Sitzt bei EnBW künftig wohl im Chefsessel: Frank Mastiaux Foto: ABENGOA

Frank Mastiaux vom Konkurrenten Eon soll Hans-Peter Villis als Chef der EnBW ersetzen.

Stuttgart/Düsseldorf - Eigentlich ist es ein Dienstag wie viele andere zuvor in der Geschichte der Energie Baden-Württemberg (EnBW). Der Vorstand trifft sich am Vormittag zur Routinesitzung in Karlsruhe, es geht „um das ganz normale Alltagsgeschäft“, wie es ein Vorstandsmitglied später umschreibt. Da platzt eine unerwartete Nachricht herein: Frank Mastiaux, derzeit noch Manager beim Energieriesen Eon, soll neuer Vorstandsvorsitzender der EnBW und damit Nachfolger von Hans-Peter Villis werden. Weder die EnBW noch die Landesregierung mögen die Meldung des „Manager-Magazins“ bestätigen. Und auch der EnBW-Aufsichtsratsvorsitzende Claus Dieter Hoffmann gibt sich einsilbig. „Die Beratungen im Personalausschuss als dem vorschlagenden Gremium einschließlich der Kandidatenvorstellung sind im Gange bzw. stehen noch bevor“, lässt er am Nachmittag auf Anfrage unserer Zeitung schriftlich mitteilen.

Doch die vermeintliche Ungewissheit scheint nur ein Ablenkungsmanöver zu sein. Nach Informationen unserer Zeitung haben sich die führenden Köpfe des Landes und der Oberschwäbischen Elektrizitätswerke (OEW) – beide sind mit jeweils 46,5 Prozent die Hauptanteilseigner der EnBW – auf Mastiaux verständigt. Schon an diesem Mittwoch wird sich der Personalausschuss, in dem Vertreter der Anteilseigner und der Mitarbeiter sitzen, mit der Personalie beschäftigen. „Der Name stimmt“, heißt es am frühen Dienstagabend aus dem Gremium.

Aber die Beteiligten schweigen weiterhin.Und das nicht ohne Grund. Seitdem Villis im Herbst vergangenen Jahres aus Verärgerung über die grün-rote Landesregierung angekündigt hatte, er wolle seinen Vertrag nicht über September 2012 hinaus verlängern, war nach einem Nachfolger gesucht worden. Allein, wo auch immer die Headhunter anklopften, überall handelten sie sich Absagen ein. Dem Vernehmen nach gab es bis zu 40 Namen, die gehandelt wurden. Mancher mögliche Kandidat hatte aber offenbar Sorge, er werde als EnBW-Chef zwischen der grün-roten Regierung und den eher schwarz geprägten Landkreisen aus Oberschwaben zerrieben.

Mastiaux gilt als unprätentiöser Jungmanager

Zur Erinnerung: Die OEW hatten sich lange Zeit hinter Villis gestellt und ihm zugleich signalisiert, die erwünschte Kapitalerhöhung von 400 Millionen Euro für Investitionen in erneuerbare Energien bereitzustellen. Ganz anders die neue Landesregierung. Sie wollte diesen Betrag nicht freigeben, weil sie in Villis den Vertreter des alten Atomkraftzeitalters sah und ihm wiederholt vorhielt, er habe keine Strategie für das neue Zeitalter der regenerativen Energien. Kaum hatte Villis dann seinen Verzicht auf einen neuen Vertrag erklärt, hatte Grün-Rot seine 400 Millionen Euro freigegeben.

Wie und unter welchen Bedingungen Aufsichtsratschef Hoffmann nun mit Mastiaux einig geworden ist, blieb am Dienstag noch offen. Nach Recherchen unserer Zeitung wird derzeit bei der EnBW geprüft, ob es im Vorfeld der Hauptversammlung, die am 26. April stattfindet, nun noch eine außerordentliche Aufsichtsratssitzung geben wird. Sie könnte dazu dienen, die Verpflichtung von Mastiaux endgültig zu besiegeln. So oder so zeichnet sich aber bereits ab, dass Noch-Konzernboss Villis seinen Vertrag bis September erfüllen soll. Bisher war man davon ausgegangen, dass der Ruhrpottler die EnBW verlässt, sobald sein Nachfolger für den 20.000 Mitarbeiter großen Konzern gefunden ist.

