Spielsachen sind heute stark von Stereotypen geprägt – sagt die Expertin. Foto: dpa/Daniel Karmann

Die Eltern wollen das Kind ohne Stereotype erziehen, aber die Tochter (4) mag trotzdem nur typische Mädchensachen. Erziehungsberaterin Sabine König erklärt, wie Familien der Rosa-Einhorn-Elsa-Falle entkommen – und ob sie das überhaupt müssen.

Carolina S. ist es wichtig, ihre Kinder klischeefrei zu erziehen. Glitzernde Einhörner für Mädchen und mutige Superhelden für Buben – das ist ihr ein Graus. Ihr Mann und sie kaufen möglichst neutrale Spielsachen und Kleidung. Doch die vierjährige Tochter will trotzdem am liebsten nur Prinzessin spielen und von Kopf bis Fuß in Rosa gekleidet sein. Sabine König von der Praxis für Erziehungs- und Beziehungsfragen erklärt, wie Eltern solchen Geschlechterstereotypen gegensteuern können – und ob sie das überhaupt sollten.

 

Wir achten auf möglichst vielfältiges Spielzeug. Jetzt will unsere Tochter trotzdem ständig Prinzessin spielen. Woher hat sie das?

Es ist gut, Kindern Spielangebote zu machen, die über Stereotype wie Puppen für Mädchen und Autos für Buben hinausgehen. Denn kleine Kinder können Sie im Grunde für jedes Spiel begeistern. Dennoch beobachte ich in meiner Praxis bei Kindern unterschiedliche Spielinteressen. Mädchen sind tendenziell – natürlich gibt es auch Kinder, bei denen es anders ist – eher interessiert an Interaktionen, Vater-Mutter-Kind-Spielen, Pflege, Betreuung, Umhegen, Umsorgen. Und Jungs sind tendenziell an Bewegung, Kämpfen, Hierarchie interessiert, daran, sich körperlich ausprobieren. Das ist teils angelegt, teils aber natürlich auch Prägung. Eltern haben darauf zwar auch Einfluss, aber der ist begrenzt. Kinder sind von klein an in Krippe, Kita und Schule. Sie erleben dort andere Kinder, Erzieherinnen, andere Eltern. Wir können die Erziehung unserer Kinder wesentlich mitgestalten und über unsere mitgeteilten, gelebten Werte auf sie einwirken, aber wir sind dabei eben nicht die einzigen.

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Es ist auch gar nicht so einfach, genderneutrales Spielzeug zu finden.

Das Angebot hat sich die letzten 20 Jahre massiv verändert bei Kleidung und Spielsachen. Aktuell werden ja sogar Legos in Rosa und Hellblau angeboten. Sogar Tiere sind gegendert: Haie sind für Buben, Delfine für Mädchen. Wir reden einerseits gesellschaftlich über Genderneutralität, aber in der Kleidungs- und Spielzeugindustrie wird genau das Gegenteil zelebriert. Auch wenn ich als Eltern gegensteuere, sind Kinder überall diesen Reizen ausgesetzt. Und Kinder im Alter von vier und fünf sind stark darauf bedacht, konform zu sein. Außerdem wird für sie im Alter von fünf und sechs wichtig, ihr Geschlecht klar zu unterscheiden und zu sagen „Ich bin ein Mädchen“ oder „Ich bin ein Bub“.

Sollte wir als Eltern nicht bewusst gegensteuern?

Das ist keine einfach zu beantwortende Frage. Denn wenn ich gegensteuere und einem Mädchen bewusst Kleider kaufe, die nach Jungssachen aussehen, setze ich es den Reaktionen der Umwelt aus. Das sollten Eltern bedenken. Beim Thema Spielen würde ich keine Spiele unterbinden, sondern mir die Interessensgebiete des Kindes genau ansehen und überlegen, wo ich mit Alternativangeboten anknüpfen kann. Zum Beispiel mit Spielen in der Natur. Die machen allen Kindern Spaß und sind genderneutral. Wenn es Ihnen wichtig ist, dass Ihr Kind vielfältige Spielangebote bekommt, sollten Sie sich auch informieren, wie das im Kindergarten gehandhabt wird, wie die Erzieherinnen das sehen. Dort kann man sich als Eltern auch einbringen über den Elternbeirat oder bei Elternabenden.

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Soll ich meiner Tochter sagen, dass ich Rosa doof finde?

