Die EM 2024 ist nun eine Woche alt. Zeit, um eine erste Bilanz zu ziehen – abseits des Sportlichen und ganz persönlich aus dem Blickwinkel unserer Reporter. Um es vornewegzunehmen: So kann es weitergehen.
Eine Woche ist nun rum bei dieser Europameisterschaft. Und logisch, diese sieben Tage taugen noch nicht für eine Langzeitanalyse. Aber im Grunde ist eines ja jetzt schon klar – dieses Turnier hat alle Erwartungen übertroffen. Oder, um es weniger euphorisch zu formulieren: Die schlimmsten Befürchtungen sind nicht eingetreten.
Die deutsche Mannschaft ist nach zwei Spielen tatsächlich noch nicht ausgeschieden aus dem Wettstreit der 24 Teams um diesen silbernen Pokal. Und die Grundidee dieser Veranstaltung, eine EM im Herzen von Europa und nur in einem einzigen Land auszutragen, kann getrost als gut bezeichnet werden.
So mag es eher unbedeutend sein, wenn in Russland, Katar oder auch China ein Sack Reis das Gleichgewicht verliert. Wenn in deutschen Straßen aber der Dudelsack erklingt, ist das einfach etwas anderes. Die Schotten sind mal wieder bei einer EM dabei, was bislang ein echter Glücksfall ist. Sie sind gut drauf, sie sind laut, sie sind viele, und sie sind trinkfest. Wobei der Titel in letzterer Kategorie ja noch längst nicht vergeben ist.
Die Dänen waren in Stuttgart jedenfalls derart durstig, dass sie wohl auch den Max-Eyth-See leer getrunken hätten – wenn der doch nur eine Schaumkrone gehabt hätte. War aber nicht so, weshalb diverse Biergärten schon lange vor dem Ende der Nacht auf dem Trockenen saßen.
Verdurstet ist dennoch niemand – und auch den Hungertod muss keiner fürchten. Schließlich gibt es in den EM-Städten nicht nur jede Menge Verpflegungsstände, sondern auch private Tauschbörsen. Das Schöne dabei ist: Man muss nicht zwingend tauschen – was dem jungen Dänen und seiner Freundin nach dem Kick ihrer Mannschaft gegen Slowenien ganz gelegen kam. Wer gibt schon gern sein letztes (Dänemark-)Trikot gegen einen Plastik-Pack mit zehn veganen Bratwürsten?
Sollten Sie sich nun fragen, wieso dieser junge Slowene das Grillgut unweit des Stadions mit im Gepäck hatte – wir tun das auch. Und sind ein wenig verwirrt. Denn am Leib trug er eines dieser grünen Hemdchen, die die Volunteers in und um die Stadien tragen. Bedeutet: Er hatte schon mal getauscht. Womöglich Shirt gegen Schweinehals.
Die Schweizer verschenken Bier
Um den Hals tragen ja alle, die in beruflicher Mission in den Arenen unterwegs sind, eine Art überdimensionale Hundemarke. „Akkreditierung“ nennt sich das Teil, auf das man im öffentlichen Nahverkehr schon mal angesprochen wird. „Sind die Tickets so groß, weil sie so teuer sind?“, will einer wissen – und ist fast enttäuscht ob der recht unspektakulären Wahrheit.
Enttäuscht hat in der ersten EM-Woche abseits des Rasens ja bislang so gut wie niemand – die Grünfläche im Stuttgarter Gazi-Stadion vielleicht mal ausgenommen. Aber auf dem kicken ja auch nur die Schweizer Nationalspieler. Ihre Fans dagegen haben sich in freier Wildbahn als durchaus überlebensfähig herausgestellt. Im Kölner Stadtwald jedenfalls waren sie gewappnet, jeder Form von Dehydration frühzeitig entgegenzuwirken, haben ihr Bier teils verschenkt – und auch eine Seniorin glücklich gemacht.
Die dürstete zwar nicht nach einer dieser Dosen, aber als die Eidgenossen an ihrem Balkon vorbeikamen, wurde ihr Winken mit einem Schweizer Fähnchen mit einer Art Riesenwelle beantwortet. Eine Botschaft hatten die Gäste aus den Alpen vor der Partie gegen die Ungarn übrigens auch noch parat: „Fondue better than Gulasch.“
Gut, das ist Geschmacksache. Aber man kann sich bei solcherlei Fragen ja auch Rat holen. Zum Beispiel bei Kollegen mit jeder Menge Erfahrung. Einer der deutschen Journalisten könnte vermutlich viel über Kulinarik erzählen – viel mehr aber noch über Fußballturniere. Die Europameisterschaft 2024 ist seine elfte, Weltmeisterschaften hat er 16 erlebt. Damit ist der 86-Jährige Weltrekordhalter.
