Im Zusammenhang mit dem geplanten Zentralklinikum Mittelbaden wird in Baden-Baden über die Relevanz des Geburtsortes diskutiert. Foto: Uli Deck/dpa

Es ist ein Herzblutthema, im wörtlichen Sinne: Wo man auf die Welt gekommen ist, begleitet einen ein Leben lang. Oft nur auf Papieren, rein formal. Aber manchmal spielen auch Gefühle eine wichtige Rolle.

Baden-Baden - Vermutlich tragen Sie ihn jeden Tag bei sich: Auf dem Personalausweis ist der Geburtsort vermerkt, auf dem Führerschein auch. Manche würden vielleicht sogar so weit gehen und sagen, sie trügen ihn im Herzen. Wie emotional das Thema Geburtsort besetzt ist, zeigt derzeit eine Debatte in Baden-Baden.

Die hat einen auf den ersten Blick eher drögen, bürokratischen Anlass: Die drei Kliniken in der Kurstadt und im angrenzenden Landkreis Rastatt sollen in einem neuen Zentralklinikum Mittelbaden zusammengeführt werden. Am Ende eines längeren Suchverfahrens in Zusammenarbeit mit einem unabhängigen Fachbüro gilt im Moment der Standort "Am Münchfeldsee" in Rastatt als am besten geeignet.

Steht neues Klinikum auf Rastatter Grund, gibt es keine gebürtigen Baden-Badener mehr

Doch wenn das neue Klinikum auf Rastatter Grund stünde, würde in den Geburtsurkunden dort geborener Babys nicht Baden-Baden stehen. Der Gemeinderat hat eine Entscheidung zum Standort Ende Juli vertagt.

Im Geburtenregister werden gesetzlich vorgeschrieben Ort, Tag, Stunde und Minute der Geburt beurkundet. Ein nicht mit dem tatsächlichen Geburtsort übereinstimmender Ort könne nicht eingetragen werden, erklärt ein Sprecher des Innenministeriums in Stuttgart.

Ist Geburtsort Luxusproblem oder Türöffner?

Dieser Umstand hat in der Welterbestadt eine Diskussion ausgelöst, wie wichtig der Geburtsort ist. Jüngst veröffentlichte das "Badische Tagblatt" Sonderseiten mit Leserbriefen dazu.

"Ich bin stolz darauf, ein Baden-Badener zu sein", heißt es da etwa. Ohne den Vermerk wäre die Familien-Historie nicht denkbar, auch habe er beruflich und privat so manche Tür geöffnet. "Wäre in meiner Geburtsurkunde stattdessen Rastatt eingetragen, würde ich dies schamhaft zu verheimlichen wissen." Eine Frau meint: "Der Geburtsort ist ein emotional bedeutender Ort, vielleicht nicht wirklich wichtig für das berufliche Fortkommen, aber bedeutend für die Psyche."

Viele Verfasser empfinden solche Argumente aber auch als "Luxusprobleme", den Geburtsort-Eintrag als nebensächlich. "Haben wir denn keine anderen Probleme? Was macht das, ob in der Geburtsurkunde Baden-Baden oder Rastatt steht?", fragt eine Rastatterin. "Solche Ideen können nur von Menschen stammen, die sonst keine Sorgen haben."

Flächentausch mit Rastatt könnte die Lösung sein 

Dass das Thema manchen Baden-Badenern sehr am Herzen liegt, habe er im Wahlkampf gespürt, sagt der im Frühjahr gewählte Oberbürgermeister Dietmar Späth (parteilos). Daher schlug er einen Flächentausch mit Rastatt vor - damit ein Teil des neuen Klinikums auf Baden-Badener Grund stehe. Die Städte haben am geplanten Standort eine Grenze. "Es ist theoretisch möglich und ich wüsste nicht, warum dem dann praktisch etwas im Wege stehen sollte", sagt Späth. Ob der künftige Kreißsaal exakt über Baden-Badener Boden errichtet werden müsste, ist unklar. Eine fachliche Einschätzung dazu gibt es noch nicht.

Doch dürfte Späth noch einigen Widerstand brechen müssen. Gemeinde- und Kreisgrenzen können laut Innenministerium nur aus Gründen des öffentlichen Wohls geändert werden - etwa wenn die Gebietsänderung die Leistungsfähigkeit von Kommunen steigert oder sie dann Aufgaben effizienter erledigen können. Und selbst wenn die beteiligten Gemeinden sich einig sind, müsste das Regierungspräsidium zustimmen.

Im Rastatter Rathaus kann man Debatte nicht nachvollziehen 

Nach Einigkeit sieht es im Moment allerdings nicht aus. Aus dem Rastatter Rathaus heißt es: "Die aktuelle Debatte um einen etwaigen Gemarkungstausch kann man in Rastatt nicht nachvollziehen." Es gehe für die Bürgerinnen und Bürger um die bestmögliche Akutversorgung. "Ein Gemarkungstausch, nur um einen bestimmten Eintrag in einer Geburtsurkunde zu ermöglichen, ist daher nicht vorstellbar."

Die Debatte erinnert ein wenig an jene um alte Autokennzeichen: Seit November 2012 können auslaufende Buchstaben-Kombinationen auf Nummernschildern auf Antrag erneut ausgegeben werden. Zu den wieder genehmigten Kürzeln zählen LEO für Leonberg im Kreis Böblingen und MGH für Bad Mergentheim im Main-Tauber-Kreis. Seinerzeit hatte eine Studie der Hochschule Heilbronn ergeben, dass drei von vier Autofahrern sich alte KfZ-Kennzeichen zurückwünschen, die in der Vergangenheit bei diversen Verwaltungsreformen abgeschafft wurden.

Soziologe hält Wohnort in Sachen Heimatgefühle für ausschlaggebender

Auch dabei geht es um Heimatgefühle. "Das hat viel mehr mit dem Wohnort als mit dem Geburtsort zu tun", sagt Soziologe Klaus Boehnke von der Jacobs University Bremen. In der Forschung heißt das "place identity". Da spiele etwa der Dialekt eine größere Rolle. "Aber nicht der Geburtsort, der den Alltag überhaupt nicht beeinflusst."

Boehnke hat für das Bundesinnen- und Heimatministerium eine Studie zur Heimatverbundenheit durchgeführt. Diese sei umso geringer, je urbaner und verdichteter die Region ist. Berlin, Bremen und NRW sind demnach die Schlusslichter, während besonders heimatverbundene Menschen im Saarland, in Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern lebten. Bei den Baden-Badenern könnte hinzukommen, dass die Stadt international als Kurort bekannt ist, vermutet Boehnke.

Am Ende könnte es auf ein Geburtshaus oder eine Geburt zu Hause hinauslaufen

Relevanz hat der Geburtsort bei allen Verwaltungsvorgängen, die eine zweifelsfreie Identitätsfeststellung voraussetzen, wie der Wohnort- oder Gewerbeanmeldung und der Steuererklärung. Auch bei Ermittlungen der Polizei muss die Identität zweifelsfrei bestimmt werden.

Sucht man im Internet danach, wie wichtig der Geburtsort ist, geht es vor allem um Tipps für werdende Eltern. "Um herauszufinden, welcher Geburtsort am besten zu einem passt, sollte man sich Zeit nehmen", rät etwa die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Am Ende könnte es auf ein Geburtshaus oder eine Geburt zu Hause hinauslaufen. Auf diese Weise könnte es künftig auch dann noch Baden-Badener geben, wenn der neue Kreißsaal auf Rastatter Grund und Boden steht.