Patrick Esume, der Commissioner der European League of Football (ELF), lobt die Arbeit von Trainer und Management. Ist für die Stuttgarter nun sogar der Titelgewinn möglich?
Als „Coach“ Esume hat er sich am Spielfeldrand und als TV-Experte einen Namen gemacht. Eines seiner Herzensprojekte ist die European League of Football: Commissioner Patrick Esume spricht über den Höhenflug des Surge-Teams, das sich vorzeitig für die Play-offs qualifiziert hat – und erklärt, warum Stuttgart ein enorm wichtiger Standort für die ELF ist.
Herr Esume, waren Sie diese Saison schon im Gazi-Stadion?
Selbstverständlich.
Bei welchem Spiel?
Beim 33:14-Sieg gegen die Barcelona Dragons.
Welchen Eindruck haben Sie gewonnen?
(überlegt) Sportlich hat der neue Coach Jordan Neuman für einen unglaublichen Umschwung gesorgt, seine Handschrift ist sofort zu sehen – der Erfolg spricht absolut für ihn. Aber auch die Zuschauerzahl und die ganze Atmosphäre im und ums Stadion ist eine andere als in den ersten Jahren. Dies zu sehen, hat mich mit Freude erfüllt.
2022 hat Stuttgart Surge kein einziges Spiel gewonnen. War das Team damals das Sorgenkind der Liga?
Nein. Ich weiß als erfahrener Footballer, wie nahe Erfolg und Misserfolg beieinander liegen. Da kann manchmal schon eine Personalie alles verändern – wie in Stuttgart an Jordan Neuman zu sehen ist, der eine ganz andere Dynamik in die Sache gebracht hat. Deshalb war Stuttgart Surge nie ein Sorgenkind. Und jetzt hat die Franchise ja die perfekte Richtung eingeschlagen.
Folglich war der neue Cheftrainer die entscheidende Verpflichtung?
Absolut.
Was zeichnet Jordan Neuman aus?
Er hat nicht nur Titel in der German Football League gesammelt wie andere Leute Briefmarken, er verfügt zudem über große Erfahrung, richtig mit Spielern umzugehen und erfolgreich ein Football-Team zu formen. Das hat er in Schwäbisch Hall bewiesen, und er macht dies jetzt in der ELF auf dem nächsten Level erneut.
Trotzdem war nicht damit zu rechnen, dass Stuttgart Surge in die Play-offs einzieht. Hat Sie dieser Erfolg überrascht?
Nicht wirklich. Ich habe schon vor der Saison gesagt, dass Stuttgart Surge mein ‚dark horse’ ist, wie man im Football sagt – also das Team, das alle überraschen und durchstarten kann. Ich bin froh, dass ich mit dieser Ahnung nicht falsch lag.
Wo kam diese Intuition her?
Zum einen bin ich seit 30 Jahren im Football unterwegs, und zum anderen weiß ich, was Jordan Neuman kann.
Können die Stuttgarter auch in den Play-offs etwas reißen?
Auf jeden Fall. Sie werden im Wildcard-Game vermutlich Heimrecht haben, und in dem kleinen Kessel in Degerloch haben sie gute Chancen, ins Halbfinale zu kommen. Dort gelten dann eigene Gesetze. Da hängt nicht nur viel an der Strategie, sondern auch an der Motivation der Spieler und der Erfahrung in großen Spielen. Die hat Jordan Neuman. Das Märchen könnte bis zum Finale in Duisburg weitergehen.
Ist sogar der Titel drin?
Ich traue Stuttgart Surge alles zu!
Obwohl die Vienna Vikings, Rhein Fire aus Düsseldorf und Frankfurt Galaxy eine noch bessere Bilanz haben?
Diese Teams spielen in anderen Conferences, Stuttgart Surge hatte auf dem Papier die schwierigsten Aufgaben. Den Quervergleich gab es bisher noch nicht. Insofern ist sicher alles möglich.
Die sportliche Seite ist das eine, es gibt aber auch noch die strukturelle: Wie wichtig ist der Standort Stuttgart für die ELF?
Extrem wichtig. Stuttgart ist der Dreh- und Angelpunkt in Baden-Württemberg, der VfB spielt als etablierte Marke in einem großen Stadion, Mercedes und Porsche sind vor Ort. Das ist ein großer, sehr attraktiver Standort für die ELF. Stuttgart ist im Südwesten Deutschlands das Epizentrum des Footballs.
Welche Entwicklungschancen gibt es?
