Es gibt Klärungsbedarf: Kasper Hjulmand (li.), der Trainer des dänischen Nationalteams, diskutiert mit Schiedsrichter Michael Oliver. Foto: Imago//Anke Waelischmiller

Das dänische Fußball-Nationalteam ist nach dem EM-Aus gegen Deutschland bedient. Vor allem Trainer Kasper Hjulmand schimpft über den Videobeweis und spricht von einer „Schande“ – nun muss er um seinen Job fürchten.

Unübersehbar war, dass Thomas Delaney das EM-Achtelfinale gegen Deutschland in apricotfarbenen Nike-Kickstiefeln bestritt. Bekannt ist über ihn, dass er lieber mit dem linken Fuß schießt und vergangene Saison die Schuhe für den RSC Anderlecht schnürte. Keine wesentliche Rolle spielt, zumindest normalerweise, welche Größe seine Treter haben. Doch an diesem chaotischen Abend in Dortmund war alles anders: Es kam auf jeden Zentimeter an. Denn wären die Stollenschuhe von Thomas Delaney nur eine Nummer kleiner gewesen, dann stünde jetzt womöglich Dänemark im Viertelfinale an diesem Freitag (18 Uhr) in Stuttgart. Stattdessen wird wieder einmal gestritten – über den Videobeweis.

 

„Es ist“, sagte Kasper Hjulmand, der Trainer des dänischen Fußball-Nationalteams, „eine Schande.“ Die sich auf fünf Minuten komprimieren ließ.

Erst wurde ein Treffer der Dänen durch Joachim Andersen aberkannt, weil sich zuvor die Schuhspitze von Delaney im Abseits befunden hatte (48.). Und kurz darauf griff der Video Assistant Referee (VAR) erneut ein. Andersen hatte nach einer Flanke von David Raum den Ball leicht mit der Hand berührt. Es gab Strafstoß, und die Dänen, die kurz vorher das vermeintliche Führungstor bejubelt hatten, lagen plötzlich in Rückstand. Am Ende verloren sie 0:2 und versanken im Frust. Andersen, der große Pechvogel, sprach von einer „furchtbaren Entscheidung“. Und auch sein Coach war außer sich.

Hjulmand fragt: „Kann dass die zweifelsfreie Wahrheit sein?“

Mitten im ZDF-Interview griff Kasper Hjulmand zu seinem Handy, hielt die 3-D-Grafik in die Fernsehkamera, auf welcher die markierten Zehenspitzen von Thomas Delaney zu sehen waren, und schimpfte: „Wir reden über einen Zentimeter. Kann das wirklich die zweifelsfreie Wahrheit sein? Lässt sich der Zeitpunkt des Abspiels so genau bestimmen? Ich habe Fragen!“ Die Antwort gab Julian Nagelsmann. „Das berechnet ein Computer, deshalb ist es korrekt, auch wenn es skurril ist“, erklärte der Bundestrainer, und fügte hinzu, ein Freund des Videobeweises zu sein: „Der VAR und die Technik machen den Sport etwas fairer.“

Gut möglich, dass Kasper Hjulmand seinem Kollegen zustimmen wird, wenn sich die Emotionen ein bisschen gelegt haben. Am Samstagabend blieb er auf Krawall gebürstet. „Der Videobeweis ist generell eine gute Idee, aber eben nicht immer. So dürfen wir ihn nicht nutzen“, sagte er, „das sind zwei lächerliche Entscheidungen gewesen. Eine Entscheidung auf einen Zentimeter ist nicht möglich, und von dieser lächerlichen Handregel habe ich echt genug. “ Zur Wahrheit gehörte allerdings auch, dass der dänische Coach dem Sieger gratulierte, dessen Leistung lobte und meinte: „Gut möglich, dass die Deutschen auch ohne Videobeweis gewonnen hätten.“ Sicher ist das nicht.

Es gab durchaus Beobachter, die es ähnlich sahen wie der spanische „As“-Journalist, der titelte: „Der VAR rettet Deutschland aus der Patsche!“ Kasper Hjulmand muss deshalb nun sogar um seinen Job fürchten.

Sieben Spiele ohne Sieg bei großen Turnieren

Der frühere Trainer des Bundesligisten FSV Mainz 05 führte das dänische Team zwar vor drei Jahren ins EM-Halbfinale, das gegen England nach Verlängerung 1:2 verloren wurde. Seither ging jedoch sehr viel schief. Bei der WM 2022 in Katar schieden die Dänen nach einem 0:0 gegen Tunesien und einem 0:1 gegen Australien mit nur einem Punkt und einem Tor als Vorrundenvierter aus, nun blieben sie auch bei der EM 2024 sieg- und vorne harmlos (zwei Treffer). Seit sieben Turnierspielen ohne Erfolg zu sein, das sei „peinlich“, urteilte das „Ekstra Bladet“. Und die Zeitung „BT“ schrieb: „Wird der Platz von Kasper Hjulmand zur Debatte stehen? Natürlich – so soll und muss es sein!“

Der Trainer, dessen Vertrag bis 2026 läuft, will trotzdem bleiben. „Wir haben viele junge Spieler. Diese Mannschaft hat eine große Zukunft vor sich“, sagte er, „wir werden alles analysieren und darüber sprechen, wie wir unser Team verbessern können.“ Vielleicht würde es ja helfen, künftig in etwas kleineren Schuhen zu spielen.