Im Eon-Konzern, so viel wird am Dienstag schon mal deutlich, gilt Mastiaux als Vertreter einer neuen Generation unprätentiöser Jungmanager. Zu seinen Ziehvätern kann er mit Ex-Eon-Chef Wulf Bernotat und dessen Nachfolger Johannes Teyssen zwei der einflussreichsten deutschen Energiemanager zählen. Mastiaux, der mit Frau und drei Kindern derzeit in Düsseldorf lebt, wird von Eingeweihten als dynamisch, smart, aber auch durchsetzungsfähig beschrieben. Seinen Führungsstil beschrieb er selbst einmal als „effizient, aber sehr informell“. Die Krawatte lässt er bei Meetings schon mal im Schrank hängen. Fachlich kennt der neue Mann bei EnBW beide Seiten des Geschäfts – die Welt der Großkraftwerke von Öl und Gas, aber auch die neuen Energien wie Wind, Solar- oder Wasserkraft.

Trüffelschwein für neue Märkte

Seine Karriere begann er nach einem Chemie-Studium bei Veba Oel in Gelsenkirchen. Später stieg er zum Chef des Flüssiggas-Geschäfts des Mineralölriesen BP auf. Seit damals kennt er auch Wulf Bernotat und Eon-Manager Lutz Feldmann. Feldmann war es auch, der Mastiaux Ende 2006 bei BP abwarb und ihn auf den Chef-Posten bei Eons neuer Erneuerbaren-Energien-Sparte hievte. Mit dem Wind- und Wassergeschäft wurde Mastiaux eine Schlüsselaufgabe im Eon-Konzern anvertraut. Denn in den Jahren 2007 und 2008 investierte der Atomkraftriese Eon erstmals massiv in den Aufbau erneuerbarer Energien. Der junge Mastiaux, Jahrgang 1964, war der Mann, der die Expansion vorantreiben sollte.

Sechs Milliarden Euro konnte er dafür in die Hand nehmen – eine Parallele übrigens zu Villis, der sein Geschäft auch bei Eon gelernt hat, ehe er 2007 zur EnBW wechselte. Villis investierte in Offshore-Parks, in Beteiligungen an Kohlekraftwerken und wollte sich mit einem Milliardenzukauf in Ostdeutschland den Zugriff zu russischem Gas sichern, was bislang aber scheiterte. Mastiaux dagegen kann sich auf die Fahne schreiben, Eon zum Weltmarktführer in der Offshore-Windkraft gemacht zu haben. Anders als sein Widersacher beim Erzrivalen RWE, der schillernde Fritz Vahrenholt, verrichtete Mastiaux sein Geschäft deutlich unauffälliger.

Alles in allem sei seine Bilanz bei Eon nicht so leuchtend, wie er sich das selbst vorgestellt hatte, sagen Insider über Mastiaux. Vor allem bei der technischen Umsetzung der Offshore-Windparks habe es immer wieder gehakt. 2010 jedenfalls betraute ihn Eon-Chef Johannes Teyssen mit neuen Aufgaben. Seither fungiert er als eine Art Trüffelschwein für neue Märkte. Seither ist er auf der Suche nach neuen Zielmärkten, um die Internationalisierung des im deutschen Inland renditeschwachen Eon-Geschäfts voranzutreiben. Wahrscheinlich ein Traumjob für Mastiaux, der bereits früher länger in London, China, im Mittleren Osten und Südamerika gelebt und gearbeitet hat. Dass er schon früh im Bereich Gas Erfahrung sammelte, mag seine Wahl an die EnBW-Spitze befördert haben. Immerhin gilt das Gasgeschäft fast mehr noch als der Ausbau der erneuerbaren Energien als die offene Flanke im EnBW-Konzern.

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