Verloren in einer Parallelwelt des Selbstgefühls – so sieht Eva Illouz den amerikanischen Präsidenten Donald Trump. Foto: John McDonnell/AP/dpa

Die Emotionsforscherin Eva Illouz hat in ihrer Marbacher Schillerrede gezeigt, wohin übersteigertes Selbstgefühl führt – und Donald Trump als Beispiel angeführt.

Ein zentrales Moment im Denken der israelischen Soziologin Eva Illouz ist die Zirkularität, in der unsere Gefühle einerseits von gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Prozessen geprägt werden, um ihrerseits wieder auf diese zurückzuwirken. Und wenn man so will, erklärt dieses Modell aufs Genaueste, was der Emotionsforscherin gerade selbst widerfährt: Je plausibler sie die Hintergründe jenes postkolonial begründeten „tugendhaften Antisemitismus“ bestimmter universitärer und linker Milieus offenlegt, desto nachdrücklicher wird sie zu dessen Opfer. Der Gazakrieg hat dieser explosiven Ideologiemixtur entscheidenden Zündstoff hinzugefügt.

 

Nicht erst seit dem 7. Oktober 2023, dem mörderischen Angriff der Hamas auf Israel, hat die 1961 in Fez in eine jüdische Familie geborene Intellektuelle die Sackgassen ausgeleuchtet, in denen linke und rechte Identitätspolitiken ineinander rasseln. Ihr jüngstes Buch „Der 8. Oktober“ thematisiert, wie schnell sich unmittelbar nach der mörderischen Attacke westlich-progressive Kreise teils in jubelndem Verständnis auf die Seite der Terroristen geschlagen haben.

Eva Illouz kämpft gegen „tugendhaften Antisemitismus“

In der letzten Woche wurde die immer wieder in aktuellen Debatten Position beziehende Wissenschaftlerin von den Veranstaltern eines ihr Kerngebiet betreffenden Kolloquiums im „LoveLab“ der Erasmus Universität in Rotterdam kurzfristig ausgeladen, mit der fadenscheinigen Begründung eines Gefühls des „Unwohlseins“. Dieses konnte sich wohl nicht auf die erbitterte Kritikerin der in ihren Augen „kriminellen“ Netanjahu-Regierung beziehen, deren zerstörerische Siedlungspolitik sie als kolonialistisch verurteilt, und von der sie im Gegenzug als Staatsfeindin geächtet wird. Nein, Unwohlsein verursachte allein der schlichte Umstand, es mit einer israelischen – jüdischen – Intellektuellen zu tun zu haben. Besser lässt sich nicht demonstrieren, was unter tugendhaftem Antisemitismus zu verstehen ist. Ein Trauerspiel – und damit ist man schon beinahe in Marbach angelangt.

Hier nämlich ist Eva Illouz nicht nur willkommen, sondern mit der Aufgabe betraut worden, die diesjährige Schillerrede zu halten. „Wir laden nicht aus, sondern ein“, sagt zur Begrüßung die Direktorin des Deutschen Literaturarchivs, Sandra Richter.

Bedroht ist die freie Rede hier allenfalls von leichten Heiserkeitsattacken, aber auch von ihnen lässt sich Eva Illouz ihre Stimme nicht nehmen. Statt eines Unwohlseins, entfaltet sie die fatalen Folgen eines anderen Gefühls: das der Schmeichelei. Und obwohl ihre auf Englisch gehaltenen Ausführungen in weiten Teilen weniger auf Schiller als auf Shakespeares „King Lear“ rekurrieren, könnte man den Einstieg mit einem Titel des Genius Loci umschreiben: „Über den Grund des Vergnügens an tragischen Gegenständen“, wenn man Vergnügen durch Interesse ersetzt.

