Tränen im Schulbus, wütende Eltern und eine ratlose Rektorin – so etwa ging es vergangene Woche in Furtwangen zu.
Furtwangen - "Über Stunden wussten wir nicht, wo unsere Kinder sind." Was sich nach einem schlechten Film anhört, haben Isabel Wichmann aus Rohrbach und einige andere Eltern vergangene Woche erlebt. Das Szenario: Sieben Rohrbacher Grundschüler, fünf Erstklässler und zwei Drittklässler, befinden sich auf Irrwegen mit dem Schulbus, landen am Ende in Villingen – und die besorgten Eltern haben keine Ahnung, wo ihre Kinder stecken.
Doch wie konnte das passieren? Ursächlich sind die neuesten Fahrplanänderungen im öffentlichen Busverkehr, von denen auch die Buslinie nach Schönenbach und Rohrbach betroffen ist. Demnach gibt es neuerdings zum Ende der vierten Schulstunde an der Friedrichschule keine direkte Verbindung mehr nach Schönenbach und Rohrbach. Die Kinder müssen zuerst an den Rößleplatz fahren und dort selbstständig umsteigen.
Dass dies zu Problemen führen könnte, war offensichtlich auch der Schulleitung der Friedrichsschule im Vorfeld klar – so wurde für die ersten Wochen eine Lehrkraft eingesetzt, die dafür sorgen sollte, dass die Kinder in den richtigen Bus steigen. Doch das klappte am vergangenen Freitag nicht. Laut der zuständigen Lehrerin war der richtige Bus wohl falsch ausgeschildert – und daher bereits im Vorfeld ohne die Rohrbacher Kinder abgefahren. Ein weiterer Bus fuhr in Richtung Vöhrenbach. Laut der Schulleitung versicherte sich die Lehrerin beim Busfahrer, ob dieser auch nach Rohrbach fahre. Laut ihr habe der Busfahrer dies bejaht – doch von Schönenbach aus fuhr er weiter nach Vöhrenbach, ohne in Richtung Rohrbach abzubiegen. "Was stimmt jetzt und vor allem, wer trägt die Verantwortung? Darüber können Schule, Schulträger, Landratsamt und Busunternehmen nun debattieren", meint Wichmann.
"Ein unhaltbarer Zustand"
In jedem Fall nahm dann das Unglück seinen Lauf. Die Kinder waren erst einmal verschwunden, der Bus nahm sie mit nach Villingen. Zwischenzeitlich habe sich sogar die Polizei gefragt, "wer diese Kinder seien und wo sie hin müssten", erzählt Wichmann. Ein Mobiltelefon hätten Erstklässler üblicherweise noch nicht, merkt sie an. Nicht nur für die Kinder sei dies "eine äußert angstauslösende und verunsichernde Tortur" gewesen, betont die Mutter, "sondern auch für uns Eltern, die nicht wissen, wo unsere Kinder sind, ein unhaltbarer Zustand". Ihre Tochter habe auf der Irrfahrt die ganze Zeit über geweint.
Aus ihrer Sicht besteht dringender Handlungsbedarf: "Es kann nicht sein, dass die Kinder nach der vierten Stunde auf sich alleine gestellt sind und nicht wissen, wo sie einsteigen müssen." Sie und weitere Eltern forderten daher entweder wieder die Anfahrt der Bushaltestelle Friedrichschule nach der vierten Schulstunde oder eine Betreuung der Kinder bis zum Ende der fünften Stunde in der Schule, "wohlgemerkt ohne Anmeldung im Hort, der ohnehin schon mit Platzkapazitäten kämpft". Und der darüber hinaus "sehr teuer" sei.
In der Kritik: Schulschluss nach der vierten Stunde
Bei den meisten Grundschulen im Kreis käme ein Schulschluss vor der fünften Stunde gar nicht mehr vor, meint sie. "Das wäre – auch politisch betrachtet – für arbeitende Eltern wieder ein Schritt in Richtung Vereinbarkeit von Familie und Beruf – vor allem aber die Gewissheit und das beruhigende Gefühl, dass unsere Kinder in den richtigen Bus einsteigen", sagt Wichmann. Was sie außerdem stört: "Es kam seitens der Schule keinerlei Entschuldigung." Mittlerweile liegen die Forderungen der Eltern deshalb auch schon im Rathaus auf dem Tisch.
