Die Diskussion um das geplante Krematorium verfolgten mehr als 100 Interessierte im Ichenheimer Feuerwehrhaus.Einige Besucher mussten sogar stehen. Foto: Stahl

Bei einer emotional aufgeladenen Ortschaftsratssitzung im Ichenheimer Feuerwehrhaus äußerten viele Bürger ihre Bedenken gegen eine Einäscherungsanlage. Das Gremium folgte.

Als die Pläne über ein mögliches Krematorium in Ichenheim in der vergangenen Woche öffentlich wurden, formierte sich im Neurieder Ortsteil direkt Widerstand. Die sensible Thematik bewegt die Neurieder Bürger, eine Petition gegen die Anlage wurde bis Mittwochabend knapp 900-fach unterschrieben. Direkte Anwohner an der Hauptstraße haben zudem gut sichtbare Plakate aufgestellt, die sich eindeutig gegen das Krematorium positionieren. So war im Vorfeld klar, dass die Ortschaftsratssitzung sehr gut besucht werden wird.

 

Die Ausgangslage

Die Stadt Lahr möchte den Betrieb des Krematoriums auf dem Bergfriedhof nach Ablauf des Pachtvertrags Ende 2027 selbst übernehmen. Das passt bekanntlich nicht allen: Mitte Mai wurde öffentlich, dass sich knapp 40 Bestatter zusammengeschlossen haben, um ihre eigene Einäscherungsanlage zu bauen. Die Initiatoren sind Ralph und Janik Rottenecker. Nach zahlreichen Gesprächen mit Kommunen in der Region rückte als Standort das Gewerbegebiet „Ichenheim Nord“, nahe der Feuerwehr und Polizei, in den Fokus. Eine erste Anfrage gab es im vergangenen Jahr, bestätigte Neurieds Bürgermeister Tobias Uhrich bei Sitzung am Mittwoch. Der erste Austausch erfolgte am 28. Mai. Die Eröffnung des „Hauses des Abschieds“ sei bereits in gut zwei Jahren geplant und sehe einen Raum für Angehörige und Gedenkfeiern sowie eine große Gartenanlage vor, skizzierte Janik Rottenecker das Vorhaben.

Die Stimmung: Bereits 20 Minuten vor Beginn der Sitzung war der Raum – wegen des erwarteten Ansturms fand die Ortschaftsratssitzung im Feuerwehrhaus statt – gut gefüllt. Die Bürger diskutierten fleißig, während weitere Stühle aufgestellt wurden. Mehr als 100 Bürger und Interessierte fanden sich ein, einige mussten stehen. Die Bitte von Ortsvorsteher Helmut Roth (FWV) vor Beginn der Sitzung um Ruhe und Respekt fand nicht bei allen Anklang, bei der späteren Bürgerfragestunde entluden sich die Emotionen: Wortbeiträge wurden beklatscht, wohingegen Kommentare von Bestattern und Verwaltung teils mit hämischem Lachen quittiert wurde.

Die Bürgerfragestunde: Ein direkter Angrenzer würdigte zunächst das modern aussehende Projekt. „Das größte Problem ist aber der Standort“, war er sich sicher. Er wollte wissen, warum die Nähe zum Wohngebiet nicht berücksichtigt werde. „In Baden-Baden ist der Abstand zum Wohngebiet 60 Meter, in Lahr sind es 25 Meter“, so Rottenecker. Es könne also beides zusammen funktionieren. Investor Franz Semling, hauptberuflich Polizeipräsident von Freiburg, ergänzte, dass die beste Alternative – der Ichenheimer Täuferwald – aus naturschutzrechtlichen Gründe ausscheide. Eine Neurieder Ärztin erkundigte sich nach den Schadstoffen, die die Kamine ausstießen. Die Belastung sei minimal, erklärte Rottenecker. Die Medizinerin sah Gesundheitsgefahren für Schwangere, Kinder und Ältere dennoch gegeben.

Ein Anwohner der Hauptstraße ging ebenfalls auf die Immissionen ein und gab zu bedenken, dass Schadstoffe auf umliegenden Feldern niedergehen und zu einer Belastung führen könnten. „Ich kenne kein Krematorium, bei dem das passiert ist“, wehrte sich Semling. „Wie sieht es mit dem Zeitdruck aus?“, war eine weitere Frage des Ichenheimers. Die Stadt Lahr plane ihr Krematorium auf Herbst 2027, „da wollen wir Schritt halten“, stellte Rottenecker klar. Es wäre aber zu verkraften, wenn es nicht klappen würde. Einem weiteren Bürger fehlte die Auswahl zwischen verschiedenen Standorten. Zudem: „Wir wollen in Ichenheim nicht noch mehr Verkehr.“ Man rechne mit etwa 3500 Einäscherungen pro Jahr und im Schnitt acht An- und Abfahrten täglich, so Rottenecker. Und die Trauergäste? Diese kämen aus dem näheren Umkreis, so Rottenecker, die Fahrzeugbewegungen seien nicht vorherzusehen.

