Norbert Hofste in seiner Wohnung in Ebersbach Foto: Horst Rudel

Tränen, Hoffnungsschimmer und Gedanken an den Retter: Norbert Hofste aus Ebersbach lebt heute mit einer neuen Niere. Möglich war das durch eine Organspende. Doch eine lange Warte- und Leidenszeit ist der Transplantation vorausgegangen.

Einem Ritual ist Norbert Hofste seit dem 7. März 2017 treu geblieben: Jeden Abend vor dem Schlafengehen spricht der 64-Jährige in Gedanken zu seinem Lebensretter, bedankt sich bei ihm und ruft sich noch einmal ins Gedächtnis, welch großes Glück er hatte. Das Glück, ein zweites Leben geschenkt bekommen zu haben – mit einer neuen Niere durch eine Organspende. Mehr als elf Jahre hat er darauf gewartet, obwohl anfangs von drei Jahren die Rede war. „Das war eine lange und zähe Zeit, aber ich habe die Hoffnung nie verloren“, sagt Hofste. Das Problem bei der Suche nach einem Spender war: seine Blutgruppe 0 negativ. Weil Spender mit dieser Blutgruppe auch kompatibel mit den anderen Blutgruppen sind, seien die „0er-Empfänger“ vergessen worden, erzählt Hofste: „Ich kenne viele mit meiner Blutgruppe, die lange auf ein neues Organ gewartet haben.“

 

Die regelmäßige Dialyse hielt Norbert Hofste am Leben

Acht bis zehn Jahre warten Patienten hierzulande durchschnittlich auf eine Niere. Laut der Organspende-Stiftung Eurotransplant stehen rund 8500 Menschen in Deutschland auf der Warteliste für ein neues Organ, die meisten davon, etwa 6600, benötigen eine Niere. In Baden-Württemberg warten etwa 1000, knapp 790 auf eine Niere. Allein im Klinikum Stuttgart, wo Hofste behandelt wurde, stehen derzeit 235 Patienten auf der Warteliste. Für viele kommt die Hilfe zu spät: 724 Patienten auf der Warteliste sind laut vorläufigen Zahlen von Eurotransplant im vergangenen Jahr in Deutschland verstorben.

Norbert Hofstes Leidenszeit begann im Alter von 40 Jahren, als er bei der Blutspende wegen hohen Blutdrucks immer wieder nach Hause geschickt wurde. Sein damaliger Hausarzt riet ihm, sich mal untersuchen zu lassen. „Ab meinem 40. Geburtstag ging es bergab. Da hat mein Immunsystem plötzlich gemeint, es müsse meine Nieren bekämpfen“, erzählt der Mann aus Ebersbach an der Fils mit seiner angenehmen, ruhigen Stimme. Die regelmäßige Dialyse hielt Hofste am Leben, dreimal in der Woche wurde mit diesem Verfahren sein Blut von den giftigen Stoffen befreit. „Das reicht, um nicht zu sterben“, sagt er.

Doch joggen gehen etwa, wofür er sich zuvor immer wieder mit seinen Freunden getroffen hatte, wurde während der Dialysezeit undenkbar, dafür fehlte ihm einfach die Energie. So schwanden auch seine sozialen Kontakte. Eine Lebendspende kam für den Ebersbacher aus ethischen Gründen nicht infrage. „Was, wenn der Spender mit seiner verbleibenden Niere Probleme bekommt?“

2016 musste Norbert wieder gehen – ohne eine neue Niere

Im März 2016 dann ein vermeintlicher Hoffnungsschimmer: Hofste fuhr gerade auf der Autobahn, als sein Handy anfing, permanent zu klingeln, zehn Anrufe in 15 Minuten seien es gewesen, erzählt er. Er parkte sein Auto und hörte die erfreuliche Nachricht: „Man hat im Katharinenhospital in Stuttgart eine Niere für mich“, erzählt er. Doch im Krankenhaus folgte auf Freude Enttäuschung: Bei der Voruntersuchung fanden die Ärzte Infiltrationen in seiner Lunge, „ich hatte vier Wochen zuvor eine schwere Erkältung“, erzählt Hofste. Er musste wieder gehen – ohne eine neue Niere.

Heute erinnert er sich noch gut an die Worte des Arztes damals: „Geht es Ihnen gut? Sind Sie gar nicht traurig?“ Hofste antwortete ihm trocken: „Doch, aber damit muss man rechnen.“ Das passt zu dem 64-Jährigen, der sich von der Hauptschule bis zum Ingenieur beim Daimler hocharbeitete und über sich selbst sagt: „Ich bin eher Realist, manche sagen vielleicht Pessimist.“ Deshalb machte er auch im Jahr darauf an jenem 7. März beim zweiten Anruf um 2 Uhr nachts erst einmal keine großen Freudensprünge, sondern war „gedämpft hoffnungsvoll“. Wer weiß, ob die Ärzte ihn vielleicht erneut wieder nach Hause schicken? Doch dieses Mal lief alles glatt. Fast alles.

