Ein Innenverteidiger mit gutem Blick und starkem linken Fuß: der Nationalspieler Nico Schlotterbeck Foto: Baumann/Julia Rahn

Der 24-Jährige rückt im Achtelfinale gegen Dänemark in die Innenverteidigung – und muss sich vorher mit den Bildern der Vergangenheit auseinandersetzen.

Die Bilder der Vergangenheit können einen verfolgen. Wie ein langer Schatten. Auch wenn man 1,91 Meter groß und schnell ist, sich exzellent aufs Verteidigen versteht und vor Selbstvertrauen strotzt wie Nico Schlotterbeck. „Sehr gerne mache ich das hier nicht“, sagt der Nationalspieler, der sich vorgenommen hatte, erst nach dem EM-Finale wieder öffentlich aufzutreten. Praktisch, wenn Geschichte geschrieben wird. Ansonsten wollte sich der Innenverteidiger mit Worten zurückhalten und dafür Fußballtaten sprechen lassen.

 

Doch nun ist bereits im ersten K.-o.-Spiel des Heimturniers eine Sondersituation eingetroffen, ein Notfall sozusagen. Ein Innenverteidiger fehlt gesperrt, einer ist angeschlagen – und nun rückt Schlotterbeck am Samstag (21 Uhr/ZDF) im Achtelfinale gegen Dänemark in die Startelf und damit wieder in den Blickpunkt. Die erste Reporterfrage richtet sich gleich zurück. Es geht um den Moment, als ihm der Japaner Takuma Asano im ersten Gruppenspiel der WM 2022 in der Schlussphase entwischte – 1:2, der Anfang vom Ende bei der Wüstenweltmeisterschaft.

Ein reiferer Spieler als bei der WM 2022

„Diese Szene verfolgt euch, nicht mich“, sagt Schlotterbeck. Lange sei das her. Der 24-Jährige von Borussia Dortmund fühlt sich als ein anderer Spieler als damals. Reifer in seiner Kernarbeit am eigenen Strafraum, stabiler im Umgang mit Drucksituationen und immer noch risikofreudig genug, wenn er sein versiertes Passspiel einbringt. Schlotterbecks Diagonalpässe gehören zu den besten in der Branche, da sein linker Fuß genauso so stark ausgeprägt ist wie sein Selbstbewusstsein.

Doch die Eindrücke, die sich mit dem gebürtigen Waiblinger in der Nationalmannschaft verbinden, bekommt er mit flotten Sprüchen nicht weggelächelt oder weggegrätscht. Obwohl die Situationen zum einen eineinhalb Jahre zurückliegen, zum anderen noch länger seit seinem Debüt im März 2022. Der Abwehrspieler gilt als Elfmeter-Tölpel, wenn er im Nationaltrikot steckt. Drei Strafstöße in seinen ersten fünf Einsätzen für die Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) verursachte er. Das dürfte ein inoffizieller, aber unrühmlicher Weltrekord für einen Innenverteidiger von Format sein.

All diese Puzzleteile in den Köpfen der Fachleute und Fans setzen sich schließlich zu einem Gesamtbild über Schlotterbeck zusammen, das weiter präsent ist. Es steckt tief im kollektiven Gedächtnis der Fußballnation, selbst wenn es mittlerweile überholt ist. Denn der frühere Freiburger hat sich in der abgelaufenen Rückrunde als konstant verlässliche Sicherheitskraft erwiesen. Deshalb hat ihn Julian Nagelsmann in den Kreis des DFB-Teams zurückgeholt, nachdem der Bundestrainer ihn bis zur EM-Nominierung nicht berücksichtig hatte.

„Natürlich bekommt man da Zweifel, ob es noch reicht“, gesteht Schlotterbeck. Doch Nagelsmann hatte schließlich den Spieler vor Augen, den er vor allem im vergangenen April und Mai zu sehen bekam. Mit dem erfahrenen Mats Hummels bildete dieser bei den Dortmundern in der Champions League eines der stärksten europäischen Duos im Abwehrzentrum. Hinterher lobte Hummels seinen Partner und sprach darüber, dass Schlotterbeck in der Öffentlichkeit häufig zu schlecht wegkomme.

Was ist mit Antonio Rüdiger?

Eine Form der Wertschätzung, die Schlotterbeck freut – und der er nun in der Nationalelf gerecht werden will. Wie zuletzt im Gruppenspiel gegen die Schweiz (1:1). Eine halbe Stunde lang ersetzte er den gelbbelasteten Jonathan Tah mit Ruhe. „Er hatte große Räume zu verteidigen und hat das sehr gut gemacht“, sagt Nagelsmann. Jetzt soll Schlotterbeck die Lücke komplett schließen, da der Leverkusener gesperrt fehlt.

Der vermeintliche Bruder Leichtfuß für das neue Verteidigungsmonster, so könnte man es formulieren. Vielleicht steht für den Mann mit der Rückennummer 15 sogar eine doppelte Beförderung an – vom Ersatzverteidiger zum Abwehrchef. „Ach, das ist so eine Sache mit der Chefrolle“, sagt Schlotterbeck. Überbewertet, meint er.

Doch Antonio Rüdiger wird aufgrund einer Oberschenkelzerrung behandelt. Am Training auf dem Platz in Herzogenaurach hat er auch am Donnerstag nicht teilgenommen. Die Hoffnung auf einen Einsatz besteht dennoch, die Entscheidung fällt kurzfristig.

„Toni kann am besten in seinen Körper hineinfühlen. Ich hatte das auch schon. Es ist nicht leicht, diese Verletzung aus dem Kopf zu bekommen“, sagt Schlotterbeck, der in seiner Wahlheimat Dortmund dann vor der nächsten Sondersituation stünde. Denn Waldemar Anton ist der zweite Nachrücker. Mit der pikanten Note, dass der bisherige Kapitän des VfB Stuttgart, sich für einen Wechsel zum BVB entschieden hat. Zwei Innenverteidiger für die BVB-Zukunft, die in der DFB-Elf aber noch keine Minute zusammen gespielt haben.