Nach dem 1:1 gegen Frankreich feiern die Osteuropäer ausgelassen und können noch im Turnier bleiben, wenn sie Deutschland besiegen. Von der WM 1954 ist noch eine Rechnung offen.
Budapest - Die Zutaten für das erstaunliche 1:1 der Ungarn gegen die als beste Mannschaft der Welt eingestuften Franzosen lagen auf der Hand: Man benötigt einen starken Torhüter wie Peter Gulacsi, einen emotionalen italienischen Trainer wie Marco Rossi („Heute war der Tag, an dem Gott auf uns herabgeschaut hat“) und einen Staatschef wie Viktor Orbán, der rücksichtslos und ungeachtet der Pandemie alle Pforten der Puskas-Arena öffnet für 56 000 Zuschauer.
Auch die kämpfenden Feldspieler um den starken Stürmer Roland Sallai (SC Freiburg) haben natürlich dazu beigetragen, dass der Besuch der Franzosen in Budapest nicht zu einem Spaziergang wurde, sondern wider Erwarten zu verdammt harter Arbeit. Mit dem 1:1 (1:0) jedenfalls haben sich die Ungarn die Chance erhalten, im Turnier zu bleiben, immerhin das. Das Problem ist nur: Es geht jetzt nach München gegen Deutschland, wo unbedingt ein Sieg hermuss fürs Weiterkommen. Trainer Rossi wollte in seinem Vorausblick seiner emotionalen Ader zum Trotz jedoch nicht wie ein Träumer wirken und blieb auf dem Boden der Tatsachen: „Ich sage jetzt nicht, wir fahren nach München und gewinnen dort. Wir werden nach München fahren und unser Bestes versuchen, um dort zu gewinnen.“
Die Kulisse wird fehlen
Den Ungarn wird in München die üppige Budapester Kulisse fehlen, keine Frage, denn die 14 000 erwarteten Zuschauer am Mittwoch werden mit deutlich weniger Dezibel überwiegend die deutsche Nationalelf nach vorne brüllen. Doch auch wenn den Ungarn der Hexenkessel von Budapest nicht mehr zur Verfügung steht – unterschätzen sollten Bundestrainer Joachim Löw und seine Männer die Osteuropäer keineswegs. „Ich bin unglaublich stolz, dass wir gegen das beste Team der Welt unentschieden gespielt haben“, sagte Gulacsi nach dem Achtungserfolg, bei dem Attila Fiola die Ungarn kurz vor dem Pausenpfiff in Führung brachte und Antoine Griezmann in der 66. Minute ausglich. „Wir haben unsere Chancen auf das Achtelfinale mit großem Kampfgeist und etwas Glück am Leben erhalten“, meinte der Torhüter noch, und die Sportzeitung „Nemzeti Sport“ jubelte: „Es ist gut, Ungar zu sein – wir haben den Weltmeister bekämpft.“
Diese Mannschaft glaubt an sich und hält zusammen – das ist ihr Geheimnis. In Ungarn rückt im Hinblick auf die nächste Partie gegen Deutschland sogar der Traum von der Revanche für die Finalniederlage vor 67 Jahren beim Wunder von Bern in das Bewusstsein der Menschen zurück. Nach dem Spiel legte Gulacsi die Hand auf sein Herz und schmetterte mit seinem Kollegen und den Fans auf den Rängen die Nationalhymne. Die Ungarn sind stolz auf sich und hoffen, im Weltfußball irgendwann wieder eine größere Rolle zu spielen.
Die Stars verzweifeln
Allen voran Gulacsi war es, der die französischen Topstürmer in die Verzweiflung trieb. An diesem Tag schien der Schlussmann unüberwindbar für Kylian Mbappé und Karim Benzema zu sein. Und wäre Willi Orban (RB Leipzig) trotz starken Spiels wie schon gegen Portugal nicht erneut in die Rolle des Pechvogels geschlüpft und der Ball von ihm nicht vor Griezmanns Füße gelenkt worden, wer weiß, vielleicht hätten die Ungarn gesiegt.
Wie dem auch sei – der Punkt war Gold wert. Und in Frankreich der Jammer riesig. Antoine Griezmann rang um eine Erklärung, was er dann von sich gab, klang wenig überzeugend. „Wir sind ein volles Stadion nicht mehr gewohnt. Das Spiel war sehr schwierig mit den Zuschauern“, sagte der Angreifer. Die französische Sportzeitung „L’Équipe“ ging mit dem Team viel härter ins Gericht: „Les Bleus waren nicht wiederzuerkennen. Sie sind an einer Katastrophe vorbeigeschlittert.“