Die Stuttgarter Musikerin Siri Thiermann wird für ihr Projekt „Body Sound Machine“ gefördert und will ihr Publikum in analoge elektronische Klangwelten eintauchen lassen.
Wenn Siri Thiermann in ihrem Studio in Bad Cannstatt sitzt, blinkt und leuchtet es um sie herum. Bunte Kabel schlängeln sich über den Tisch, aus kleinen Boxen wummert ein dumpfer Ton, dann ein Rauschen, dann Stille. Sie dreht an einem Regler, schiebt einen Schalter. Plötzlich klingt es, als würde der Raum atmen. „Manchmal passiert etwas, das ich gar nicht geplant habe – und genau das sind die schönsten Momente“, sagt sie und lacht. „Dann denkst du: Halleluja, wie konnte das passieren?“
Siri Thiermann liebt analoge Synthesizer. Vor ihr stehen Geräte, die aus dem vergangenen Jahrtausend stammen könnten. Sie ist Theatermusikerin, Produzentin und Live-Performerin – und wird nun vom Landesprogramm Perspektive Pop 2.0 gefördert. 13.393,57 Euro erhält sie für ihr Projekt, dem sie den Arbeitstitel „Body Sound Machine“ gegeben hat: Dabei sollen vier Techno-Tracks entstehen, eine Schallplatte, zwei Konzerte – und eine intermediale Live-Performance, bei der Klang, Licht und Raum ineinander übergehen. „Ich will, dass das Publikum eintaucht“, sagt sie. „Dass man nicht nur hört, sondern spürt, wie der Sound den Raum verändert.“
Musik zwischen Kontrolle und Zufall aus dem Studio in Bad Cannstatt
Siri Thiermann, in Öschingen am Rand der Schwäbischen Alb aufgewachsen, hat in Hildesheim, Merseburg und Istanbul Kulturwissenschaften und Kulturvermittlung mit den Hauptfächern Theater und Musik studiert. In Stuttgart arbeitete sie zwischen 2019 und 2023 als Produktionsleiterin, schlich sich dann aber immer in die Musik hinein. Heute komponiert sie für Schauspielhäuser in Oberhausen oder Tübingen, spielt eigene Live-Sets, baut Klangräume, in denen Maschinen fast zu Schauspielerinnen werden. Zuletzt feierte am Theater Oberhausen das Stück „Sankt Falstaff“ mit ihrer Musik Premiere.
Siri Thiermanns Musik entsteht an der Schnittstelle von Technik und Kreativität, zwischen Kontrolle und Zufall. In ihren Performances stehen sie und ihre Geräte gemeinsam auf der Bühne – als Ensemble. „Ich stelle mich mit meinen Maschinen am liebsten in die Mitte des Raums. Ich mag das, wenn man ganz nah dran ist, wenn die Leute sehen, wie etwas entsteht.“
Unberechenbarkeit der Technik ist für Siri Thiermann eine Herausforderung
Im Gespräch wirkt sie ruhig, konzentriert, fast zart – aber wenn sie über ihre Geräte spricht, blitzt Begeisterung auf. Da erzählt sie von LFOs, Drum Machines und Kompressoren, erklärt, wie sie Klangwellen moduliert, Rauschen in Rhythmus verwandelt. Und davon, dass die Unberechenbarkeit und Komplexität der Hardware-Geräte immer auch eine Chance ist: „Ich weiß: Wenn ich irgendwo auftauche und mein Setup aufbaue, funktioniert immer erst mal irgendwas nicht“, sagt sie: „Das ist Teil der Arbeit. Aber auch Teil des Spaßes.“
Als Frau ist Siri Thiermann in einer von Männern dominierten Szene aktiv
Dass sie als Frau in einer Szene arbeitet, die immer noch stark männlich geprägt ist, nimmt sie pragmatisch. „Natürlich höre ich manchmal Sätze wie: ‚Krass, dass du das alles anschließen kannst!‘“, erzählt sie und verdreht die Augen. „Aber ich hab auch das Gefühl, dass sich was verändert. Es gibt immer mehr Frauen in der elektronischen Musik – und viele Institutionen achten mittlerweile darauf, dass die Bühnen diverser werden. Das ist gut so.“
Musikalisch bewegt sich Thiermann irgendwo zwischen Techno, Ambient und Theatermusik. Melodien interessieren sie weniger als Frequenzen, Räume, Strukturen. „Ich denke Musik nicht linear, sondern plastisch“, sagt sie. „Mich reizt die Tiefe, das Räumliche, das Experimentelle.“ Ihre Sounds sind dunkel und körperlich, manchmal sanft, manchmal dröhnend, immer suchend. „Ich glaube, ich bin auf der Suche nach einem Sound, den ich nie ganz finde. Jedes Mal, wenn ich näher komme, verschiebt er sich.“
Siri Thiermann ist gerne mittendrin im Maschinenraum
Im Frühjahr 2026 will sie mit der Arbeit an der neuen EP beginnen. Danach sollen die Live-Konzerte folgen – gemeinsam mit einer Medienkünstlerin oder einem Medienkünstler, die ein visuelles Konzept aus Licht und Projektionen beisteuert. „Ich wünsche mir, dass Musik, Raum und Bewegung ineinanderfließen. Dass man sich mitten in der Maschine fühlt.“
Stuttgart ist für sie längst mehr als eine Basis. „Hier gibt’s so viele tolle Leute, Kollektive, Labels. Man unterstützt sich gegenseitig, das ist besonders“, sagt sie. Ihr Label Selfcare Records, ihr Co-Produzent Nils Edte, das Popbüro, von dem sie 2024 ein Popstipendium erhalten hat – sie spricht von ihnen mit sichtbarer Dankbarkeit.
Traumprojekt der Musikerin aus Stuttgart: ein Science-Fiction-Soundtrack
Ob sie Existenzängste hat, als Freischaffende? Sie schüttelt den Kopf. „Klar, es war mutig, die Festanstellung aufzugeben. Aber ich hab’s noch keine Sekunde bereut. Ich mache gerade nur Dinge, die ich wirklich will.“
Und was wäre das große Traumprojekt? Sie überlegt kurz. „Der Soundtrack für einen Science-Fiction-Film vielleicht. Irgendwas Futuristisches. Ich glaube, das würde mir Spaß machen.“ Dann lehnt sie sich zurück, greift wieder zu einem der Synthesizer, dreht an einem Knopf, und plötzlich klingt der Raum wieder wie ein anderes Universum.