Fragen nach Gewerbesteuereinnahmen

„Man kann ein Krematorium nicht schönreden“, war ein Anwohner überzeugt. Ein dazu geplanter Park oder ein Café könnten das nicht ändern. Seine Frage zielte auf den spürbaren Widerstand in der Bevölkerung: „Wie stellt ihr euch das vor?“ Semling dazu: „Wir müssen nicht bauen, würden es aber gerne.“ Großen Beifall erhielt ein Bürger, der partout nicht akzeptieren wollte, dass 100 Meter von seinem Haus entfernt Menschen verbrannt würden. Er positionierte sich klar: „Ich möchte kein Krematorium in meinem Heimatort.“

Auch finanzielle Sorgen treibt die Neurieder um, konkret: die Angst vor einem Wertverlust ihrer Eigenheime. „Wollen Sie dafür aufkommen?“, fragte eine Frau. Die Höhe der Gewerbesteuereinnahmen interessierte eine andere Fragestellerin. Hierzu äußerte sich Bürgermeister Tobias Uhrich kurz und knapp: „Das sind betriebswirtschaftliche Geheimnisse, die nichts in der Öffentlichkeit zu suchen haben.“ Der Vortrag einer jungen Mutter war sehr emotional, sie sprach von einer psychischen Belastung und sagte unter Tränen: „Ich habe doch kein Haus gebaut, damit Kinder neben verbrennenden Menschen aufwachsen.“

Direkte Anwohner an der Ichenheimer Hauptstraße haben sich mit Plakaten gegen das Krematorium gestellt. Foto: Stahl

Die Diskussion der Räte: „Wir brauchen die Akzeptanz der Bürger“, betonte Franziska Hog (UL), die sich frühere Informationsveranstaltungen gewünscht hätte. Der Zeitdruck und die Alternativlosigkeit machten eine Abstimmung zum jetzigen Zeitpunkt schwierig, gab Axel Fischer (UL) zu bedenken. Ines Bühler (FWV) wägte indes ab, da die Gemeinde auch Einnahmen generieren müsse. Die Bürger mit ihren Ängsten seien aber genauso zu berücksichtigen. Hans-Jörg Hosch (UL) stellte einen Antrag auf Vertagung der Entscheidung, was Jörg Reichenbach (CDU) als „Rumgeeiere“ bezeichnete.

Die Entscheidung: Nach zweieinhalb Stunden Debatte wurde der Antrag auf Vertagung mit drei Ja- und fünf Nein-Stimmen abgelehnt. Anschließend stellte sich der Rat mit sieben Nein-Stimmen und drei Enthaltungen klar gegen den Verkauf des betroffenen Grundstücks sowie die Einleitung eines entsprechenden Bebauungsplans – und damit gegen die Errichtung eines Krematoriums.

Die Bestatter: Bemerkenswert aufgeräumt zeigte sich Ralph Rottenecker am Tag nach der Sitzung. „Wir können mit der Entscheidung leben, ich mache weder den Bürgern noch den Ortschaftsräten einen Vorwurf“, erklärte der Initiator der privaten Krematoriumspläne im Gespräch mit der LZ. Die objektiven Einwände der Ichenheimer, so der Eindruck des Bestatters, habe man gut begegnen können. „Persönliche Befindlichkeiten wie psychische Belastungen können und wollen wir aber nicht wegwischen.“ Mit dem Votum vom Mittwoch sei der avisierte Standort vom Tisch: „Wir haben von Anfang an gesagt, dass wir nicht mehr in den Gemeinderat gehen, wenn der Ortschaftsrat gegen unser Vorhaben stimmt.“  Das Ziel, ein eigenes Krematorium zu bauen, verliert Rottenecker deshalb aber nicht aus den Augen: „Es gibt noch Standorte, die wir nun näher prüfen werden.“ Welche verrät der Unternehmer nicht. Nach LZ-Informationen sind Friesenheim, Schwanau und Kappel-Grafenhausen Optionen. Indes: So schnell wie die Umsetzung in Ichenheim möglich gewesen wäre, wo der Bebauungsplan für ein Gewerbegebiet bereits vorlag, wird es wohl nirgends gehen, weiß Rottenecker. Damit ist die ursprüngliche Vorgabe, das „Wettrennen“ mit der Stadt Lahr zu gewinnen, nicht zu schaffen. „Davor ist mir aber nicht bange“, sagt Rottenecker. „Wir haben immer noch um die 35 Bestatter an Bord, die uns zwischen 3000 und 4000 Einäscherungen pro Jahr garantieren. Möglicherweise fährt ein Teil dann vorübergehend auf den Bergfriedhof – aber nur so lange, bis wir an den Start gehen. Und das werden wir.“

Uhrich: Thema erledigt

Tobias Uhrich versandte im Nachgang zur Ortschaftsratssitzung eine Pressemitteilung. Das Votum habe gezeigt, dass eine Ansiedlung eines Krematoriums nicht auf die notwendige Zustimmung in Ichenheim treffe. In Gesprächen mit der Betreiberfamilie Rottenecker habe man sich im Nachgang geeinigt, dass ein Vorhaben nur „im breiten Einvernehmen mit der Ortschaft“ umgesetzt werden könne. Aufgrund der klaren Haltung habe man entschieden, die Planungen nicht mehr weiterzuverfolgen. Daher werde es eine Befassung im Gemeinderat nicht geben, gab Uhrich bekannt.