Die Querelen um den Buchhandlungspreis lassen aus dem Blick geraten, wofür er einmal ins Leben gerufen wurde: zur Wertschätzung der Arbeit, wie sie so engagierte Buchhändlerinnen wie Uscha Kloke in ihrem Botnanger Buchladen leisten. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Für Uscha Kloke vom Botnanger Buchladen hat der Deutsche Buchhandlungspreis eine große Bedeutung. Umso wütender ist sie auf dessen Beschädigung durch den Kulturstaatsminister.

Als die Nachricht eintraf, dass ihr Botnanger Buchladen in diesem Jahr wieder mit einer Nominierung für den Deutschen Buchhandlungspreis geehrt wurde, war die Freude bei Uscha Kloke und ihrem Mann, Joachim Arlt, groß. Doch auf die Freude folgte tiefes Befremden nach dem von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer provozierten Eklat. Wegen angeblich „verfassungsschutzrelevanter Erkenntnisse“ strich er eigenmächtig, ohne weitere Belege zu liefern, drei linke Buchhandlungen aus der von einer Fachjury zusammengestellten Nominierungsliste. Am Dienstag erfolgte die Absage der ursprünglich auf der Leipziger Buchmesse geplanten Preisverleihung.

 

Frau Kloke, Ihr Botnanger Buchladen zählt bereits zum sechsten Mal zu den Nominierten des Deutschen Buchhandlungspreises. Was ging Ihnen nach der Absage der Preisverleihung durch den Kulturstaatsminister Wolfram Weimer durch den Kopf?

Hier will sich jemand vor einem Termin drücken, der für ihn mit Sicherheit sehr unangenehm geworden wäre.

Aber fangen wir vorne an: Was heißt es eigentlich, nominiert zu sein?

Alle Nominierten sind zugleich Preisträger. Hundert Buchhandlungen erhalten ein Preisgeld in Höhe von 7000 Euro, weitere fünf kommen in die Preisgruppe von 15 000 Euro, und die höchste Dotierung liegt bei 25 000 Euro – das sind in aller Regel drei Buchhandlungen. So kommen diese 118 Nominierungen zustande.

Sie wissen aber im Moment noch nicht, in welche Kategorie Sie fallen?

Nein, aber wir gehen davon aus, dass wir, bei dem, was wir auf die Beine stellen können, wie bei früheren Auszeichnungen mit 7000 Euro Preisgeld rechnen dürfen, einmal haben wir es aber auch schon in die gehobene Kategorie geschafft. Das wären 15 000 Euro.

Jetzt sind es nur noch 115 Buchhandlungen. Es heißt, zumindest eine der drei von Kulturstaatsminister Weimer von der Preisliste Gestrichenen würde in diese Preisklasse fallen.

Das wird kolportiert, aber was weiß man schon bei diesem insgesamt höchst intransparenten Verfahren. Jedenfalls hat sich die Jury geweigert, für die drei aussortierten Buchhandlungen andere nachzunominieren, weil sie an ihrem Votum festhalten wollte.

Welche Bedeutung hat der Preis für Sie?

Das ist ein ganz enormer Rückenwind. Die Qualität der Veranstaltungen in allen Buchhandlungen, die in den vergangenen zehn Jahren ausgezeichnet wurden, hat geradezu einen Quantensprung erlebt, weil man eben viel mutiger agieren kann. Damit lassen sich auch Lesungen auf die Beine stellen, die kein Selbstläufer sind. Das Preisgeld ist daran gebunden, dass es investiert wird. Wir konnten uns damit beispielsweise eine Mikroanlage anschaffen, die wir überdies auch hier im Stadtteil an Initiativen verleihen, die froh sind, sie nutzen zu dürfen. Aber noch wichtiger als das Preisgeld, das zudem versteuert werden muss, ist die damit ausgedrückte Wertschätzung.

Wie sehr hat das Agieren des Kulturstaatsministers das Ganze nun beschädigt?

Gravierend. Schon allein, wenn man die Kommentare in den sozialen Netzwerken liest. Da geht es plötzlich nicht mehr darum, dass die Buchhandlungen besondere Arbeit geleistet haben. Diejenigen, die Herrn Weimar beipflichten, reden plötzlich von „Staatsknete“, als handele es sich dabei um Subventionen. Dabei geht es doch um viel mehr: Um die Arbeit im Veranstaltungsbereich, um Leseförderung, darum, dass man ein breites Sortiment bietet, nicht nur Sellerteller.

