Humor und Schwermut sitzen da eng beisammen: Element of Crime spielen bei den Jazz Open im Alten Schloss in Stuttgart traurig-schöne Lieder – selbst einer ihrer frühen, englischen Songs ist aufgetaucht.
Stuttgart - „Soll ich irgendwas zu Corona sagen?“, fragt Sven Regener ganz knapp und launisch. „Nein? Alles klar!“ – und das Thema ist abgehakt, für den Rest des Abends regieren andere Schwingungen. Regener, 60 Jahre alt seit Januar, ist Frontmann der Gruppe Element of Crime, singt seit Jahrzehnten für sie mit einer Stimme, an der der Staub von tausend Wirtshäusern klebt, hat Bücher über das wilde Leben im Berlin der 1980er Jahre geschrieben, die von vielen gelesen werden – „Glitterschnitter“ heißt das neueste –, und er wird viel erzählen, an diesem Abend im September, bei den Jazz Open, im Innenhof des Alten Schlosses Stuttgart.
Element of Crime gründeten sich 1985, benannten sich nach einem frühen Film von Lars von Trier, nahmen Alben zuerst in englischer Sprache auf, wurden erfolgreich, als sie in ihre Muttersprache wechselten. 30 Jahre sind vergangen, seitdem sie mit „Damals hinterm Mond“ ihr erstes deutsches Album veröffentlichten – seither beliefern Element of Crime ein treues, tief empfindendes Publikum verlässlich mit einem schwärmenden, eleganten, aber leicht zerknitterten, verkaterten Weltgefühl, das jedem Alltag Poesie einhaucht. Humor und Schwermut sitzen da beisammen, schunkeln, tanzen Walzer oder Polka, während Akkordeon, Saxofon, Klarinette, Mundharmonika singen, eine Surfgitarre leise abhebt und Sven Regener wieder seine Trompete an die Lippen setzt.
Geschichten vom halb verschütteten Leben
Itamar Borochov, der mit seinem Quartett das Vorprogramm zu Element of Crime spielt, war gerade ein Jahr alt, als Regener und seine Freunde zum ersten Mal unter diesem Namen auftraten. Borochov hat seit 2014 mehrere Alben aufgenommen, auf denen er die Musik seiner israelischen Heimat mit dem Jazz des Westens verbindet. Im Alten Schloss wird er begleitet von Rob Clearfield am Piano, Cedric Raymond am Kontrabass, Jay Sawyer am Schlagzeug; der Ton von Itamar Borochovs Trompete steigt melodiös auf über dem kreisenden freien Spiel seiner Begleiter, das dem Fusion-Jazz der frühen 1970er Jahre sehr nahe kommt.
Auch Sven Regener nahm, im Frühjahr 2021, gemeinsam mit Ekki Busch, dem Akkordeonisten von Element of Crime, und Richard Pappik, der Schlagzeug, Percussion und Mundharmonika spielt, ein Jazz-Album auf, instrumental, ambitioniert. Regeners Trompetenspiel jedoch ist ganz im Diesseits zu Hause, mischt sich launisch ein in all die Geschichten vom halb verschütteten Leben, von Vorschlaghämmern und Paranoia, von der letzten U-Bahn und vom Himmel, in dem kein Platz mehr ist für zwei.
Verflossene Liebe liegt in der Luft
Mit 24 Stücken machen Element of Crime in Stuttgart die Runde durch die Jahre. Selbst einer ihrer frühen, englischen Songs taucht hier auf: „You shouldn’t be lonley Sister“ schrieb Sven Regener für seine Schwester; das Stück erschien 1987 auf dem Album „Try to be Mensch“, produziert von John Cale. In ihren Zugaben reist die Band zurück ins Jahr 1993, zu Liedern wie „Weißes Papier“ und „Draußen vor dem Fenster“.
Ein anderes Stück trägt den Titel „Am ersten Tag nach dem Weltuntergang“ und passt zur Zeit wie kein anderes. Es findet sich auf dem Album „Schafe, Monster und Mäuse“ von 2018, als noch keiner von Corona wusste. Sven Regeners Stimme schlendert kratzig den postapokalyptischen Kurfürstendamm hinab, die Romantik verflossener Liebe liegt in der Luft, die schiere Melancholie, und jeder weiß sogleich: Die Welt mag untergehen, aber das Leben geht weiter.
Arte überträgt vom 16. bis 19. September live von den Jazz Open Stuttgart. Übertragen unter arte.tv/jazzopen werden die Konzerte von Ben Howard, Black Sea Dahu, Lianne Le Havas, Sophie Hunger, Ina Forsman, Parov Stelar und Amy MacDonald. Die Streams stehen im Anschluss für drei Monate als Video-On-Demand zur Verfügung.