Den Stift legt er immer noch nicht aus der Hand. Seine Zettel auch nicht. Es ist schließlich auch nicht ganz einfach, mit den digitalen Anforderungen, die die Uefa verlangt, zurechtzukommen – was übrigens nicht zwingend etwas mit dem Alter zu tun hat. Der Kollege jedenfalls kam auch mit seinen Ausdrucken klar. Dank der bereits erwähnten Damen und Herren in Grün.
Die sitzen mal auf Hochstühlen, sind aber weder Tennisschiedsrichter noch Jäger auf der Pirsch – sondern dienen den nicht ortskundigen Zuschauern eher als Leuchtturm in der Menge. Sie weisen auch mal höflich Plätze zu oder reichen besorgt Wasserflaschen. Sie sind quasi die grüne Lunge des Turniers. Und haben auch schon unsereinem auf den rechten Weg geholfen.
Ein Parkplatz für 25 Euro
Als Fußballreporter ist man in diversen Stadien der Republik ja eigentlich ein Ortskundiger. Bei der EM ist aber eben alles anders. Die Laufwege erscheinen auf den ersten Blick jedenfalls durchaus unergründlich, weshalb ein Tipp der Helferinnen und Helfer in Grün selten schadet – zum Beispiel, wenn sich vor einem Lift ein Massenauflauf bildet, der sogar einen Lastenaufzug überfordern würde. Der Tipp mit dem guten alten – aber bis dahin unbekannten – Treppenhaus in der Münchner Arena war jedenfalls Gold wert für uns, da wir vermutlich so verwirrt gewirkt haben wie später die schottische Abwehr.
Geld sparen kann dagegen derzeit ja jede und jeder, der oder die mit der Bahn die Strecken zwischen den Spielorten, man nennt sie auch „Host Cities“, zurücklegt. Ja, wir Deutschen wissen, dass dies ein gewisses Risiko darstellt. Aber 25 Euro für einen Parkplatz (zum Beispiel auf dem Cannstatter Wasen) sind eben auch ein stolzer Betrag. Also zurück zur Bahn.
Wir haben tatsächlich bislang gute Erfahrungen gemacht. Der ICE nach Frankfurt etwa war pünktlich und leer, als er in Stuttgart ankam. Also bereit, viele verkaterte Dänen aufzunehmen und aus München kommende Schotten (auch verkatert) weiterzutransportieren. Allerdings haben Kollegen auch schon von tumultartigen Szenen in Eisenbahnwaggons berichtet. Einer kam dann am Ende zur Erkenntnis: Deutschland blamiert sich nicht auf dem Rasen – sondern auf der Schiene.
Wie auf Schienen fährt bislang das deutsche Team durchs Turnier. Das schürt die Euphorie, die, das ist jetzt schon zu spüren, dem ganzen Land guttut. Aber: Vorsicht ist geboten. Schon im Viertelfinale könnten die Spanier der Gegner sein. Die haben das DFB-Team nicht nur im WM-Halbfinale 2010 und im EM-Finale 2008 gestoppt, sondern es vor vier Jahren auch 6:0 abgewatscht („Ein Spiel wie eine Abrissbirne“, titelte der „Spiegel“). Und der iberische Edelcoach Xabi Alonso hat jüngst mit Ex-Vizekusen gezeigt, zu welch übermenschlichen Leistungen Spanier fähig sein können.
Apropos Double: Weil wir einen Kollegen in unseren Reihen haben, dem gar nicht wenige eine gewisse Ähnlichkeit mit Señor Alonso zusprechen, ist dieser schon zum beliebten Fotomotiv der ausländischen EM-Gäste geworden. Leider geht es bei den Parallelen nur um die Optik, nicht um fußballerische Qualitäten.
Aber für die stehen ja die 624 EM-Spieler. Für die bislang grandiose Stimmung ihre Tausenden Fans. Und wir? Freuen uns schon auf die zweite EM-Woche.