Norbert Brenner (Mitte) war als Schiedsrichter auch in der Verbands- und Landesliga aktiv – so wie hier 1995 in Heilbronn. Foto: WFV

Der Vincent-Schöller-Prozess zerschlägt viel Porzellan im württembergischen Schiedsrichterwesen. Dass WFV-Geschäftsführer Frank Thumm vor Gericht die Bedeutung der Beobachtungen heruntergespielt hat, stößt vielen sauer auf – auch dem Emminger Schiedsrichter-Urgestein Norbert Brenner.

Norbert Brenner ist das Urgestein unter den Schiedsrichtern im Kreis Calw. Der langjährige Vorsitzende der SF Emmingen hat bereits 2750 Spiele geleitet, darunter 185 Partien in der Verbands- und Landesliga. Das Schiedsrichter-System kennt er wie kaum ein anderer. Der 80-Jährige gehörte zu den knapp 20 Referees, die am Mittwoch ins Stuttgarter Amtsgericht kamen, um ihren Kollegen Vincent Schöller vom TSV Haiterbach bei seinem Prozess gegen den Württembergischen Fußballverband symbolisch zu unterstützen. Im Gespräch mit unserer Redaktion erklärt Brenner seine Sicht auf das, was da gerade passiert.

 

Herr Brenner, Sie haben als Schiedsrichter schon alles erlebt. Am Mittwoch waren Sie auch beim Vincent-Schöller-Prozess in Stuttgart dabei. Wie haben Sie die Verhandlung erlebt?

Bereits nach dem ersten Satz der Richterin war klar, dass die Verhandlung beendet ist, bevor sie angefangen hat. Ich hatte den Eindruck, dass die Richterin kein großes Interesse daran hatte, in die eigentliche Sache einzusteigen. Mit dem Hinweis der Richterin, dass nicht das Amts-, sondern das Landgericht zuständig ist, war bereits die Taktik des WFV aufgegangen. Einerseits habe ich Verständnis dafür, dass die Zuständigkeit festgestellt wird. Andererseits verstehe ich aber nicht, weshalb dies erst bei der Verhandlung in Vordergrund gestellt wird. Für mich ist der Ist-Zustand maßgebend und nicht hier die zu Hilfe gezogene mögliche kommende Spielklassen-Zugehörigkeit und deren finanzieller Streitwert. Der Zeitdruck spielt in die Karten des WFV. Seine Frage war: Wie können wir Zeit für den Melde-Termin der Aufsteiger Ende April gewinnen?

Der WFV lässt sich die Spielbeobachtungen jede Saison einen sechsstelligen Euro-Betrag kosten – bezahlt von seinen Vereinen. Da stößt vielen Schiedsrichtern sauer auf, dass WFV-Geschäftsführer Frank Thumm bei der Verhandlung anklingen ließ, dass diese Beobachtungen gar nicht so ausschlaggebend für einen Aufstieg sind. Ist das für Sie nachvollziehbar?

Der WFV gibt sich Satzung, Ordnungen und Durchführungsbestimmungen vor Beginn für das jeweilige Spieljahr. Auf die Einhaltung der Vorgaben und Aussagen vonseiten des Verbandsschiedsrichterobmanns muss sich ein Schiedsrichter verlassen können. Andernfalls bedarf es auch keiner Beobachtung. Dem entgegen steht die Aussage des WFV-Geschäftsführers Frank Thumm vor Gericht, dass die Beobachtungen gar nicht ausschlaggebend für den Aufstieg sind. Weshalb dann überhaupt die ganze Beobachtungs-Prozedur? Die sehr hohen Kosten des gesamten Beobachtungswesens werden den Vereinen in Rechnung gestellt. Wofür, wenn das alles nicht entscheidend ist? Ich bin der Meinung: Wenn sich der Schiedsrichter in mehreren Spielen der Beobachtung und Bewertung stellt und in der Gruppe die beste Benotung erhält, dann gilt es die Leistung mit dem Aufstieg zu belohnen. Im Fall Vincent Schöller gilt das entsprechend mit der Aufnahme in die restlichen Beobachtungen.

Kritiker sagen, dass der WFV im Fall Vincent Schöller viel Porzellan kaputtschlägt und darunter gerade die Motivation junger Schiedsrichter leide. Sie selbst haben sich besonders der Jugend verschrieben und sind auch schon seit mehr als 30 Jahren als Jugendstaffelleiter tätig. Was erklären Sie das jungen Schiedsrichtern, was da gerade passiert?

Der WFV erweist der Nachwuchswerbung damit einen Bärendienst. Wie soll dem Nachwuchs-Schiedsrichter das Hobby Schiedsrichter noch schmackhaft gemacht werden? Die Gerichtsverhandlung hat gezeigt: Die Leistung und somit die Beobachtung mit Bewertung ist für einen Aufstieg nicht ausschlaggebend. Bessere Aufstiegschancen hat, wer sich mit dem Verband gut stellt. Nach diesem Seitenhieb und Tiefschlag des WFV fällt es mir schwer, Neulinge zu werben und vorhandene Nachwuchsschiedsrichter zu begeistern.

Der Fall Vincent Schöller wird nun vor dem Landgericht in Stuttgart verhandelt. Mit welchem Ausgang rechnen Sie?

Mit dem Verweis an das Landgericht hat der WFV offensichtlich die erste Halbzeit für sich entscheiden können, da sich hier das Zeitspiel für ihn zunächst als hilfreich gestaltet. Mit dieser eingeschlagenen Taktik geht man wohl dann auch in die zweite Hälfte. Für mich bleibt aktuell der Ausgang offen.