Es ist noch einiges möglich, gerade wenn man sich anschaut, welche Kooperation in Hamburg zwischen den Sea Devils und dem HSV stattgefunden hat. Beim Saisoneröffnungsspiel im Volksparkstadion waren 32 500 Fans. Wenn die Stuttgart Surge es schafft, den Schulterschluss mit dem VfB zu vollziehen und mal ein Spiel in die große Arena zu bringen, könnte man sicher ähnliche Zuschauerzahlen etablieren.
Sie wissen, wovon sie sprechen.
Das stimmt. Ich habe 1996 in meiner aktiven Karriere den Eurobowl, also sozusagen das Finale der Champions League, in Stuttgart gespielt – vor 25 000 Menschen, damals noch im Gottlieb-Daimler-Stadion. Mit den Hamburg Blue Devils haben wir gegen Aix-en-Provence 21:14 gewonnen, da war also nicht mal ein Stuttgarter Team beteiligt. Das spricht Bände über das Potenzial in der Region.
Wie beurteilen Sie die Arbeit der Surge-Verantwortlichen um CEO Suni Musa?
Sie sind mit unglaublich viel Herzblut und Engagement dabei. Immer wenn ich mit Suni Musa spreche, merke ich, wie wichtig ihm diese Mannschaft und dieser Standort sind. Da gehen alle all-in.
Haben Sie dafür ein Beispiel?
Nach dem Spiel gegen Barcelona sind wir bei den Jazz Open gewesen. Da waren wir mit einigen Vertretern des VfB unterwegs, und es war zu sehen, wie er versucht, ständig sein Netzwerk zu erweitern und uns als Liga zu involvieren. Das hat mich beeindruckt.
Welche Punkte könnten noch verbessert werden?
Natürlich hätten die Franchise und wir als Liga gerne noch mehr Menschen im Stadion, noch mehr Möglichkeiten für PR und Vermarktung – und vielleicht ja die Kooperation mit einem großen Fußball-Club. Das ist das, was wir als Sportart noch besser machen können. Wir müssen versuchen, die mediale Reichweite, die wir mittlerweile haben, stärker nutzen, um noch mehr Sponsoren und Partner zu akquirieren und mehr Fans zu den Spielen zu bringen. Aber das ist ein Prozess.
Warum ist die ELF bisher noch keine Liga, in der vor allem Vollprofis spielen?
Weil die Vollzeit-Bezahlung nicht sofort die Qualität der Spieler steigern würde. Denn das Spielermaterial bleibt ja dasselbe.
Bekommt man für mehr Geld nicht automatisch mehr Klasse?
Dann müssten wir Leute aus Amerika holen. Doch der Fokus der European League of Football liegt auf dem europäischen Spieler, nicht auf dem Import-Profi. Uns ist wichtig, den Homeground-Spieler in den Vordergrund zu stellen. Deshalb gibt es auch eine Beschränkung für US-Profis. Wenn jetzt die Frage kommt, ob sich die ELF weiter professionalisieren wird . . .
. . . dann lautet Ihre Antwort?
Das ist der Plan. Aber wir sind ja ganz jung, noch nicht einmal drei Jahre alt. Wir sind ein Kleinkind, im wahrsten Sinn des Wortes. Alles muss Schritt für Schritt gehen. Wir haben noch eine lange Reise vor uns.
Wie weit ist die ELF schon gekommen?
Wir können zufrieden sein mit dem, was wir in dieser kurzen Zeit gemeinsam mit den Teams auf die Beine gestellt haben. Wir sind stolz darauf, 32 000 Leute bei einem regulären Saisonspiel gehabt zu haben, an Standorten wie in Duisburg regelmäßig mehr als 10 000 Fans zu haben, ein Finale auszuverkaufen, auf tolle TV-Quoten zu kommen. Das sind Indikatoren dafür, dass wir viel richtig machen. Was aber nicht heißt, dass wir schon angekommen sind – bei weitem nicht.
Wie steht es um die Qualität der Spiele?
Im Vergleich zu Jahr eins hat sich massiv etwas getan – da befinden wir uns jetzt in einer anderen Galaxie. Der Wettbewerb ist viel besser geworden, deshalb ist jedes Team gezwungen, auch besser zu werden. Das begrüßen wir sehr.
Wie sieht die Perspektive der ELF aus?
Wir wollen mittelfristig 24 Teams aus 15 Ländern haben. Das wäre die Endausbaustufe. Und langfristig wollen wir den Transfer vom Halbprofi- ins Profitum schaffen. Aber da besteht kein Druck, wir können da ganz organisch hinwachsen.
Weil es keine Konkurrenz gibt?
Momentan nicht. Wir sind mit Abstand die beste Liga in Europa.