Also ich würde nicht sagen „Rosa ist doof“, sondern zeigen, dass es noch andere Farben gibt, die auch schön sind und auch in ihrer Spielewelt auftauchen, zum Beispiel im Regenbogen. Oder wenn die Tochter mal eine andere Farbe trägt können Sie betonen, wie schön sie darin aussieht.

Haben Prinzessinnenspiele auch Ihr Gutes?

Jedes Spiel hat etwas Gutes. Wenn ein Kind in Rollen schlüpft, lebt es seine Kreativität und Fantasie aus. Die Frage ist, welche Vorlage es dafür hat. Kennt es Prinzessinnen aus Büchern oder Hörspielen, hat der Geist Möglichkeiten, eigene Geschichten zu spinnen. Hat das Kind einen Film wie „Anna und Elsa“ zur Vorlage, wird der Geist geschrumpft, denn das Kind hat dann schon eine sehr genaue visuelle Vorlage. Bei der Auswahl von Büchern und Filmen sollte man also darauf achten, wie stereotyp diese sind. Aber prinzipiell ist es auch nicht schlimm, wenn Ihr Kind gern Prinzessin spielt. Wenn Ihnen wichtig ist, dass es Werte wie Gleichberechtigung verinnerlicht, ist es viel wichtiger, dass Sie ihm diese zum Beispiel in Ihrer Partnerschaft vorleben.

Meine Tochter möchte unbedingt eine Barbie. Ich hab noch eine Kiste mit Barbies aus meiner Kindheit. Sollte ich die ihr geben – obwohl sie ein fragwürdiges Körper- und Frauenbild vermitteln?

Barbie und Ken sind sicherlich Körperkultfiguren. Wichtig fände ich, dass die Tochter noch Alternativen dazu hat. Oder dass Sie mit ihr beim Spiel daran anknüpfen und darüber hinaus gehen. Wenn das Kind zum Beispiel ein Barbiehaus will, kann man das ja gemeinsam bauen, basteln und gestalten. Dann wird daraus schon wieder etwas anderes. Mir ist es wichtig zu betonen: Es ist nicht schlimm, wenn Kinder typische Mädchen- oder Jungsdinge mögen. Auch aus einer rosa Prinzessin kann eine selbstbewusste Frau werden.

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Was bei ihr auch schon ein großes Thema ist: Aussehen. Sie will zum Beispiel lieber glatte Haare haben als Locken. Wie vermittele ich meinem Kind, sich so zu mögen, wie es ist?

Der Druck auf Mädchen und Jungs in Sachen Aussehen ist größer geworden, es geht viel um Selbstoptimierung. Und das fängt immer früher an. Auch hier sind Eltern wichtige Vorbilder: Wenn ich mich schön finde, Spaß an mir habe, mich wohl im Körper fühle, kann ich diesen Selbstwert transportieren. Und Sie dürfen durchaus den Wunsch der Kinder befriedigen, sich schön zu machen, indem Sie mit ihnen Verkleiden spielen oder sich gemeinsam frisieren. Das gilt auch für Jungs. Außerdem sollten Eltern darauf achten, bei anderen Menschen nicht das Aussehen in den Vordergrund zu stellen. Und zu Ihrer Tochter: Ich würde sie fragen „Wie kommst du auf die Idee, dass deine Locken nicht schön sind? Hat jemand was gesagt?“ Also erspüren, wie das Kind zu dieser Aussage kommt. Und dann könnten Sie sich mal die Mühe machen, nach Figuren aus Filmen, Büchern oder der Realität zu suchen, die das Kind mag und die Locken haben. Oder ihm zeigen, wer in der Verwandtschaft auch Locken hat und so eine Verbindung zur Familie herzustellen.

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Unsere Expertin

Sozialpädagogin

Sabine König. Foto: Lichtgut

Sabine König (62) ist seit vielen Jahrzehnten eine Konstante in der Stuttgarter Elternarbeit und -beratung. Die Sozialpädagogin und systemische Therapeutin war in den 90er Jahren eine der ersten, die Pekip-Gruppen für Mütter und Kinder anbot und eine Schreibabyberatung ins Leben rief. Heute berät sie in ihrer Praxis für Beziehungs- und Erziehungsfragen in Stuttgart Mütter und Väter und ist für Vorträge buchbar. Viele Jahre war sie auch im Auftrag des Jugendamtes unterwegs, hat mit Alleinerziehenden und Pflegefamilien gearbeitet. Sabine König ist Mutter zweier erwachsener Söhne.