Blitze und Donner prägen das Achtelfinale gegen Dänemark, aber schon zuvor hat das Spiel der Deutschen inmitten des Emotionsgewitters einen Kurzschluss. Der 2:0-Sieg zeigt jedoch, dass die Nationalmannschaft Widerständen trotzen kann.
Da saß er nun – und jubelte wie verrückt. Nach einer Abwehraktion gegen Jannik Verstergaard blieb Antonio Rüdiger erst einmal auf dem Rasen hocken. Er schrie wie ein Wilder und gestikulierte wie ein Berserker, während sich die Dänen für den letzten Eckball der Partie sortierten. Doch der Abwehrchef der Deutschen war sich in diesem Moment schon sicher: Das Achtelfinale bei der EM war gelaufen, 2:0 gewonnen. Die Freude über den Sieg musste beim 31-Jährigen raus, und die Erleichterung im Tross des Deutschen Fußball-Bundes war in der Dortmunder Nacht groß.
Aus sportlicher Sicht ist das Heimturnier bereits jetzt ein erster Erfolg für Julian Nagelsmann, der eine Reihe von Veränderungen in der Nationalmannschaft angeschoben hat. Erstmals seit der EM 2016 in Frankreich steht Deutschland wieder unter den besten acht Nationen. Die Enttäuschungen der Vergangenheit sind in den Hintergrund gerückt. Im Vordergrund steht, dass es dem Bundestrainer mit dem DFB-Team gelungen ist, nicht nur das Stadionpublikum auf eine schöne Reise durch das eigene Land mitzunehmen, sondern das ganze Fußballvolk.
Eine Szene mit großer Theatralik
Die Party geht weiter, und mittendrin befand sich Rüdiger im Defensivrausch. „Es war ein wichtiger Block zum Schluss, es war wie ein Tor“, sagt der Innenverteidiger, der hinterher zum wertvollsten Akteur gekürt wurde. Zuvor hatte der wohl aggressivste DFB-Spieler bereits einige dänische Angriffe mit energischem Körpereinsatz unterbunden und die skandinavischen Offensivbemühungen auch mit großer Theatralik unterbrochen.
Das ging so weit, dass Rüdiger einmal liegen blieb, um Zeit zu schinden. Er schrie offenbar vor Schmerz und wälzte sich angeblich hart getroffen auf dem Boden. So glaubhaft, dass die eigene medizinische Abteilung herbeieilte. Zumal der Profi von Real Madrid vor der Partie wegen einer Oberschenkelblessur auszufallen drohte. Aber: falscher Alarm. Was Joshua Kimmich und Toni Kroos sofort erkannten. Sie brüllten den Teamarzt Jochen Hahne und den Physiotherapeuten Wolfgang Bunz an, das gedankliche Blaulicht sofort auszuschalten und ihr Tempo zu reduzieren. Beide wussten nicht, wie ihnen geschieht, vollzogen aber eine Vollbremsung.
Die DFB-Auswahl benötigte demnach in einem denkwürdigen Spiel viele Mittel, um nach den Toren von Kai Havertz per Handelfmeter (53.) und Jamal Musiala (68.) nach einem perfekten Pass von Nico Schlotterbeck den Widerständen zu trotzen. Das ist die vielleicht wichtigste Erkenntnis des Bundestrainers. Es wächst eine Mannschaft zusammen, die nicht nur vom guten Geist getragen wird, beim stimmungsvollen Heimturnier sehr weit kommen zu wollen. In ihr schlummert noch Potenzial. „So ein Spiel zu gewinnen, als Favorit, das macht mich stolz“, sagt Nagelsmann. Ich hoffe, dass wir die alte Festplatte jetzt gelöscht kriegen und verstehen, wie gut wir sind.“
Die mögliche Klasse zeigte sich vor allem in der Anfangsphase, als die Nationalelf das Geschehen nicht nur kontrollierte, sondern Dänemark unter Druck setzte – spielerisch und athletisch. „Die ersten 20 Minuten waren die besten im Turnier. Man merkt der Mannschaft auch an, dass sie manchmal Dinge erzwingen will. Wir legen uns dann den Gegner nicht lange genug zurecht“, sagt der Bundestrainer, der den Gesamtablauf als „wild und skurril“ bezeichnete.
Der Blitz schlägt im Maschinenraum ein
Das lag schon allein an der Gewitterunterbrechung. 25 Minuten dauerte sie, weil ein Unwetter über Dortmund hereinbrach. Ständige Blitze, beharrliches Donnergetöse, prasselnder Regen und heftige Sturzbäche vom Stadiondach verhinderten ein Weitermachen, schafften jedoch auch eine eigene Atmosphäre samt Gefühlsausbrüchen.
Doch über dem deutschen Spiel hatte sich bereits zuvor etwas zusammengebraut. Als ob der erste Blitz im Maschinenraum der Mannschaft eingeschlagen und einen Kurzschluss verursacht hätte. Toni Kroos fühlte sich in dem Treiben nicht wohl. Auch Ilkay Gündogan fand sich im skandinavischen Dschungel aus Beinen und Stiefelspitzen nicht zurecht. Es wurde mehr und mehr eine Begegnung für Rüdiger, den Vorkämpfer.
Und Schlotterbeck, den besten, aber vielleicht auch leichtsinnigsten Ersatzverteidiger bei der EM 2024. Der 24-Jährige lieferte für den gesperrten Jonathan Tah eine starke Leistung ab – mit einem „Schlotti-Moment“. Eine Lässigkeit, die Dänemark beinahe in Führung brachte. Dennoch: „Beide Innenverteidiger haben sehr gut gespielt“, sagt Nagelsmann, dem jetzt eine Luxussituation in der Abwehr begegnet, da im Viertelfinale am Freitag in Stuttgart wieder Tah parat steht. Der 28-Jährige wird wohl wie in den Gruppenspielen an die Seite von Rüdiger rücken, um für Stabilität zu sorgen. Für das erneut benötige Emotionsgewitter fühlt sich jedoch nur einer davon zuständig. „Es wird viel über Stürmer gesprochen, aber es ist wichtig, zu null zu spielen, in so einer Phase des Turniers. Da müssen wir jede Aktion bejubeln“, sagt Rüdiger, das Verteidigungsmonster.