Doch was sagt man in der Friedrichsschule dazu? Rektorin Cornelia Jauch kann über die Vorwürfe nur den Kopf schütteln. "Wir als Schule können ja gar nichts für diesen Vorfall", sagt sie – und erzählt: Die zuständige Lehrerin habe sich mehrfach beim Busfahrer versichert, dass er die Kinder nach Rohrbach fährt. "Vielleicht hat er Vöhrenbach und Rohrbach wegen der gleichlautenden Endung verwechselt", mutmaßt sie. Als die Kinder dann nicht in Rohrbach ankamen, habe man "alles Menschenmögliche getan, um die Kinder heim zu bringen". Jauchs Fazit: "Das war einfach nur ein Missverständnis."
Freiwilliges Angebot der Schule
Dass überhaupt eine Lehrkraft seit der Fahrplanänderung Anfang Dezember mit den Kindern zum Rößleplatz fahre, sei reine Kulanz, "eine freiwillige Leistung von uns" – zum Beginn des zweiten Halbjahres soll damit nun auch Schluss sein. Denn schließlich ende die Aufsichtspflicht der Schule, sobald die Kinder das Schulgelände verlassen. Eine Busaufsicht muss die Schule daher nur an jener Haltestelle stellen, die direkt an der Schule liegt.
Die nun erhobenen Vorwürfe machen die Rektorin fassungslos: "Uns als Schule nun zu unterstellen, dass sei Kindswohlgefährdung und dass wir die Kinder wissentlich in einen falschen Bus hineinsetzen – da frag ich mich: ernsthaft?"
Unzumutbar oder relativ sicher?
Ursprünglich sei innerhalb der Fahrplanänderungen sogar geplant gewesen, dass die Busse auch nach der fünften Stunde nicht mehr die Haltestelle an der Friedrichschule anfahren. Doch das habe man, erklärt Jauch, noch abwenden können. Dennoch wollte man den Eltern entgegenkommen. "Für uns war immer klar, wir bringen den Kindern bei, wie sie fahren müssen. Dafür stehen wir unter Umständen auch mal eine Dreiviertelstunde in der Kälte herum, das war kein Problem für uns." Zudem findet sie: "Für Kinder ist das eigentlich ein relativ sicherer Weg."
Wer damit nicht konform ginge und seine Kinder nach dem Unterricht nicht selbst betreuen könne, hätte die Möglichkeit, die Hortbetreuung in Anspruch nehmen. Die Randzeitenbetreuung im Hort sei natürlich kostenpflichtig, erklärt Jauch. Aber: "Dann muss ich eben in den sauren Apfel beißen, und mich dort anmelden."
Umsetzung ist nicht einfach
Die Frage aber, die sich jetzt stellt: Muss die Friedrichschule tatsächlich eine Betreuung bis zur fünften Schulstunde anbieten? Die nun involvierte Stadtverwaltung und das Landratsamt meinen: ja. Cornelia Jauch will genau das nun juristisch klären lassen. Denn die Umsetzung sei alles andere als einfach, wie sie mit einem Rechenbeispiel erläutert: Erstklässler etwa hätten pro Woche 23 Unterrichtsstunden – sofern sie Religionsunterricht haben. "Dann haben sie 23 Stunden durch fünf Schultage, das können ja niemals fünf Stunden täglich sein."
Die Konfessionslosen hätten logischerweise noch weniger Stunden, zudem gebe es gerade keine evangelischen Religionslehrer an der Schule. Daher sei man abhängig von externen Fachlehrern, etwa von Pfarrern. "Der kann nur in der fünften und sechsten Stunde kommen – automatisch haben die Konfessionslosen früher aus", erklärt sie. Bei einer Stundenplanumstellung könnte es dann sein, dass "ein Pfarrer mal in der ersten und mal in der sechsten Stunde" an die Schule kommen müsste. "Dann kann es sein, dass er sagt: Okay, dann komm’ ich gar nicht mehr", erklärt Jauch ihre Befürchtungen in Zeiten des aktuellen Lehrermangels. "Dann habe ich noch weniger Lehrerstunden." Und: "Ab der fünften Stunde habe ich für acht Klassen nur noch sieben Lehrer zur Verfügung."
Aber auch ein Unterrichtsmodell von der zweiten bis zur fünften Stunde hätte seine Tücken. Denn dann hätten auch die Eltern, die früh zur Arbeit müssen, ein Problem. Zudem "bricht mir dann vielleicht eine Lehrkraft weg", erklärt die Rektorin. "Stundenplantechnisch kann ich das gar nicht anders lösen", sagt sie ratlos. Am liebsten, meint Jauch, hätten die besagten Eltern wahrscheinlich einen Unterricht von der ersten bis zur sechsten Stunde. "Aber so viele Stunden und Lehrer habe ich gar nicht."