Anstoßzeiten, vor allem die späten, bilden seit jeher eine Kontroverse bei Großturnieren wie der Fußball-EM. Wie die Zeiten festgelegt werden – und was die Uefa und die übertragenden TV-Sender dazu sagen.
Wirklich ausgeschlafen dürften am Montagmorgen nicht viele Schülerinnen und Schüler zum Unterricht erschienen sein. Zumindest all jene, die es mit dem Fußball und der deutschen Nationalmannschaft halten – und das sind nicht wenige in diesen Tagen –, hatten eine kurze Nacht hinter sich. Am Abend zuvor stand das Deutschland-Spiel gegen die Schweiz (1:1) auf dem Programm. Anpfiff um 21 Uhr. Fußballschauen und früh zu Bett – ein unauflösbarer Widerspruch während dieser EM.
Unter dem auch so manche Erwachsene leiden. Gerade der Besuch im Stadion bringt spätnachts verkehrliche Erschwernisse auf der Heimreise mit sich. Was die Frage aufwirft: Warum wird eigentlich so spät angepfiffen? Warum sind die Anstoßzeiten bei dieser EM (15, 18, 21 Uhr), wie sie sind? Und wer legt sie überhaupt fest?
Stückchenweise Verschiebung in den späten Abend
Zunächst ein kleiner Exkurs in die Vergangenheit. Bei der EM 1992 wurden die Abendspiele noch zur Primetime um 20.15 Uhr angepfiffen. 1996 lag die abendliche Anstoßzeit dann bei 20.30 Uhr, vier Jahre später bei 20.45 Uhr. Seit der EM 2016 in Frankreich rollt der Ball bei den Abendspielen erst um 21 Uhr. Die stetige Verschiebung nach hinten macht auf vor anderen Sportereignissen nicht halt. Ob bei Olympischen Spielen oder großen Tennisturnieren: Night Sessions stehen hoch im Kurs.
Bei der Fußball-EM ist allein die Uefa für die Festlegung der Anstoßzeiten verantwortlich. Auf einen Fragenkatalog unserer Redaktion geht der Fußballverband nicht ein, antwortet nur allgemein: „Die Anstoßzeiten werden nach ausführlicher Beratung mit allen relevanten Interessengruppen bestimmt.“ Die relevanten Interessengruppen, das sind in erster Linie die TV-Anstalten. In Deutschland, in Europa und weltweit. Auch bei der europäischen Kontinentalmeisterschaft handelt es sich um ein globales TV-Ereignis. Unter diesen Gesichtspunkten hat sich offenbar 21 Uhr als publikumsträchtigste Anstoßzeit auf dem globalen TV-Markt herausgestellt.
Das sagt die ARD
„Es gibt sehr unterschiedliche Bedürfnisse“, erklärt Axel Balkausky, Sportkoordinator bei der ARD, auf Anfrage. „21 Uhr hat sich als Konsenszeit in Europa herauskristallisiert. Die Spanier würden beispielsweise am liebsten erst um 22 Uhr spielen, und alle Sendeanstalten haben sehr unterschiedliche Interessen. Letztlich ist die Uefa die Entscheidungsinstanz.“ Nennenswerte Kritik seitens der Zuschauerinnen und Zuschauer hätte ihn bislang keine erreicht, sagt Balkausky. „Auch wir als ARD sind fein mit den Anstoßzeiten, die inzwischen auch in Deutschland geläufig sind.“
Der TV-Mann verweist auf die erforderlichen Pausen zwischen den Spielen von drei Stunden. Auch das Vorgabe beziehungsweise Wunsch der TV-Sender und der Uefa. Ziel ist es, das TV-Publikum möglichst lange bei der Stange zu halten. Der ideale Fan verbringt die Zeit von 15 Uhr bis nach dem letzten Schlusspfiff vor dem Fernseher. Klarer Hintergedanke: Je höher die Quote, desto höher die Einnahmen. Der Abstand von drei Stunden zwischen den Spielen hat sich dabei als am quotenträchtigsten erwiesen. Woraus sich wieder Argumente für 21 Uhr als späte Anstoßzeit ergeben. Ein früherer Anstoß am Abend hätte auch eine Vorverlegung der Vorabend- und Nachmittagsspiele zur Folge. Was wiederum mit der Lebenswirklichkeit der arbeitenden Bevölkerung kollidieren würde.
Die widersprüchliche Haltung des DFB
Etwas widersprüchlich erscheint vor diesem Hintergrund die Haltung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Vor nicht allzu langer Zeit galten Länderspiele der Deutschen jenseits der großen Turniere noch als Ladenhüter. Weshalb sich DFB-Präsident Bernd Neuendorf und Sportdirektor Rudi Völler mehrfach für frühere Anstoßzeiten starkmachten. Ex-Bundestrainer Hansi Flick hatte besonders die Fan-Bindung von Kindern und Jugendlichen im Blick, als er meinte: „Ich habe schon Enkelkinder und werde oft von deren Mitschülern gefragt: Warum spielt ihr immer so spät?“ Die Antwort: Weil die Uefa auch zwischen den Turnier-Höhepunkten, bei den Spielen der Nations League sowie in der WM- und EM-Qualifikation das letzte Wort hat. Dass die Schule in vielen Ländern Europas später als in Deutschland beginnt, mag in der Gesamtbetrachtung ein Randaspekt sein.
Der DFB hätte die Gelegenheit, es anders zu machen. Macht er aber nicht. Die späten Spiele im landeseigenen DFB-Pokal beginnen wochentags auch erst um 20.45 Uhr.