Polnische und ukrainische Jugendliche in Stuttgart sehen die Em als Chance ihrer Heimatländer, sich der Welt zu präsentieren. Foto: Leif Piechowski

Fünf junge Stuttgarter aus Polen und der Ukraine erzählen, wie sie die EM im eigenen Land sehen.

Stuttgart - Geht es um Fußball, kochen die Gemüter hoch. Als Sebastian Bach (25) nebenbei erwähnt, dass er Fan von Bayern München ist, entfacht er damit eine hitzige Debatte unter den fünf jungen Stuttgartern aus Polen und der Ukraine. Die meisten von ihnen leben schon lange in der Landeshauptstadt und sind in den Verein Deutsche Jugend aus Russland gekommen, um hier über die Europameisterschaft in ihren ­Heimatländern zu sprechen.

„Also wir sind VfB-Fans“, tönt es als Antwort auf Sebastians Outing aus der fußballbegeisterten Runde. „Borussia Dortmund“, ist allerdings auch von irgendwoher zu vernehmen. Bei den Bundesligavereinen werden sich die fünf so schnell also nicht einig. Anders ist das bei der EM. Da ist sofort klar: Jeder ist für sein Heimatland – oder für Deutschland, wenn die Teams nicht gerade gegeneinander spielen.

Wobei Bundesliga und EM doch mehr miteinander zu tun hätten, als man oft denke, wie Sebastian zu bedenken gibt. „In der polnischen Mannschaft haben wir viele Spieler aus der deutschen Bundesliga und auch viele von den Spitzenvereinen.“ Er sei gespannt, wie weit es die polnische Mannschaft in diesem Jahr schaffen wird.

Kiew: „Alle bereiten sich dort fieberhaft auf die EM vor“

„Nicht weiter als die Ukraine, das ist klar“, sagt Andriy Polishchuk (23) und zeigt stolz auf sein Trikot der ukrainischen Nationalmannschaft. Dann lenkt er etwas kleinlaut ein: „Wobei die Gruppe der Ukrainer echt stark ist. Gegen England und auch gegen Frankreich, das werden schon ­schwere Spiele.“

Vladislav Bobela ist gerade für vier Wochen aus Kiew zu Besuch und erzählt über die aktuelle Stimmung in der ukrainischen Hauptstadt. „Alle bereiten sich dort fieberhaft auf die EM vor“, sagt der 18-Jährige. Vor allem auf der Chrischatik-Straße, der zentralen großen Einkaufsstraße in der Innenstadt, werde während der EM bestimmt wieder viel gefeiert – „so war es auch bei den letzten großen Fußballturnieren“.

Zum Beginn der Europameisterschaft wird Vladislav wieder in Kiew sein und direkt vor Ort mitfeiern. Auch die anderen am Tisch wären in den kommenden Wochen lieber in ihren Heimatländern. „Ich bin sehr stolz, dass die Europameisterschaft in der Ukraine stattfindet“, sagt Andriy. Er lebt seit zehn Jahren in Deutschland und macht gerade eine Ausbildung zum Anlagemechaniker bei der EnBW. Er habe probiert, Karten zu bekommen, „es hat aber leider nicht geklappt“.

Tickets für die EM für zu teuer befunden

„Ich hatte sogar Tickets für ein Spiel, aber ich habe keinen Urlaub bekommen“, sagt der Ukrainer Yaroslav Polskiy (22), der seit 2001 in Deutschland ist und ebenfalls bei der EnBW in die Lehre geht: Er wird dort zum Koch ausgebildet.

Sebastian Bach, der in Danzig geboren ist und seit 23 Jahren in Stuttgart lebt, fand die Tickets für die Europameisterschaft schlicht zu teuer: „In Polen kosten die Karten 60 Euro oder noch mehr“, erzählt er. In der Ukraine seien die Karten sehr viel billiger. „Das ist doch ungerecht“,schimpft er. „In der Ukraine verdient man aber auch nicht so viel Geld wie in Polen“, sagt Andriy. Oft habe eine Familie umgerechnet nur 150 Euro im Monat zur Verfügung. „Da sind 120 Hrywnja für eine Eintrittskarte, also ungefähr zwölf Euro, sehr viel Geld.“

Im Moment sei es sehr leicht, noch Tickets für ein Spiel zu bekommen, erzählt Inesa Artushenko. Die 26-Jährige kommt aus Kiew und ist 2003 nach Deutschland gekommen – zum Studium der Internationalen Beziehungen in Dresden. „Freunde von mir haben Tickets bekommen für ein Spiel der ukrainischen Mannschaft in Kiew.“ Da sie ohnehin geplant hatte, zur EM in die Ukraine zu reisen, freue sie sich nun umso mehr auf den Besuch. „Eigentlich wollten wir alle zusammen zum Public Viewing gehen, aber tatsächlich ins Stadion zu kommen ist natürlich noch besser.“

„Und die Politiker sollten Politik machen“

Dass es noch so viele Karten gibt, liegt ihrer Meinung nach vor allem an den negativen Berichten. Inesa stört es, dass die politische Lage in der Ukraine bei den Berichten über die Fußball-EM eine so große Rolle spielt. „Was hat das eine mit dem anderen zu tun?“, fragt auch Andriy. Er findet es schade, dass Politik und Fußball derart vermischt werden. „Sport sollte Sport bleiben“, sagt er.

„Und die Politiker sollten Politik machen“, bekräftigt Inesa. Durch die politische Berichterstattung über die EM würden andere Aspekte vollkommen in den Hintergrund rücken. Dass die Ukraine ein sehr gastfreundliches Land sei, zum Beispiel. Viele ihrer Freunde wollten ihre Wohnungen an Gäste vermieten, um sich ein bisschen Geld zu verdienen, erzählt Inesa. „Als sie gehört haben, dass wegen der Politik niemand mehr kommen möchte, haben sie mich gefragt, ob ich nicht jemanden kenne, der bei ihnen wohnen möchte – umsonst.“ Sie wollten einfach den Menschen in Europa ihr Land zeigen.

Trotz der negativen Berichte in den Medien und geplanter Boykotte von Politikern ist die junge Ukrainerin aber zuversichtlich. „Ich glaube, die richtigen Fußballfans werden trotzdem kommen, egal was die da oben machen.“

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