Als EM-Volunteer erlebte Annette Forstmeier auch die „Generalproben“ der Spiele im Stuttgarter Stadion. Foto: Forstmeier

Die Sulzerin Anette Forstmeier war als Volunteer hautnah bei den EM-Spielen in Stuttgart dabei. Unserer Redaktion berichtet sie von den beiden Spielen im Stadion der Landeshauptstadt – auch von dem Spiel gegen Spanien und dem Aus von Deutschland.

Eigentlich dachte Anette Forstmeier an ihre Tochter, als es darum ging sich bei der Europameisterschaft als Volunteer zu engagieren. „Ich habe eigentlich mit Fußball gar nicht so viel am Hut“, erzählt die 52-Jährige. Die großen Turniere habe sie zwar verfolgt, aber bei der Heim-WM 2006 sei sie nicht ein einziges Mal zum Public Viewing gegangen.

 

Im Radio hörte sie Philipp Lahm, Chef des Organisationskomitees, im Vorfeld der EM über die Möglichkeiten der freiwilligen Arbeit beim bevorstehenden Turnier sprechen. Dabei fiel ihr ihre 16-jährige Tochter ein, allerdings müssen die Freiwilligen mindestens 18 Jahre alt sein. Doch die Gelegenheit ein Teil bei so einem großen Ereignis zu sein, wollte sie sich nicht entgehen lassen.

Beim Gedanken an das Sommermärchen von vor 18 Jahren und der überragenden Stimmung, die damals ein wenig an ihr vorbeiging, sagte sie sich „dieses Mal mach’ ich das anders“. Gesagt, getan und nach der Bewerbung folgte die Einladung zum Interview, das digital stattfand. Dort wurden auch ihre Englischkenntnisse überprüft, was der in IT-Branche Tätigen sehr leicht fiel.

16 000 Freiwillige wurden ausgewählt

Insgesamt 146 000 Bewerbungen hat es laut der UEFA deutschlandweit auf die verschiedenen Freiwilligenämter gegeben,16 000 Volunteers durften sich schließlich zu den Glücklichen zählen. Unter anderem Ticketkontrolle oder Doping-Tests gehören zu den Aufgaben. Geld bekommen die Volunteers zwar nicht. Dafür aber viele unvergessliche Momente und einen Blick hinter die Kulissen.

Ein Bild mit Maskottchen Albärt durfte nicht fehlen. Foto: Forstmeier

Nach der Zusage durfte Forstmeier ihre Präferenzen wählen, bis sie letztlich beim Kontrollieren der Tickets landete. Im Nachhinein ein Glücksfall, weil sie dort die Stimmung und Euphorie vor den Spielen direkt aufsaugen konnte. „Auf der Fanmeile hätte ich bestimmt genauso viel Spaß gehabt“, berichtet sie begeistert.

Die gute Laune der Fans war ansteckend

Ihre Schicht dauerte immer fünf Stunden vor dem Spiel, aber oft sei sie auch schon früher da gewesen und konnte so die Vorbereitungen auf die Spiele miterleben. „Bei der Generalprobe mit dem Abspielen der Hymnen und dem Mannschaftseinlauf mit den Freiwilligen als Spielerersatz inklusive der Kinder an der Hand dabei zu sein, war ein beeindruckendes Erlebnis“, erzählt sie im Gespräch mit unserer Redaktion.

Nicht viel weniger begeistert war sie von den unterschiedlichen Fans und deren ansteckenden guten Laune. Die schottischen und dänischen Fans seien ihr durch ihre Feierlaune aber auch deren Freundlichkeit besonders in Erinnerung geblieben. Aber auch das als im Voraus betitelte Hochrisiko-Spiel gegen Ungarn war glücklicherweise hauptsächlich vom friedlichen Miteinander geprägt.

Gleich bei zwei Spielen der Deutschen dabei

Dass sie das Glück hatte, sogar zwei Partien der deutschen Mannschaft zu begleiten, bezeichnet sie fast als Sechser im Lotto. Der Fanmarsch der deutschen Karawane vor dem Achtelfinale bleibt ihr in beeindruckender Erinnerung. Von der einen Minute auf die andere standen Tausende Menschen vor den Toren.

Hier Foto: Forstmeier

Insgesamt hat auch die Organisation und das Miteinander der Volunteers einen bleibenden Eindruck bei ihr hinterlassen. Die Freiwilligen waren in Gruppen von circa 15 Personen organisiert und jeder durfte seine Fähigkeiten einbringen. So wurden seit der „Kick-Off“-Veranstaltung in der Liederhalle in Stuttgart viele Aktivitäten für die freiwilligen Helfer organisiert, was den Zusammenhalt und das Gruppengefühl stärkte.

„Knutscher“ und ehemaliger OB beim Einlass

Sie berichtet von vielen amüsanten Interaktionen mit den Fans. Ein schottischer Fan, bei dem die Ticketaktivierung etwas länger dauerte und der schon Angst hatte, das Spiel zu verpassen, fiel ihr um den Hals und bedankte sich von herzhaft mit einem „Knutscher auf die Wange“, weil sie seinen Tag gerettet hatte. Auch, dass sie den ehemaligen Oberbürgermeister von Stuttgart beim Einlass nicht erkannt hat und sich nur wunderte, warum dieser „Fan“ das Spiel in so feinem Zwirn besucht.

Sie ist immer noch begeistert von den vielen Erlebnissen und empfindet es als extrem bereichernd ein Teil davon gewesen zu sein. Die emotionale Pressekonferenz nach dem Ausscheiden der deutschen Mannschaft fasst auch ihre Gefühle vom Turnier gut zusammen: „Es ist schade, dass es schon vorbei ist“. Genauso schade, wie der Bundestrainer es findet, dass man nun zwei Jahre warten muss, bis man Weltmeister wird.