Nach Gespräch in Gedanken mit Spender arbeitet die neue Niere plötzlich

Denn die neue Niere wurde ihm zwar erfolgreich transplantiert und wurde glücklicherweise nicht abgestoßen, doch sie wollte in Hofstes Körper offenbar nicht arbeiten. Er selbst erklärt das so, wie man es von einem Ingenieur erwarten würde: „Es ist wie bei einem älteren Auto mit Schaltgetriebe. Der Motor läuft zwar, aber jemand drückt die Kupplung und lässt nicht los.“

Am 9. Tag nach der Transplantation hatte sich Hofste deshalb in Gedanken an seinen Spender gewandt: „Das ist alles wunderbar, dass du mir deine Niere gespendet hast, aber wäre es okay, wenn du sagen könntest, ob sie laufen darf oder nicht?“

Und tatsächlich: Als hätte der Spender Hofstes Worte erhört, stupfte den Ebersbacher am nächsten Morgen die Krankenschwester aufgeregt an und rief: „Sie läuft, sie läuft.“ Gemeint war natürlich die neue Niere. Hofste analysiert auch das in typischer Ingenieur-Manier: „Das ist wie eine Software, man muss nur irgendwo ein Häkchen setzen.“

Karl Lauterbach will die Widerspruchslösung für Deutschland

Mit dem Thema Organspende kam der Ebersbacher schon lange vor seiner Diagnose in Berührung, sein Fahrlehrer drückte ihm und seinem Kumpel 1976 Organspendeausweise in die Hand, als sie den Motorrad-Führerschein bestanden hatten. „Dann fahrt ihr vorsichtig, wenn ihr wisst, dass jemand auf euch wartet“, hatte der Fahrlehrer damals zu ihnen gesagt. Doch die beiden 17-Jährigen hatten zu der Zeit andere Sachen im Kopf: „Ich habe nie daran gedacht, dass ich mal auf der anderen Seite als Empfänger stehen würde“, erzählt Norbert. Heute ist ihm klar: „Das ist keine Entscheidung des Alters, niemand weiß, wann er stirbt und was er vielleicht irgendwann braucht.“ Aber viele hätten Angst, „dass sie nicht tot sind, wenn sie tot sind“, erzählt Hofste.

Einen Rückgang von 6,9 Prozent bei der Zahl der Organspender verzeichnete die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) im vergangenen Jahr. Um mehr Menschen für eine Organspende nach ihrem Tod zu gewinnen, hat Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) jüngst wieder die Widerspruchslösung für Deutschland ins Spiel gebracht: Also nur wer aktiv widerspricht, spendet nach dem Tod keine Organe – so wie es in zahlreichen anderen Nachbarländern wie etwa in Österreich oder Frankreich der Fall ist.

Am Krater eines Vulkans konnte Norbert die Tränen nicht zurückhalten

Deutschland selbst profitiert von den Gesetzen in diesen Ländern, da über den Eurotransplant-Verbund viele Organe aus dem Ausland auch hierzulande Menschenleben retten. 474 Organe hat Deutschland im vergangenen Jahr auf diese Weise erhalten – und damit mehr, als von hier ins Ausland gespendet wurden (339).

In Hofstes Familie hat jeder einen Organspendeausweis. „Ich musste da niemanden bearbeiten“, sagt er. Und heute sind für den 64-Jährigen wieder Dinge möglich, die während der Dialysezeit undenkbar waren: Fast jeden Tag geht Hofste eineinhalb Stunden laufen und hat sich vor Kurzem auch ein E-Bike gegönnt. Die Freude über die gespendete Niere brach 2018 bei einer Reise nach Ecuador so richtig aus ihm heraus. Mit einer Reisegruppe ging es hoch auf einen Vulkan. Während die anderen bis zum Gipfel wanderten, setzte sich Hofste alleine an einen ruhigen Platz, blickte auf den Krater und ließ seinen Tränen freien Lauf. Weil er realisierte: „Ohne meinen Spender hätte ich das nicht erlebt.“ Dafür dankt ihm Hofste nicht nur, wenn er auf Reisen ist. Sondern jeden Abend.

Um die 60 Nierentransplantationen pro Jahr in Stuttgart

Organtransplantation
Im Transplantationszentrum im Klinikum Stuttgart haben Dialysepatienten aus dem Großraum Stuttgart die Möglichkeit, eine Transplantation durchführen zu lassen. Dort wurde 1986 erstmals erfolgreich eine Niere transplantiert. Seitdem fanden rund 1900 Nierentransplantationen, davon knapp 500 Lebendnierentransplantationen, statt.

Operationen
Im vergangenen Jahr wurden im Klinikum Stuttgart über 50 Nieren transplantiert. Das entspricht dem Trend der Vorjahre, in denen meist um die 60 Nierentransplantationen stattfanden. In den Pandemiejahren 2020 und 2021 waren es etwas weniger.