Auch mit Partys kann man Geld verdienen: Die Clubs über den Dächern der Favela Vidigal gehören zu den beliebtesten von Rio. Foto: Tobias Käufer/TK

Der Brasilianer Celso Athayde entdeckt Chancen, wo sich andere wegdrehen. Dies ist die Erfolgsgeschichte eines Mannes, der die Favelas mit Unternehmergeist voranbringen will.

Wasserflaschen, Leggins, Mangos: Das Warenangebot in der Favela Rocinha in Rio de Janeiro lässt an diesem Tag keine Wünsche offen. Die Preise sind niedrig und dem Zielpublikum angepasst. In einem der größten Armenviertel Brasiliens pulsiert das Alltagsleben. Tausende wuseln durch die engen Gassen auf der Suche nach den besten Angeboten. Busse und Moped-Taxis bringen unablässig Menschen in die Favela und auch wieder heraus.

 

Doch die Einheimischen bleiben meist unter sich. Brasiliens Oberschicht lässt sich hier kaum blicken, auch Touristen kommen höchst selten – und wenn, dann meist in geführten Touren. Eine der wenigen Ausnahmen: Clubs wie die über den Dächern der Favela Vidigal mit atemberaubender Aussicht sind beliebte Partylocations. Doch die Vorurteile wie die Berührungsängste überwiegen und halten viele auf Distanz: Favela bedeutet für Brasilianer viel Gewalt und Kriminalität. Spielfilme und Musikvideos verstärken dieses Image.

Athayde sieht das Potenzial und nicht die Probleme

Einer, der das ganz anders sieht, ist Celso Athayde (60). Der Brasilianer ist selbst in einer Favela in Rio de Janeiro geboren. Heute ist er ein mehrfach ausgezeichneter Unternehmer, erhielt beim Weltwirtschaftsforum in Davos eine Auszeichnung für seine bemerkenswerte Arbeit. Bei der Preisübergabe der Schwab-Foundation sprach er den Investoren ins Gewissen: „Wir werden entweder vom Reichtum profitieren, den die Favelas produzieren, oder wir werden weiterhin die Folgen der sozialen Ausgrenzung zu tragen haben, die die Weltelite nach wie vor produziert.“

Athayde sieht in den Armenvierteln erst einmal ihr Potenzial und nicht die Probleme: „Wenn man das Umsatzvolumen der brasilianischen Favelas nimmt, ist es größer als der Konsum von Paraguay und Bolivien zusammen“, sagt Athayde im Gespräch mit unserer Zeitung. Die – nach offiziellen Angaben 17 Millionen Menschen – die in brasilianischen Favelas leben, konsumieren und produzieren 207 Milliarden Real (41,4 Milliarden Euro) pro Jahr. Tatsächlich leben wohl weit mehr Menschen in den Armenvierteln. Athayde stellt klar: Das Umsatzvolumen beziehe sich auf den formalen angemeldeten Handel, nicht auf illegale Geschäfte wie Drogenhandel oder Glücksspiel. Die enormen Umsätze der legalen Wirtschaft zeigen, welche Marktmacht hier schlummert.

„Als ich sechs Jahre alt war, trennten sich meine Eltern, und ich ging buchstäblich auf die Straße“, erinnert sich Athayde (60). Von zwölf bis 14 lebte er in einem öffentlichen Heim, mit 14 zog er in eine andere Favela: „Ich wurde Straßenverkäufer.“ Doch als er zu handeln und zu verkaufen begann, erkannte Athayde schnell die Chancen des Marktplatzes Favela: „In dem Moment, an dem man diesem Ort Wohlstand und Einkommen schafft, verringert man automatisch die wirtschaftlichen Ungleichheiten.“ Und das bedeutete soziale Verbesserungen, weniger Gewalt, weniger Kriminalität, Aufstiegschancen.

Das klingt nach Armutsbekämpfung mithilfe von sozialer Marktwirtschaft. Heute ist Athayde Chef der – nach eigenen Angaben – weltweit einzigen Favela-Holding mit 27 Unternehmen. Er gründete die Nichtregierungsorganisation Central Única das Favelas (CUFA), die den Menschen vor Ort hilft. Während der Coronapandemie verteilte CUFA Lebensmittel in allen Favelas des Landes. Seine Unternehmen suchen nach Chancen, Produkte vor Ort selbst zu produzieren, zu verwalten und zu vermarkten. Mit jedem Geschäftserfolg wachsen das Netzwerk und die Chancen für die Favela-Bevölkerung, am selbst erzeugten Wirtschaftsaufschwung zu produzieren.

Eine Messe soll die Mauer einreißen

Athayde gründete eine Business-School und einen Investitionsfond (10 Millionen Euro), denn „die Menschen können zwar durch ihre Motivation, Geschäftsideen und ihr Charisma überzeugen, aber es fehlt ihnen die Sprache der Investoren zu sprechen und zu verstehen.“ Die Sprache der Favela sei eine andere, sagt Athayde. Zwischen Investoren und Favelas gibt es deshalb bisweilen nicht nur eine geografische, sondern auch eine kommunikative Mauer.

Diese Mauer der Ausgrenzung soll die Expo Favela einreißen, die von diesem Samstag bis kommenden Montag auch erstmals in Rio de Janeiro stattfindet. Ähnliche Ausstellung gab es auch schon in Sao Paulo. Bei der Messe treffen sich Jungunternehmer, Kreative und Ideen aus der Favela mit interessierten Investoren, die ansonsten wohl kaum aufeinandertreffen würden.

Athayde geht es auch um einen Mentalitätswechsel: Für ihn ist die Favela ein Markt mit ungeheurem Wachstumspotenzial, von dem beide Seiten profitieren könnten. Die Investoren und die Menschen vor Ort: „Das Wichtigste für mich ist, dass wir in der Favela die Idee des Unternehmertums als etwas, das das Leben verändert, etablieren.“ Den Rest machen die Menschen in den Favelas dann ganz von allein.