Der Bundestrainer bekommt nach dem Viertelfinal-Aus beim Heimturnier die Größe und Wucht des Amtes zu spüren. Dabei geht es in seinen Ausführungen nicht nur um Fußball.
Das hört man selten. Applaus nach einer Pressekonferenz. Zumal der Bundestrainer bilanzierte, dass die deutsche Nationalmannschaft zu früh aus dem Heimturnier ausgeschieden sei. Doch als Julian Nagelsmann seine Jacke nahm und vom Podium in Herzogenaurach stieg, wurde geklatscht. Nicht aus Höflichkeit, sondern aus Respekt. Denn die Worte, die er gefunden hatte, hallten nach. Und sie betrafen nicht nur diese bittersüße Niederlage im EM-Viertelfinale gegen Spanien, die das Fußballland einerseits so stolz gemacht hatte, die aber andererseits die Mannschaft und die Menschen aus dem Titeltraum gerissen und kurzzeitig unglücklich gemacht hatte.
Es ist unmöglich zu sagen, dass Nagelsmann im Moment des 1:2 durch Mikel Merino während der letzten Spielminute der Verlängerung in Stuttgart der unglücklichste Mensch auf diesem Planeten war. Doch es darf als sicher gelten, dass sich in der Historie des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) noch nie ein Bundestrainer so bewegt und berührt offenbart hat. Nagelsmann kämpfte schon kurz nach dem Abpfiff mit den Tränen, da er den Fans gerne noch mehr gegeben hätte als dieses mitreißende Spiel gegen Spanien, als ein Turnier, das die Anhängerschaft wieder hinter das Nationalteam gebracht hatte. „Identitätsstiftend“, erklärte der DFB-Präsident Bernd Neuendorf.
Wieder werden Tränen verdrückt
Am Tag danach wurden wieder Tränen verdrückt, da der oberste Fußballlehrer noch immer ergriffen war. Von den späten Toren natürlich, von den Emotionen, die in ihm und um ihn herum tobten, vom schmerzhaften Abschied von den Nationalspielern, mit denen er sechs Wochen lang eine intensive Zeit erlebt hatte. Eine Gemeinschaft bildeten sie, im wahren Wortsinn. Und so soll es bleiben – beim DFB und darüber hinaus.
„Ich glaube, wir können alle anpacken, dass es nicht so traurig ist, wie es gerade wirkt und nicht alles schwarzgemalt werden muss, wie es gerade schwarzgemalt wird. Man kann immer Probleme sehen – und wir haben Probleme im Land. Man kann aber auch immer von Lösungen sprechen“, sagte Nagelsmann. Er meinte den Sport, aber nicht nur. Wie ein Staatsmann trat der jüngste Bundestrainer in der DFB-Geschichte auf. Genau dieser Typ, der auf seinen Bundesligastationen nicht nur durch seine taktische Finesse aufgefallen war, sondern ebenso durch seinen schrillen Kleidungsstil und seine selbstbewusst-forsche Art, die Kritiker an der Grenze zur Arroganz einordneten.
Doch Nagelsmann hat sich gewandelt. Aus dem Vereinstrainer ist ein Verbandscoach geworden. Die anfänglich leisen Klagen, mit den Spielern nicht so viel trainieren zu können, sind verstummt. Er gibt sich zurückhaltender in der Öffentlichkeit. Die taktischen und personellen Feldversuche (Kai Havertz als Linksverteidiger) wurden eingestellt. Der Bundestrainer nominierte einen EM-Kader, wie es ein gewiefter Coach im Club getan hätte – mit klaren Rollenprofilen.
Das Konzept ist grundsätzlich aufgegangen. Und nur im Viertelfinale gab es bei Nagelsmann einen Rückfall in alte Zeiten, eine Hälfte lang. Schließlich korrigierte er seine veränderte und überraschende Startelf zurück auf Anfang. Emre Can, der aufgrund seiner Schnelligkeitsvorteile gegenüber Robert Andrich hineinkam, musste raus. Leroy Sané, der aus taktischen Überlegungen erneut den Vorzug gegenüber Florian Wirtz erhalten hatte, musste ebenfalls Platz machen.
Der gesellschaftspolitische Ansatz
Beispiele, die zweierlei zeigen. Erstens: Die Aufstellung einer Nationalmannschaft ist niemals nur eine Aufstellung. Zweitens: Taktische Überlegungen vor einem wichtigen Länderspiel sind niemals nur taktische Überlegungen. Es sind Angelegenheiten von nationaler Bedeutung. Nagelsmann hat das vermutlich geahnt. Wahrscheinlich hat es der schlaue Kerl sogar gewusst. Aber es ist eine Sache, Situationen zu erfassen, und eine ganz andere, Situationen zu erleben.
Nagelsmann hat nun die Größe des Amtes erlebt. Er hat auch die Wucht, die damit verbunden ist, zu spüren bekommen. Das kann einen Bundestrainer überfordern, wie es bei Hansi Flick vor, während und nach der Weltmeisterschaft 2022 in Katar der Fall war. Aus Nagelsmann hat der Stress jedoch das Beste herausgeholt, jedenfalls im schwersten Moment des Turniers. An den Zusammenhalt hat Nagelsmann appelliert, im gesellschaftspolitischen Sinne: „Ich hoffe, dass wir die Symbiose aus Mannschaft und Menschen nicht nur im Fußball hinbekommen, sondern auch in weit wichtigeren Bereichen. Ich hoffe, dass wir in diesem Land verstehen, dass wir es gemeinsam besser hinkriegen. Wenn ich dem Nachbarn helfe, die Hecke zu schneiden, dann ist er schneller fertig.“
Klingt banal. Doch der Bundestrainer verfügt ja über das Talent, einfache Sachverhalte in komplexe Zusammenhänge zu stellen. „Deutschland ist lange Zeit ein Land der Vereine gewesen. Menschen sind zusammengekommen, um Sachen gemeinsam zu machen – in Sport-, Trachten- und Musikvereinen.“ Und jetzt sei es offenbar bedeutsamer am Bergsee zu stehen und ein Instagramfoto zu machen und zu posten, „allein“.
Nagelsmann will das nicht. Auch wenn jetzt erst einmal Ruhe und Entspannung angesagt sind, um die EM danach vollends aufzuarbeiten. Der Bundestrainer will fortführen, was er angefangen hat. Anpacken, gemeinsam. Mindestens bis zur WM 2026. Weil er sich auf seinem Posten „glücklich“ fühlt. Aber auch, weil er seinem staatsmännischen Auftritt zum Trotz vor allem ein Wettkampftrainer mit einem großen Ziel ist: „Wir wollen in zwei Jahren Weltmeister werden.“