Zehntausende verfolgten die EM-Spiele auf dem Stuttgarter Schlossplatz. Foto: And/eas Rosar

Der neue Europameister wird noch gesucht. Aber Stuttgart ist nurmehr Zaungast. Zeit für eine Bilanz

Es kehrt Ruhe ein in der Stadt. Deutschland raus, die Türkei raus, und die Schweizer räumen ihr Quartier im Waldhotel in Degerloch. Der neue Europameister wird noch gesucht, zwei Halbfinals und das Finale werden auf dem Schlossplatz gezeigt, doch von Stuttgart aus ist man nurmehr Beobachter.

 

Zweimal spielte Deutschland in Stuttgart

Fünf Spiele im Stadion, darunter zweimal die deutsche Mannschaft, Hunderttausende Gäste in der Stadt und Fußballgucker auf dem Schlossplatz, drei Wochen lang war Stuttgart Gastgeber und Teil der drittgrößten Sportveranstaltung der Welt. Was bleibt nun von dieser EM?

Eines vorneweg, damit dies aus dem Weg geräumt ist. Es war kein Sommermärchen 2.0, von Sommer konnte keine Rede sein. Doch im Ernst, die WM 2006 fand in einem Land statt, dass sich selbst entdeckt hat; die EM 2024 in einem Land, das seiner selbst höchst unsicher, furchtsam und zerrissen ist. Angst vor Corona, Angst vor dem Impfen, Angst vor dem Krieg, Angst vor Putin, Angst vor Fremden, Angst vor Rassisten, Angst wegen des Klimawandels, Angst, die Maßnahmen wegen des Klimawandels nicht bezahlen zu können. Diese bleierne Stimmung wabert auch durch diese reiche Stadt und Region. Zum Zustand des Landes hat ein Schotte alles gesagt, als er wieder mal an einem deutschen Bahnhof auf den Zug warten musste: „Wir spielen Fußball wie die Deutsche Bahn!“

Das größte Jugendhaus der Region

Gut gekickt haben sie nicht die Schotten, das stimmt. Aber sie konnten singen. Und Spaß haben. Wie die Dänen haben sie sich als wunderbare Gäste gezeigt und ihren schwäbischen Gastgebern vorgemacht: ein bisschen Weltflucht schadet nicht. Man darf sich amüsieren. Gerade die Jungen waren nach den Corona-Jahren dankbar, sich zu treffen, zu feiern, sich zu freuen, am Nationalteam, an sich selbst, ohne schlechtes Gewissen, ohne Mahnungen. Der Schlossplatz war gerade bei den deutschen Spielen das größte Jugendhaus und die größte Party-Zone der Region. Und ein Spiegelbild dieser Stadt. Von den jungen Stuttgartern haben 60 Prozent ihre Wurzeln im Ausland, viele von ihnen trugen Pink oder Weiß und schwenkten Schwarz-Rot-Gold. Was im Alltag nicht mehr gelingt, dafür braucht es eine Fußball-EM: Nicht die Unterschiede zu betonen, sondern Gemeinsames zu finden!

Bleibt uns dies erhalten? Es wäre uns zu wünschen. Wie einiges andere, was diese EM der Stadt gebracht hat. Eine nicht neue und trotzdem immer wieder vergessene Erkenntnis ist: Menschen fühlen sich sicherer, wenn die Polizei zu Fuß unterwegs, sicht- und ansprechbar ist. Das hilft mehr als alle Konzepte. Der Stadtgarten bei der Uni hat sich als Fläche erwiesen, auf der man nicht nur Schotten unterhalten kann, sondern Filme zeigen oder Konzerte veranstalten könnte. Die Sitzinseln auf Karlsplatz und Marktplatz waren höchst willkommen, die Grünen fordern bereits, diese zu erhalten. Ebenso wie den Schirm, der auf dem Marktplatz aufgespannt ist. Und die Kickplätze auf Karlsplatz und Marktplatz werden dauerbespielt.

Man braucht Platz für Wochen- und Flohmarkt, das stimmt. Aber die Innenstadt als Ort, an dem man sein darf, spielen darf, ohne konsumieren zu müssen, das gefällt vielen Menschen. Gelingt es uns, Stadt anders zu denken? Oder geschieht, was so oft geschieht: Man sucht nicht Gründe zu ermöglichen, sondern Gründe, warum etwas nicht möglich ist?

Weißt Du noch, damals 2024?

Was bleibt sonst? Vieles, was nicht in Heller und Pfennig zu messen ist. Erlebnisse, Begegnungen, jeder hat seine eigenen EM-Geschichten zu erzählen. Weißt Du noch, damals im nassen Sommer 2024? Als wir wieder mal gelernt haben, dass Europa mehr als ein Konstrukt ist – und diese Stadt ein ziemlich guter Gastgeber sein kann.