Der Außenseiter glaubt nach dem Coup gegen Portugal bei der Fußball-Europameisterschaft auch gegen Spanien an seine Chance
Die Frage musste ja kommen. Nach dem sensationellen Sieg gegen Portugal und dem Einzug ins Achtelfinale der Fußball-EM wollten die Journalisten von Otar Kiteishvili wissen, ob denn gegen Spanien der nächste Favoritensturz möglich sei. Dem Mittelfeldspieler der Georgier war das Thema sichtlich unangenehm. „Eine schwierige Frage“ sei das, stellte Kiteishvili erst einmal fest. Doch nach kurzer Bedenkzeit fasste der 28-Jährige, der bei Sturm Graz sein Geld verdient, Mut. „Wir haben Portugal geschlagen, wir glauben daran“, versicherte Kiteishvili und fügte noch hinzu: „Wir haben vor niemandem Angst.“
Der EM-Debütant stellt bislang das Überraschungsteam des Turniers. Nicht nur die Resultate an sich, sondern auch die Art und Weise, wie diese zustande kommen, sind beeindruckend. Gegen Portugal verteidigten die Georgier einmal mehr leidenschaftlich, suchten aber auch immer wieder den Weg nach vorne. Starspieler Khvicha Kvaratskhelia brachte seine Mannschaft nach einem schnörkellos vorgetragenen Konter bereits in der zweiten Spielminute in Führung, Georges Mikautadze legte nach knapp einer Stunde per Foulelfmeter nach (57.).
„Wir haben sehr gut verteidigt. Wir waren kompakt und haben ihnen keine Räume gegeben. Und in der Offensive haben wir unsere Qualitäten“, fasste Kiteishvili das Geschehen von Gelsenkirchen zusammen. Hinzu kommt, dass bei den Georgiern in Giorgi Mamardashvili einer der besten Keeper des Turniers zwischen den Pfosten steht.
Cristiano Ronaldo, der genau wie Torhüter Diogo Costa und Joao Palhinha von der XXL-Rotation des Trainers Roberto Martínez verschont geblieben war, hatten die Georgier ebenso im Griff wie den Rest der portugiesischen Offensivreihe. Seine auffälligste Szene hatte „CR7“, als er im ersten Durchgang nach einer Schimpftirade in Richtung Schiedsrichter Gelb sah. Nach 66 Minuten durfte sich dann auch Ronaldo für das Achtelfinale am Montag (21 Uhr) gegen Slowenien ausruhen.
„Er ist Cristiano Ronaldo. Er ist der beste Spieler der Geschichte. Heute haben wir gegen ihn gewonnen, für uns ist damit ein großer Traum in Erfüllung gegangen“, sagte Giorgi Tsitaishvili. Der Mittelfeldspieler versuchte anschließend noch, den Stolz in Worte zu fassen, den er, seine Kollegen und alle Landsleute gerade empfinden: „Ich denke, niemand anderes wird je verstehen, was die Georgier jetzt fühlen. Wir sind ein kleines Land, das der ganzen Welt gezeigt hat, dass wir es verdient haben, hier zu sein.“
Nach dem Abpfiff mischte auch Budu Zivzivadze bei der georgischen Party kräftig mit, indem er mit einigen seiner Kollegen, ausgerüstet mit einer Musikbox, singend und tanzend die Mixed Zone stürmte. Während der vorangegangenen 90 Minuten war er wie schon beim 1:1 gegen Tschechien vier Tage zuvor nicht zum Einsatz gekommen. Für den Stürmer des Karlsruher SC angesichts des Sensationserfolges kein Problem. „Ich bin so glücklich, Teil dieses Teams zu sein“, versicherte Zivzivadze, der berichtete, dass seine KSC-Kollegen Nicolai Rapp und Leon Jensen im Stadion gewesen seien.
Rückkehr nach Karlsruhe geplant
Auf Nachfrage erklärte der 30-Jährige, dass er nach dem Turnier und ein paar freien Tagen nach Karlsruhe zurückkehren werde. Zuletzt hatte es Spekulationen über einen möglichen Abschied des Angreifers gegeben. Zum Duell mit Spanien meinte Zivzivadze kurz und knapp: „Es ist Fußball und im Fußball ist alles möglich.“
Dass dem tatsächlich so ist, dafür stehen die Georgier bei dieser EM wie kein anderes Team. Nach dem spektakulären Auftakt gegen die Türkei (1:3), bei dem bereits mehr drin gewesen wäre, glaubte die Mannschaft von Trainer Willy Sagnol weiter an ihre Chance und hatte nun auch das Glück, dass die bereits als Gruppensieger feststehenden Portugiesen mit einer B-Elf antraten.
Gegen Spanien am Sonntag (21 Uhr) in Köln dürfen die Georgier nun aber nicht darauf hoffen, dass ihnen der Titelanwärter mit angezogener Handbremse begegnet. Eine Chance rechnet sich der Underdog dennoch aus. Oder wie es Tsitaishvili formulierte: „Wir haben Portugal geschlagen. Alles ist möglich in diesem Leben. Wir dürfen nicht aufhören zu träumen.“