Dass sich ihr Sortiment zu weit nach links ausgebreitet hat, scheint den inkriminierten Buchhandlungen zum Verhängnis geworden zu sein.

Es ist völlig absurd, dass Herr Weimer Buchhandlungen, die sich mit ihrem Angebot eher weiter links bewegen, diesen Preis abspricht. Gewünscht ist doch gerade Vielfalt. Das zeichnet uns doch gegenüber vielen anderen Ländern aus: Dass es eine solch breit gefächerte Literatur- und Buchhandelslandschaft gibt. Und genau die beschädigt er damit. Es ist doch selbstverständlich, dass eine Buchhandlung im Prenzlauer Berg ein anderes Sortiment hat als wir hier im bildungsbürgerlichen Botnang. In Berlin gibt es Hunderte von Buchhandlungen, da muss man sich eine Nische suchen, in der man sich profilieren kann, ein Milieu, dem man sich zugehörig fühlt.

Es ist ja nicht der erste Eklat, den der Kulturstaatsminister sich leistet.

Am Anfang hat man vielleicht noch gedacht, nun ja, ein politisch unerfahrener Neuling. Mittlerweile zeichnet sich für mich aber ab, dass hier ganz gezielt Koordinaten nach rechts verschoben werden. Man hat den Eindruck, hier will einer aufräumen und der Kulturbetrieb steht unter scharfer Beobachtung.

Haben Sie an einen Boykott gedacht?

Das wurde diskutiert. Alle Nominierten sind aufgerufen, sich an einer Spendenaktion zugunsten der drei Buchhandlungen zu beteiligen. Und ich gehe davon aus, dass sich ein großer Teil von uns dem anschließt. Dass zumindest hat Herr Weimer erreicht: eine große geschlossene Solidarität der Kollegen untereinander.

Fahren Sie trotz der nun erfolgten Absage der Preisverleihung nach Leipzig?

Ja, ich persönlich werde Herrn Weimer dort nicht vermissen, wir werden trotzdem feiern. Unser Dachverband, der Börsenverein, organisiert eine alternative Party. Außerdem hat der Hanser Verlag großzügigerweise alle Nominierten zu einer Feier eingeladen. Ich glaube, es wird für alle ein schönes, rauschendes Fest werden. Anders als die von dem Kulturstaatsminister geplante Preisverleihung.

Inwiefern?

In den vergangenen Jahren war das immer ein sehr stilvoller Festakt. An unterschiedlichen Orten, mal in Frankfurt, in Heidelberg, in Rostock, auch einmal hier in Stuttgart, im Weißen Saal des Neuen Schlosses. Das war ein sehr würdiger Rahmen, der vor allem immer sehr viel Raum für persönliche Begegnungen mit den Kolleginnen und Kollegen ließ, mit denen man sich immer sehr viel zu erzählen hat. Herr Weimer dagegen hatte geplant, den Preis in einem Akt von einer Stunde kurz vor Messeschluss durchzuziehen. Wir haben hier schon über eine Preisverleihung to go gewitzelt.

Werden Sie sich noch einmal für den Preis bewerben?

Ich bin im Zweifel, ob der Preis mit einer neu formierten Jury überhaupt weitergeführt wird. Fraglich, ob man sich dafür noch einmal bewirbt, wenn man damit rechnen muss, dass der Verfassungsschutz erst einmal eine Gesinnungsprüfung anstellt.

Info

Buchhändlerin
Ursula Kloke, geboren 1964, absolvierte nach dem Abitur eine Ausbildung zur Sortimentsbuchhändlerin. Nach verschiedenen Stationen im Buchhandel machte sie sich 2001 selbstständig und übernahm gemeinsam mit ihrem Mann, Joachim Arlt, den Botnanger Buchladen, der in diesem Jahr bereits zum sechsten Mal für den Deutschen Buchhandlungspreis nominiert wurde. Mit regelmäßigen Autorenlesungen und literarischen Veranstaltungen wurde ihr Geschäft zu einem kulturellen Zentrum in dem Stuttgarter Stadtteil.

Jurorin
2015 war Uscha Kloke Mitglied in der Jury für den Deutschen Buchpreis.