und Staaten wird der Entzug vom Billiggeld schmerzen.

In der Finanzwelt bricht ein neues Zeitalter an – die Ära des ultrabilligen Geldes ist zu Ende. In der Eurozone und in den USA liegen die Leitzinsen erstmals seit mehr als zehn Jahren wieder über der Inflationsrate. Für Sparer bedeutet dies, dass sie nach Abzug der Teuerung endlich wieder Erträge mit sicheren Anlagen wie Tagesgeld oder anderen Zinsprodukten erzielen können. Das ist nach der langen Zeit mit realen Negativzinsen zunächst einmal schön. Die Schattenseite der höheren Zinsen: Für Regierungen, Firmen und Haushalte, die sich jahrelang zu günstigsten Konditionen verschulden konnten, setzt nun die schmerzhafte Entwöhnung ein.

 

„Die westlichen Länder haben es nach Jahren der Null- und Negativzinsen mit einem völlig anderen Zinsregime zu tun“, warnt der Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. „Viele Geschäftsmodelle entfallen, weil die Rentabilitätsschwelle dauerhaft gestiegen ist.“ Unternehmen müssten wieder um Kapital konkurrieren und höhere Zinslasten stemmen. Sich an diese neue Zinsordnung anzupassen, werde viel Zeit erfordern. „Deshalb dürfte die wirtschaftliche Schwäche ungewöhnlich lange anhalten und sowohl 2024 als auch 2025 prägen“, sagt Krämer.

Einige Wirtschaftszweige ächzen schon jetzt bedenklich unter den höheren Zinsen. Die Immobilienbranche, die zusätzlich unter gestiegenen Baukosten leidet, steckt bereits tief in der Krise. Zahlreiche Bauvorhaben in Deutschland rechnen sich durch die teureren Finanzierungen nicht mehr. Eine Pleitewelle unter Projektentwicklern ist schon seit Monaten im Gang. Wie kritisch die Situation ist, veranschaulichte zuletzt der Absturz des österreichischen Immobilienunternehmers und Galeria-Kaufhof-Eigentümers René Benko, der sein Imperium in Niedrigzinszeiten mit billigem Fremdkapital aufbaute.

Generell gilt: Wo die Schulden hoch sind, wird es durch die höheren Zinsen schwierig. Und der globale Schuldenberg ist riesig. Dem Institute of International Finance (IIF) zufolge erreichten die ausstehenden Verbindlichkeiten von Staaten, Unternehmen und privaten Haushalten im dritten Quartal 2023 ein Rekordniveau von mehr als 307 Billionen US-Dollar, umgerechnet 283 Billionen Euro. Das sind dem Lobbyverband der Finanzindustrie zufolge rund 60 Billionen Dollar mehr als 2018. Gemessen an der globalen Wirtschaftsleistung betrugen die Schulden laut IIF zuletzt 333 Prozent. In der Niedrigzinsära erhielten Kreditnehmer mit ordentlicher Bonität Geld fast umsonst, das Schuldenmachen wurde regelrecht subventioniert. Staaten wie Deutschland, deren Anleihen als so gut wie risikolos gelten, verdienten durch negative Renditen sogar Geld damit, ihre Schuldtitel an den Kapitalmärkten zu platzieren.

„Schnallt euch an“

Auf der Suche nach sicheren Anlagen zahlten Investoren ihnen Prämien, statt Zinsen zu verlangen. Das billige Geld der Notenbanken wirkte mitunter wie Doping. Es hielt Zombie-Firmen ohne erträgliche Geschäftsmodelle über Wasser und sicherte Start-ups mit zweifelhaften Gewinnaussichten die Finanzierung. Nicht nur im Tech-Sektor kam es zu exzessiven Überschwängen und überhöhten Bewertungen. Damit ist nun Schluss – und die straffere Geldpolitik entfaltet ihre volle Wirkung erst allmählich.

„Schnallt euch an“, appellierte die Direktorin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Kristalina Georgieva, im Oktober an die Finanzwelt. „Wir sind nicht begeistert, dass es so schnell von null auf fünf ging, aber da sind wir nun mal“, sagte sie zur Entwicklung der Leitzinsen in den USA. Die lagen noch im Frühjahr 2022 an der Nulllinie und erreichten im Juli 2023 mit 5,25 bis 5,5 Prozent das höchste Niveau seit rund 22 Jahren. Es müsse klar sein, dass die Zinsen für längere Zeit höher bleiben, so Georgieva. Die IWF-Chefin schwor Investoren auf eine neue Realität an den Märkten ein. Im vergangenen Jahr hatte sie wegen des Zinsanstiegs bereits vor einer Schuldenkrise gewarnt.

Wie brenzlig die Lage ist, zeigte sich zuletzt an den US-Staatsanleihen. Sie gelten traditionell als Inbegriff des risikolosen Investments, sind eine zentrale Messlatte für Zinsanlagen aller Art und normalerweise ein sicherer Hafen, den Anleger bei Marktturbulenzen ansteuern. Das Vertrauen in die USA, mit der mächtigen Notenbank Fed im Rücken, ihre Schulden pünktlich zurückzuzahlen, war in der Vergangenheit fast grenzenlos. Der Markt für US-Staatsanleihen bildet das Rückgrat des globalen Finanzsystems, auch wegen seiner schieren Größe. Aber seit einigen Wochen stehen sogar die US-Papiere unter Druck. Analysten betrachten neuerdings jede neue Anleiheausgabe mit Argusaugen.

Im Oktober kletterte die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihe, die unter anderem als Richtwert für Hypothekenkredite dient, erstmals seit 2007 über die Schwelle von fünf Prozent. Der Aufruhr an den Märkten war groß, denn diese Marke sehen einige Finanzprofis bereits als Schmerzgrenze, ab der das Zinsniveau zu einer ernsthaften Gefahr wird. Die Situation hat sich zwar wieder etwas entspannt, aber die Nervosität bleibt hoch. „Größere Stabilität bei US-Staatsanleihen ist nötig, damit andere Bereiche des Finanzmarkts reibungslos funktionieren“, meint Mohamed El-Erian, der einst den großen Anleiheinvestor Pimco leitete und heute die Allianz in Kapitalmarktfragen berät. Für den Finanzexperten El-Erian ist klar, dass Kreditrisiken das beherrschende Thema und die „große Angst“ am Finanzmarkt werden.

Die Dimensionen sind gewaltig: Einer Analyse des „Handelsblatts“ zufolge werden 2024 allein bei den Dax-40-Konzernen 69 Milliarden Euro an Schulden fällig, die in der Nullzinsphase aufgenommen und getilgt oder zu höheren Zinsen neu finanziert werden müssen. Die Schulden der Dax-Unternehmen seien insgesamt doppelt so hoch wie vor zehn Jahren.