Die Tragödie nämlich, so Eva Illouz, gebe uns ein Erkenntnisinstrument an die Hand, dem Chaos menschlicher Erfahrungen eine Form zu geben, ohne dabei zwangsläufig beruhigende Antworten liefern zu müssen. Es gehört zum charakteristischen Verfahren der Affektgelehrten, ihre Beweisführung aus kulturellen Texten zu entwickeln, in diesem Fall dem Drama um den alten König, der sein Reich unter seinen Töchtern aufteilt, dabei aber Aufrichtigkeit und Schmeichelei nicht unterscheiden kann.

Betört von Schmeicheleien

Das Moderne an Shakespeares „King Lear“, der für Schillers „Räuber“ Pate gestanden habe, sei, dass das sich darin entfaltende Chaos nicht von höheren Mächten ausgehe, das Böse sich vielmehr im Schoß heiligster menschlicher Beziehungen entwickle: der Familie. Lears Sündenfall besteht darin, dass er betört von Schmeicheleien Land gegen Liebe tauscht und damit sowohl die Integrität der Gefühle pervertiert wie die Ordnung der Sprache korrumpiert.

„Trump ist eine neue Art von faschistischem Führer“, sagt Emotionsforscherin Eva Illouz. Foto: IMAGO/dts Nachrichtenagentur

Illouz beschreibt einen doppelten Realitätsverlust, eine Erkenntnistrübung aus dem Selbstgefühl der Macht, die das Fundament der Unterscheidung von wahr und falsch untergräbt und sowohl in moralischer wie kognitiver Hinsicht die Katastrophe vorantreibt. Und je genauer die Soziologin die Folgen jenes Chaos beschreibt, desto näher rückt die Tragödie der Gegenwart: eine von Eigeninteresse beherrschte Welt ohne moralischen Kompass, eine Welt erodierender Institutionen, bröckelnden gesellschaftlichen Zusammenhalts – kurz eine Welt, die in Trump ihren alten König gefunden hat.

Eine neue Art von faschistischem Führer

Er verkörpert in seiner pathologischen Prahlerei, seiner Leugnung von Fakten im politischen Raum eine Art Endstadium jener wahrheitszersetzenden Selbstvergötzung und Schmeichelei, der Lear erlegen ist. Wie schon in ihrer Stuttgarter Rede zeigt Eva Illouz, wie soziale Medien die Dynamik im Wechselverhältnis von Politik und Emotion verstärken. Sie bilden „solipsistische Blasen selbst gemachter Wahrheiten“, in denen die „Follower“ die Selbstdefinition des Einzelnen lediglich bestätigen anstatt kritisch zu hinterfragen. Sprache verliere ihre soziale Funktion und ihre Fähigkeit, die Realität zu beschreiben. „Was Trump und King Lear wollen, sind Follower“, so Illouz. Die kritische Auseinandersetzung mit dem Gegenüber, den Anderen, werde in diesem Umfeld ausgehöhlt.

„Trump ist eine neue Art von faschistischem Führer, der nicht von einer starren und klaren Ideologie lebt, sondern von Verwirrung, und diese Form der Verwirrung hätte in der vorangegangenen technologischen Ära nicht stattfinden können“, sagt Eva Illouz. Das unterscheide ihn von früheren Konservativen. Ohne einen intakten Erkenntnisapparat jedoch, ohne die Fähigkeit und Bereitschaft, sich selbst kritisch zu sehen, sei Moral nicht möglich.

Wir sollten die Stimme Cordelias nicht überhören, appelliert die Shakespeare-Rednerin am Schluss ihres trotz Erkältung leidenschaftlichen Vortrags. Cordelia ist die jüngste Tochter King Lears, die sich weigert, die Liebe zu ihrem Vater wie ihre Schwestern an profitliche Schmeichelei zu verraten. Wenn wir uns taub stellen für Aufrichtigkeit, Wahrheit und Fairness, so Illouz, drohe uns ein Schicksal, das dem von König Lear in nichts nachsteht: eine Gesellschaft, die im moralischen Chaos versinkt, weil sie die Fähigkeit zur Unterscheidung zwischen Wahrheit und Lüge verloren hat.