Ist nicht unumstritten: Hollands Nationaltrainer Frank de Boer (links). Foto: dpa/Marius Becker

Trotz einer makellosen Vorrunde führen die Niederlande eine Grundsatzdiskussion über die Ausrichtung der Nationalmannschaft. Ist die Fünferkette von Bondscoach Frank de Boer Verrat an der nationalen Fußballtradition oder heiligt der Zweck die Mittel?

Amsterdam - Er kam einfach nicht zum Stehen. Gut und gerne 60 Meter war Denzel Dumfries aus der eigenen Hälfte bis vor das österreichische Tor gestürmt – und lief nach seinem Treffer zum 2:0 vor lauter Freude immer weiter Richtung Eckfahne. Nur allmählich konnten ihn seine Teamkollegen einfangen, schlossen ihn dann aber doch in die niederländische Jubeltraube ein.

 

Es war vermutlich Dumfries’ längster Sprint der EM, aber keineswegs sein einziger: Seit Turnierbeginn beackert der 25-jährige Flügelspieler von PSV Eindhoven auf der Außenposition der Fünferkette die rechte Seite der Holländer ebenso unermüdlich wie erfolgreich: Zwei Tore, drei Vorlagen und zwei Auszeichnungen als „Man of the Match“ sind während der Vorrunde schon zusammengekommen. Dumfries ist bislang zweifelsohne die Entdeckung der Elftal, vielleicht sogar des gesamten Turniers.

Lesen Sie aus unserem Angebot: Newsblog zur EM 2021

Kurioserweise aber wäre für einen solchen Verteidiger mit Offensivdrang in der traditionellen taktischen Grundordnung der Niederländer eigentlich gar kein Platz gewesen. Jahrzehntelang galt für Oranje jenes 4-3-3-System als gesetzt und nahezu unantastbar, das der noch heute omnipräsente Fußballheilige Johan Cruyff in den siebziger Jahren gemeinsam mit Trainer Rinus Michels bis zur Perfektion entwickelt hatte. Erst bei Ajax Amsterdam, dann im Nationalteam.

Auch der jetzige Bondscoach Frank de Boer hielt nach seinem Amtsantritt im vergangenen Sommer zunächst am Dreiersturm fest – stellte nach durchwachsenen Ergebnissen aber kurz vor der EM auf eine Fünferkette um: Statt ständiger Spielkontrolle und Dominanz sind seitdem im 5-3-2-System auch überfallartige Konter fester Bestandteil des taktischen Repertoires, an denen sich Außenspieler wie Dumfries immer wieder beteiligen.

Auch aus der eigenen Mannschaft gab es Kritik

Die Umstellung stieß nicht überall auf ungeteilte Begeisterung. Weite Teile der an Traditionalisten reichen niederländischen Fußballszene liefen Sturm gegen die neue Ausrichtung, die nicht wenige als unverzeihliche Abkehr von der nationalen Fußball-DNA einstuften. „Cruyff würde sich im Grab umdrehen“, sagte selbst Ronald de Boer, der Zwillingsbruder des Nationalcoachs. Auch innerhalb des eigenen Teams gab es anfangs Gegenwind für die ungewohnte Taktik. Ob die Rückkehr zum bewährten System ein falscher Gedanke sei, wurde Matthijs de Ligt nach dem 2:2 im Test gegen Schottland Anfang Juni gefragt. „Nein“, antwortete der Verteidiger von Juventus Turin, „ich denke, dass das ein gerechtfertigter Gedanke ist.“

Einen letzten Umstimmungsversuch unternahmen die Verfechter des dominanten Offensivfußballs schließlich aus der Luft: Kurz vor dem Auftakt der EM kreiste ein Flugzeug über dem Trainingsgelände südwestlich von Amsterdam beharrlich seine Bahnen, das ein Banner mit der Aufschrift „4-3-3“ hinter sich herzog. Bondscoach de Boer bedankte sich auf der Pressekonferenz höflich für die Taktiktipps von oben, um sie dann aber ebenso entschieden abzuweisen: Es bleibe bei der Fünferkette. „Wir werden mit jedem Spiel besser. Es gibt Fortschritte, und es geht in die richtige Richtung.“

Huub Stevens wünscht sich mehr taktische Variabilität

Hollands Coach also – 2017 noch von José Mourinho nach einem erfolglosen Intermezzo bei Crystal Palace als „schlechtester Trainer der Premier League“ bezeichnet – scheint fest entschlossen, an seiner Formation gegen alle Widerstände festzuhalten. Das gefällt nicht jedem. „Wichtig ist vor allem, dass du als Mannschaft taktisch variabel spielst“, sagte etwa der frühere Stuttgarter Bundesliga-Coach Huub Stevens gegenüber unserer Zeitung. Und hier habe die holländische Nationalelf noch Luft nach oben, trotz der drei Siege.

Stevens ist nicht der Einzige, der trotz der makellosen Ergebnisse in der Vorrunde nicht wirklich warm wird mit den Auftritten der Elftal. Die überregionale Tageszeitung „De Volkskrant“ fremdelte zum Beispiel nach dem 3:2-Auftaktsieg gegen die Ukraine unumwunden damit, dass ausgerechnet ein athletisches Arbeitstier wie Dumfries zum Matchwinner wurde: „Es ist, als würde man einem versierten Tischler sagen, dass er den Strom installieren soll, während die qualifizierten Elektriker untätig danebenstehen.“ Sieg hin oder her, schöner und dominanter Fußball war für Oranje schon immer fast genauso bedeutsam wie das blanke Resultat.

Noch immer also wird de Boers System eher geduldet als gefeiert, wahrscheinlich dürfte der Kredit der Fünferkette nur bis zur ersten Niederlage reichen. Einen Profiteur der Umstellung gibt es allerdings schon: Shootingstar Dumfries hat sich in den Fokus mehrerer Topclubs gespielt, auch der FC Bayern soll seine Fühler ausgestreckt haben. Spätestens mit einem möglichen EM-Titel aber dürfte sich auch Taktikrebell Frank de Boer in den Kreis der Gewinner einreihen.